29.09.2000

Offener Brief

"Haben die Lokalradios Angst vor genauen Zahlen?"

Radio 105 verlangt Veröffentlichung der Radio Control Daten.

Giuseppe Scaglione (Bild), Delegierter des Verwaltungsrates von Radio 105 Network AG, wirft in einem offenen Brief Radiotele und einigen Exponenten der Privatradioverbänden vor, die Radio Control Daten für das zweite Semester 2000 auf weiteres unter Verschluss halten zu wollen. "persoenlich.com" veröffentlicht das gesamte Schreiben:

Giuseppe Scaglione (Bild), Delegierter des Verwaltungsrates von Radio 105 Network AG, wirft in einem offenen Brief Radiotele und einigen Exponenten der Privatradioverbänden vor, die Radio Control Daten für das zweite Semester 2000 auf weiteres unter Verschluss halten zu wollen. "persoenlich.com" veröffentlicht das gesamte Schreiben:

"Radiotele und Exponenten von Privatradioverbänden setzen die Privatradios unter Druck. Die im Verlaufe des zweiten Semesters 2000 erhobenen Radio Control Daten* (neue Erhebungsmethode für exaktere und aktuellere Hörerzahlen) sollen unter Verschluss gehalten werden. Das Argument: 'Um in der Radiobranche möglichst wenig Verwirrung entstehen zu lassen'. Frühestens im Juli 2001 und erst nach gemeinsamer Absprache sollen sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, zu einem Zeitpunkt also, wo sie für die Werbewirtschaft nicht mehr relevant sind. Die Radios werden gedrängt, ein entsprechendes Agreement zu unterzeichnen. Verstösst ein Sender gegen die Abmachung, will Radiotele diesem auf jeder verkauften Werbesekunde einen Franken als Busse abziehen.

Dieses Vorgehen löst Unverständnis aus. Nach bald zwei Jahrzehnten Privatradios in der Schweiz wird eine neue und verlässlichere Erhebungsmethode für Hörerzahlen eingeführt. Prof. Matthias Steinmann hat mit der von ihm konzipierten Radiowatch eine revolutionäre Weltneuheit geschaffen. Dank der Radiowatch können der Werbewirtschaft zum ersten Mal aktuelle Zahlen vorgelegt werden. Die heute in der Medienstudie veröffentlichten Zahlen sind ein Jahr alt. Der Werber bezahlt heute also Sekundenpreise, die auf der Grundlage von mindestens ein Jahr alten Zahlen basieren.

Soll nun ausgerechnet das schnelle Medium Radio ältere und trägere Zahlen für die Berechnung der Sekundenpreise weiter verwenden, als dies die Zeitungen tun? Sind die einigen Insidern bereits bekannten Radio Control-Zahlen derart erschreckend, dass eine 'Verwirrung' in der Werbewirtschaft zu befürchten ist? Mit welchem Interesse klammern sich Radiotele und einige Exponenten der Radioverbände noch so lange als möglich an das methodisch überholte Messsystem (Face to Face Interview), welches in der Medienstudie zur Anwendung kommt? Im Interesse der Kunden strebt Radio 105 eine zuverlässigere Erhebungsmethode an und will die genauen Zahlen kennen. Es versteht sich, dass wir unter diesem Aspekt nicht bereit sind, dieses Agreement zu unterzeichnen."

* Radio Control Daten

Mit einer neu entwickelten Armbanduhr soll ab 2000 präziser ermittelt werden, wer welche Radiosendungen hört. Damit wird die Hörerforschung revolutioniert, denn bisher wurden diese Daten mittels Befragung erhoben. Das neue System, das nach den erfolgreich abgeschlossenen Tests auf Mitte 2000 eingeführt wurde, basiert auf einer sogenannten Radiocontrol-Uhr. Diese nimmt Radiosignale in derselben Weise auf wie das menschliche Ohr, digitalisiert und reduziert sie jedoch sofort auf einen Bruchteil des Gemessenen. Damit sei der Datenschutz vollständig garantiert. Vergleichssignale von rund 90 Radiostationen werden in einer Zentrale aufgezeichnet und später mit den Daten aus den Uhren verglichen - die gehörten Programme werden so eindeutig erkannt. Der gesamte Radiokonsum einer Person kann damit erstmals exakt elektronisch gemessen werden. Erinnerungsfehler, wie sie bei der herkömmlichen Befragung vorkommen, können ausgeschaltet werden.



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