06.10.2008

"Harte Bandagen sind im hiesigen Markt die Regel"

Kurt W. Zimmermann, Medienkolumnist der Weltwoche, Unternehmensberater und langjähriges Kadermitglied der Tamedia, ist unter die Verleger gegangen: in Südtirol, der Heimat seiner Frau Uli Rubner, zeichnet er für fünf Zeitschriften, darunter das Politmagazin ff, verantwortlich. Gegenüber "persönlich rot" äussert er sich über seinen neuen Job, den Hang zur Schulterklopferei und seine Liebe zu Papst Benedikt. Ein Ausschnitt aus dem Interview:
"Harte Bandagen sind im hiesigen Markt die Regel"

Herr Zimmermann, hauptberuflich sind Sie nun Verleger und verantwortlicher Direktor des Südtirolers Wochenmagazins ff. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ich komme seit 25 Jahren nach Südtirol. Meine Frau ist Südtirolerin. Wir haben ein Haus da unten, im Pustertal, und ich wollte ohnehin häufiger dort sein. Als der ff-Media-Verlag im letzten Herbst auf den Markt kam, war das eine Gelegenheit, die vom Timing her gut passte.

Wem gehört das Blatt?

Es sind fünf Blätter, zuerst unser Flaggschiff ff, ein Nachrichtenmagazin. Dazu kommen ein deutsches und ein italienisches Wirtschaftsmagazin, ein TV-Supplement und eine Wellness-Zeitschrift unter dem Label der ff. Wir halten die Mehrheit zu zweit, zu gleichen Teilen. Mein Partner ist Stefan Weber, ein bekannter Wiener Wirtschaftsanwalt. Seine Motive waren ganz ähnlich. Seine Familie stammt ursprünglich aus Südtirol, er hat ein Haus im Nachbardorf, wir kennen uns von den Skipisten und vom Knödelessen.

Wenn man die ff durchblättert, erinnert man sich unweigerlich an die Zeitschrift Facts, welche Sie 1995 gegründet haben. Inwiefern ist dies beabsichtigt?

Es hat mit dem Genre zu tun. Die ff ist ein klassisches Nachrichtenmagazin. Sie besteht seit 30 Jahren und ist die führende Zeitschrift im Land. Nachrichtenmagazine muss man nicht neu erfinden. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass gewisse Standard-Elemente in der ff wie bei Facts oder Focus sehr ähnlich sind, die Bildsprache beispielsweise oder die Blattdramaturgie.

Ihre Zeitschrift betreibt einen sehr frechen Journalismus. Inwiefern wird dies von der politischen Klasse goutiert?

Zuerst muss ich dazu eine kurze Einführung geben – Südtirol für Anfänger. Es gibt hier eine Mehrheitspartei, die Südtiroler Volkspartei, genannt SVP. Sie hat ein deutlich breiteres politisches Spektrum als unsere SVP. Sie ist in der Politik und der Verwaltung absolut ?dominant. Die Politik regelt hier fast alles und jedes. Der konstruktive Konflikt zwi--schen Politik und Wirtschaft, den wir gewöhnt sind, existiert hier kaum. Dann gibt es einen ebenso dominanten Verlag, die Athesia. Sie verlegt die Dolomiten, die führende Tageszeitung. SVP und Athesia sind eng verwoben, politisch und personell. Wir sind der Gegenpol zu diesem Kartell. Wir betreiben einen kritischen und unabhängigen Journalismus, das wird von uns erwartet, und das ist unsere grosse Marktchance. Natürlich bekommen wir ab und zu vom Establishment unsere Prügel ab.

Sie äusserten sich auch kritisch über den Papst, welcher regelmässig in Südtirol Ferien macht. Bekamen Sie dadurch Ärger mit der katholischen Kirche?

Nein, denn wir sind im Grundsatz papstfreundlich. Vergessen wir nicht, Tirol ist ein heiliges Land. Der grösste öffentliche Skandal seit Jahren war diesen Sommer ein gekreuzigter Frosch, der im Museum von Bozen ausgestellt war. Themen rund um Religion und Kirche sind noch wichtig hier unten.

Wodurch unterscheidet sich die Südtiroler Medienszene von der schweizerischen?

Der Markt ist zuerst einmal kleiner, 500?000 Einwohner, also etwa die Grösse des Kantons Aargau, 150?000 davon in der Hauptstadt Bozen. Aber er ist eine Art geschlossener nationaler Markt, weil Südtirol die einzige deutschsprachige Region Italiens ist. Darum ist der Markt noch dichter bevölkert als in der Schweiz. Es gibt hier 4 Tageszeitungen, 25 Lokalradios, 4 lokale TV-Sender, dazu Unmengen von Wochen- und Monatszeitschriften. Es gab auch zwei News-Magazine hier, zum Glück ist eines wieder verschwunden.

Ist der Konkurrenzkampf dadurch härter als in der Schweiz?

Bis vor Kurzem sicherlich. Harte Bandagen sind im hiesigen Markt die Regel. Man schenkt sich nichts, man kämpft auch mal unter der Gürtellinie, man klagt sich auch wechselseitig vor Gericht immer wieder ein. Die Schweiz holt hier aber auf. Vogt-Schild klagt nun gegen Tamedia, Lebrument gegen Schawinski. Ich denke, es schadet nichts, wenn die Verleger-Serie ‘Fascht e Familie’ auch in der Schweiz langsam ausläuft.

Wie werden Sie als Schweizer Verleger in Südtirol akzeptiert?

Südtiroler mögen Schweizer, weil sie ähnlich langsam reden und ähnlich gern a Glasl Wein trinken. Meine Wahrnehmung geschieht hier aber eher über meine journalistische Tätigkeit. Ich schreibe in der ff immer wieder Leitartikel, in denen ich meine Sicht Südtirols darstelle, die Staatspartei, den Zentralismus, den Filz. Da bekomme ich viele positive Rückmeldungen, vor allem aus der Wirtschaft. Aber ich weiss natürlich auch, dass es etliche Südtiroler gibt, die eher sagen: ‘Was will denn dieser Schweizer hier!’

Als Medienkolumnist bei der Weltwoche sind Sie mit den Mechanismen der Branche bestens vertraut. Gab es bestimmte Begebenheiten, die Sie trotzdem überraschten?

Ja, im Inseratemarkt. Italien funktioniert hier anders als Deutschland oder die Schweiz. Bei uns ist die Mediaplanung ja eine Art Computerwissenschaft, in der nüchterne Reichweiten und TKPs eine entscheidende Rolle spielen. In Italien gibt es viel mehr Beziehungsdelikte, man muss also mit den Kunden andauernd Kaffee trinken gehen. Und Zeitschriften müssen schön aussehen. Sonst können Sie noch so viele Leser haben, Sie werden ignoriert.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Zeitung?

Letztlich ein politisches. Ich bin ja wahlberechtigt hier unten und fühle mich auch als halber Südtiroler. Südtirol ist ein grossartiges Land, und die Dolomiten sind die schönsten Berge der Welt. Das genügt aber nicht. Das Land hat eine riesige Zukunftschance, wenn es sich aus der allzu starken Umklammerung der Politik befreit. Hier möchte ich ein bisschen mithelfen, damit liberale und innovative Ideen besser vorankommen.

Ist ein späterer Verkauf an eine grössere Verlagsgruppe eine mögliche Option?

Die Frage kommt etwas früh. Ich habe hier einen beträchtlichen Teil meines Vermögens investiert. Zuerst einmal möchten wir kommerziell vorankommen und unsere Margen nach oben bringen. Wir versuchen, eine Wachstumsstrategie zu fahren, und haben darum zusätzliche Mitarbeiter angestellt. Natürlich werde ich nicht bis achtzig meinen Anzeigenkunden hinterherrennen, aber, wenn nichts dazwischenkommt, mache ich das gerne noch ein paar Jahre.

(Interview: Matthias Ackeret / Bild: ff-Media-Verlag, Bozen)

--> Das vollständige Interview mit Kurt W. Zimmermann ist in der Oktober-Ausgabe von "persönlich rot" zu finden.


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