21.03.2022

Ukraine-Krieg

«Gefahr hat hier eine andere Bedeutung»

Seit einer Woche ist Luzia Tschirky zurück im Westen der Ukraine. Im Interview sagt die SRF-Korrespondentin, wie sie an unabhängige Informationen gelangt. Zudem spricht sie über Nächte im Schutzkeller und sagt, wie sie persönlich mit den Eindrücken vom Krieg umgeht.
Ukraine-Krieg: «Gefahr hat hier eine andere Bedeutung»
«Arbeiten tue ich von dort, wo es gerade am besten möglich ist. Häufig von unterwegs», SRF-Korrespondentin Luzia Tschirky am Montagabend in der «Tagesschau». (Bild: Screenshot SRF)

Frau Tschirky, Sie befinden sich seit einer Woche in der ukrainischen Stadt Lwiw. Wie haben Sie die letzten Tage dort erlebt?
Ich musste mich in der Nacht auf Montag zweimal in den Schutzkeller begeben, weil es einen Alarm gab wegen eines möglichen Beschusses durch die russische Armee. Das war nun mehrere Nächte nacheinander der Fall. Die Sicherheitslage hat sich auch in Lwiw verschlechtert im Vergleich zu der Situation, die ich in der westlichen Ukraine zu Beginn des Kriegsausbruchs Ende Februar angetroffen habe.

Sie müssen immer wieder nachts das Bett verlassen wegen möglichen Angriffen. Wie gehen Sie damit um?
Es ist wichtig, dass man sich in so einer Situation diszipliniert an die Regeln hält und in den Luftschutzkeller geht. Wenn der zweite oder dritte Alarm abgeht und man zuvor schon eine Stunde im Keller sass, stellt sich verständlicherweise auch eine Erschöpfung ein, jetzt schon wieder in den Keller zu müssen. Dennoch muss die eigene Sicherheit Priorität haben.

«Angst nehme ich nicht wahr», sagten Sie der SI. Fühlen Sie sich in der aktuellen Situation sicher?
Überall herrschen nächtliche Ausgangssperren, je nach Stadt zu anderen Zeiten. In der Ukraine gibt es zurzeit keinen Ort, an dem man sich zu hundert Prozent sicher fühlen kann. Natürlich stehen strategisch wichtige Städte wie zum Beispiel Kiew besonders unter Beschuss. Aber die russischen Waffensysteme können mehrere 100 Kilometer in wenigen Minuten zurücklegen.

Inwiefern stehen Sie mit der Redaktion in Zürich in Kontakt?
Das Sicherheitskonzept sieht sogenannte Check-ins vor. Ich melde mich mehrmals täglich bei einer Person zu fix abgemachten Zeiten und schreibe, wo ich gerade bin. Bezüglich der redaktionellen Aufträge ist es ganz unterschiedlich. Je nach der aktuellen Entwicklung vor Ort, kann eine «Tagesschau»-Schaltung sehr rasch zustande kommen. Geschehen ist das zum Beispiel letzte Woche, als der Flughafen in Lwiw angegriffen wurde. Dann bleibt natürlich weniger Vorbereitungszeit. Wichtig ist auch immer die Frage nach dem Empfang. Können wir hier schalten oder geht das gerade nicht.

«Die grösste Relevanz, um an verifizierte Informationen zu gelangen, haben Berichte von Augenzeugen»

Wo wohnen Sie und wo arbeiten Sie?
Aus Sicherheitsgründen nenne ich meinen konkreten Aufenthaltsort nicht. Ich publiziere auf Social Media auch keine Fotos, die darüber Aufschluss geben könnten. Arbeiten tue ich von dort, wo es gerade am besten möglich ist. Häufig von unterwegs. Jetzt gerade telefoniere ich mit Ihnen vom Auto aus.

Wie kommen Sie zurzeit an unabhängige Informationen heran? Welche Kanäle, welche Quellen nutzen Sie?
Am allerwichtigsten sind Augenzeugen. Die ukrainische Regierung hat ein Interesse daran, die vielen Sicherheitsfragen der Bevölkerung zu beantworten, aber dennoch den Durchhaltewillen der Soldaten aufrechtzuerhalten, um den Widerstand gegen die russische Armee möglichst lange halten zu können. So hat Präsident Wolodymyr Selenskyj gerade beschlossen, dass alle TV-Stationen oder Radiosender die gleichen Informationen senden. Informationen bezüglich der Ukraine, die von russischer Seite gestreut werden, entsprechen aufgrund meiner Erfahrungen hier nicht den Tatsachen und müssen sehr kritisch betrachtet werden. Die grösste Relevanz, um an verifizierte Informationen zu gelangen, haben in dieser Kriegssituation deshalb Berichte von Augenzeugen. Am Donnerstag konnte ich für die Sendung «10 vor 10» zum Beispiel Gespräche mit geflüchteten Personen aus Mariupol führen.

Wie sind Sie zu diesen Kontakten gekommen?
Ich kannte die Personen teils von einem früheren Aufenthalt in Mariupol. Sie haben in der Stadt Familie und Freunde zurückgelassen. Eine der Frauen hat auf einem Video, das einen Anschlag auf ein Geburtshaus zeigt, eine Schulfreundin und ihren Mann erkannt. Das sind enorm wichtige Quellen, weil es unfassbar schwierig ist, an verifizierte Informationen zu gelangen.


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Sie haben das Land kurz nach Kriegsausbruch über Polen verlassen. Auf Twitter schrieben Sie: «Ich bin in Polen. Dank herzensguten Menschen, die mich mitgenommen haben». Wie haben Sie die Ausreise erlebt? Wie fühlten Sie sich?

Gefahr hat hier eine andere Bedeutung als in der Schweiz. Bei der Ausreise war es nicht die Gefahr, die mir am meisten Kopfzerbrechen machte, sondern die Verzweiflung um mich herum. Die Verzweiflung von Tausenden Frauen und Kindern, die gerade ihre Väter an der Grenze zurücklassen müssen, weil sie im wehrpflichtigen Alter sind.

«Man droht, in eine gewisse Spirale der Hoffnungslosigkeit zu geraten»

ZDF und ARD haben noch Journalistinnen und Journalisten in Russland, obwohl dort zurzeit nicht über den Krieg berichtet werden darf. Käme es für Sie in der aktuellen Situation infrage, nach Moskau zurückzugehen?
Jede Redaktion trifft grundsätzlich ihre eigenen Abwägungen. Deutsche TV-Stationen haben eine andere Ausgangslage, weil sie vor Ort grössere Büros haben und mehrere Korrespondenten. Wir von SRF sind da definitiv kleiner unterwegs. Dazu kommt auch immer die persönliche Ausgangslage der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In meinem Fall spielt sicher eine nicht zu unterschätzende Rolle, dass mein Mann Journalist ist und unter anderem die russische Staatsbürgerschaft besitzt. Mir ist auch wichtig, meinen Kameramann oder meine Cutterin, die sich diesem russischen Gesetz nicht fügen wollen, zu schützen. Dementsprechend entscheidet jede Redaktion, was ein gangbarer Weg in der aktuellen Situation ist. Im Übrigen hat die russische Regierung soeben den Druck gegen ausländische Journalistinnen und Journalisten aus Ländern, die Sanktionen beschlossen haben, erhöht. Akkreditierungen werden neu nur noch für drei Monate verlängert, und nicht mehr für ein Jahr wie bisher.

Auf Twitter und in den Kommentaren unterhalb von Artikeln über Sie ist viel Lob zu lesen. Es gibt aber auch Kritik. Sie würden nicht neutral über Putin berichten. Oder sie machten «Betroffenheitsjournalismus». Was sagen Sie dazu?
Ich würde sagen, dass ich meiner eigenen Arbeit gegenüber sehr kritisch eingestellt bin. Ich sehe im Nachhinein immer Sachen, die man hätte anders machen können. Ich kann also gut nachvollziehen, wenn Leute Kritik an meiner Arbeit üben. Konkret zu den zwei Punkten: Ich sehe meine Aufgabe als Korrespondentin nicht darin, neutral zu berichten. Mein Ziel ist es, sachgerecht zu berichten und diese Weltregion einem Publikum in der Schweiz näherzubringen. Den Begriff «Betroffenheitsjournalismus» verstehe ich nicht ganz. Wenn er bedeutet, dass ich mit Betroffenen über ihre Situation im Krieg spreche, dann mache ich das, ja.

«Auftanken ist nicht möglich, also versuche ich, meine Ressourcen gezielt einzusetzen»

Sie sind zurzeit mit sehr viel Leid konfrontiert und erleben gerade eine Extremsituation. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Ich bin mir sehr bewusst, dass ich das, was ich hier erlebe, nicht so schnell wieder vergessen werde. Ich versuche, mich, so gut es geht, selbst zu schützen. Ich habe für mich den Konsum von Bildern und Videos auf Social Media auf eine gewisse Zeitdauer eingeschränkt. Ich sehe das Leiden der Zivilbevölkerung jeden Tag vor Ort, da droht man in eine gewisse Spirale der Hoffnungslosigkeit zu geraten. Ich habe persönlich viele Freunde und Bekannte vor Ort, die sehr stark leiden. Zum Beispiel hat gerade eine Freundin von mir ihre Mutter verloren. Diese ist nach langer Krankheit verstorben. Weil die Russen die Stadt kontrollieren, konnte meine Freundin nicht zur Beerdigung fahren. Zu gross war das Risiko, unterwegs getötet zu werden. Solche Schicksale im Freundeskreis bringen den Krieg näher ans eigene Leben.

Woher holen Sie Ihre Energie?
Eine solch schwierige Situation kann man, wenn man mittendrin ist, gar nicht so wirklich erfassen. Dafür müsste ein grösserer Abstand vorhanden sein. Auftanken ist zurzeit nicht möglich, also versuche ich, Energie zu sparen und meine Ressourcen gezielt einzusetzen. Ich versuche, Struktur in meinen Alltag zu bringen – regelmässig aufzustehen, zu essen und zu schlafen. Auftanken kann ich dann später. Ich nehme an, dass ich in ein paar Wochen eine längere Pause einlegen werde. Aber zurzeit ist daran noch nicht zu denken.

Was ist als Nächstes für SRF geplant?
Das ist abhängig von der aktuellen Entwicklung in der Region, in der ich mich befinde. Pläne werden hier nicht selten wieder komplett über den Haufen geworfen. Von dem her werde ich weiter versuchen, den Krieg und das, was die Menschen hier erleben, den Zuschauerinnen und Zuschauern in der Schweiz zu vermitteln.


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