Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich hat am Montag sein Jahrbuch Qualität der Medien veröffentlicht. Der Verband Schweizer Medien sieht darin Rückenwind für seine Forderungen, die SRG ebenso.
Herr Masüger, das Fög zeigt sich in seinem neuen Jahrbuch besorgt über Desinformation und stellt eine starke Zunahme von Fake News fest. Sind Sie ebenso pessimistisch?
Man muss kein Pessimist sein, um diese Tendenz festzustellen. Beruhigend ist, dass sich die Bevölkerung dieser Entwicklung bewusst ist: Fast 60 Prozent der vom Fög Befragten betrachten absichtlich verbreitete Falschinformationen als grosses bis sehr grosses Problem. Ich glaube deshalb, dass Massnahmen gegen Fake News in der Bevölkerung auf breite Zustimmung stossen werden. Die Internet-Initiative des Unternehmers Guido Fluri hat gute Chancen, an der Urne erfolgreich zu sein.
Lässt sich die Entwicklung bei den sozialen Medien überhaupt stoppen?
Drei Viertel der Bevölkerung sehen das Fake-News-Problem vor allem bei Social Media, über 40 Prozent bei KI-Chatbots. Auch hier gilt also: Das Problembewusstsein ist da. Jetzt muss man das Problem nur noch angehen. Das Fög sagt dasselbe wie wir: Entscheidend für die Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation ist die Mediennutzung, und hier stehen die privaten Qualitätsmedien im Vordergrund. Wer ein grosses nationales Nachrichtenportal, eine Regional- oder eine Lokalzeitung liest – egal ob auf Papier oder digital –, stärkt seine Resilienz gegenüber gefährlichem Unfug im Netz.
Doch die Qualitätsmedien stecken auch in einer wirtschaftlichen Krise. Was heisst das für Sie als Verlegerpräsident? Welche Massnahmen fordern Sie?
In erster Linie fordern wir, dass die bewährte indirekte Presseförderung über die Verbilligung der Posttarife nicht vorzeitig aufgegeben wird. Print wird sich länger halten, als viele meinen, und noch lange eine wichtige Rolle spielen. Natürlich liest die Jugend kaum mehr Zeitung und bewegt sich vor allem auf den sozialen Netzwerken mit ihren teils problematischen Inhalten. Hier muss deshalb die Förderung der Medienkompetenz stärker zum Tragen kommen. Genau das fordert das Fög in seinen Handlungsempfehlungen, was mich sehr freut: Medienkompetenz soll als Teil der Demokratiekompetenz stärker in Schule und Ausbildung verankert werden. Wir denken in dieselbe Richtung. Junge Menschen sollen neben der Medienbildung auch einen einfachen und möglichst günstigen Zugang zu unseren Medienangeboten erhalten. Das Fög spricht von Mediengutscheinen; es gibt aber auch andere Möglichkeiten.
Welche Rolle spielt KI bei dieser Entwicklung?
KI wirkt leider als Treiber dieser unguten Entwicklung, weil heute praktisch jedermann KI-generierte Texte – egal in welcher Qualität – in Windeseile verbreiten kann. Für die Verlage ist KI vor allem dort ein Problem, wo die Inhalte unserer Medienhäuser gratis und franko für neue Angebote von KI-Bots verwurstet werden. Das untergräbt die Refinanzierung journalistischer Inhalte und führt, zu Ende gedacht, zur Austrocknung des professionellen Journalismus. Unsere alte Forderung nach einem Leistungsschutzrecht und einem griffigen Urheberrecht, das grosse Plattformen und KI-Anbieter verpflichtet, journalistische Leistungen zu vergüten, wird im neuen Fög-Jahrbuch nun ausdrücklich unterstützt.
Im Jahrbuch wird auch eine Umfrage publiziert, die zeigt, dass die Bevölkerung ein möglichst grosses Angebot der SRG will. Was sagen Sie dazu?
Das ist der am wenigsten überzeugende Teil des neuen Jahrbuchs. Wenn Sie Migros- oder Coop-Kunden fragen, ob sie für 100 Franken ein möglichst breites oder ein schmales Angebot erhalten wollen, wird sich niemand für das schmale entscheiden. Insofern ist die Erkenntnis eher trivial, dass die Leute für ihre Serafe-Gebühr möglichst viel Leistung sehen wollen. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass die SRG überall möglichst viel anbieten soll. Sie muss auf die Privaten Rücksicht nehmen, weil sie dank der Gebühreneinnahmen einen Wettbewerbsvorteil hat. Ich glaube, das Thema SRG ist langsam durch: Die No-Billag- und die Halbierungsinitiative wurden deutlich abgelehnt; man weiss, was das Volk von der SRG hält. Das Fög kann sich in Zukunft also auf andere, interessantere Umfragen konzentrieren.

