Herr Grenacher, wie hat sich der Scoop in der Schweiz verkauft?
Das Verkaufsargument stand bei dieser Geschichte nicht im Vordergrund. Wäre dieses Kriterium einzig ausschlaggebend gewesen, hätten wir eine andere, positivere Story zur Frontgeschichte machen müssen. Mit Masken gefesselte Gefangene als Titelbild und dem Schlagwort Geheimgefängnis wird nicht unbedingt eine positive Kaufstimmung erzeugt, das hat wenig Sonntägliches. Aber die Geschichte hatte und hat grösste Relevanz -- und drum war sie auch als Aufmacher gesetzt.
Bernhard Russi auf dem Titel hätte sich wohl besser verkauft.
Ich weiss nicht, ob Bernhard Russi immer noch so zieht. Aber eine klassische Boulevardgeschichte, so wie wir sie kürzlich mit dem Liebesglück des querschnittgelähmten Ex-Skirennfahrers Silvano Beltrametti im Heft hatten, hätte sich möglicherweise besser verkauft.
Die CIA-Story wurde bereits vor der Publikation während Tagen auf der Redaktion diskutiert. Gab es auch Einwände gegen eine Veröffentlichung?
Ja, sicher. Der SonntagsBlick verfügt heute über eine sehr selbstbewusste, diskussionsfreudige Redaktion. Da ich keinen hierarchischen Führungsstil pflege, sondern meine Mitarbeiter zum Diskurs ermuntere, haben wir die Publikation sehr kontrovers diskutiert und die Vor- und Nachteile kritisch abgewogen. Aufgrund der Brisanz der Geschichte musste ich aber den Kreis der Diskussionspartner stark einschränken: Mit einem halben Dutzend Angehörigen der Nachrichtenredaktion, der Berner Bundeshausredaktion, der Auslandredaktion und dem Hausjuristen habe ich mich aber intensiv ausgetauscht -- am Schluss aber allein und verantwortlich entschieden.
Und gegen oben?
Ich habe meinen Vorgesetzten Bernhard Weissberg über die geplante Publikation der Geschichte informiert.
Nun sind verschiedentlich Zweifel an der Echtheit dieses Fax aufgetaucht. Woher nehmen Sie die Gewissheit über die Authentizität des Dokuments?
Ich habe keinerlei Zertifikat, das dies bestätigt. Aber bei solchen Geschichten gibt es das auch nicht. Ich bin nun aber einige Jahrzehnte im Journalismus und weiss mittlerweile, wie man mit einer solchen Information umgehen muss. So kann man bereits aus dem Verhaltensmuster der Behörden einiges ablesen. Die letzten Bedenken waren aber ausgeräumt, nachdem ich mit verschiedensten höchsten Autoritäten des Landes Gespräche geführt hatte -- und in ihren Äusserungen und Reaktionen keinerlei Zweifel erkennen konnte.
Die SVP hat von "Landesverrat" gesprochen. Gibt es Kriterien, eine Geschichte nicht zu veröffentlichen?
Selbstverständlich gibt es diese Grenzen. Es gibt auch Fälle, wo die Interessen des Staates möglicherweise höher zu setzen sind als die Publikation einer Geschichte. Aber wir Journalisten sind keine Staatsdiener. Das ist und war auch die Ausgangslage meiner Überlegungen, und unter diesen Voraussetzungen wirken die jetzt eingeleiteten und angekündigten Ermittlungsverfahren reichlich skurril.
Was ist denn eigentlich passiert?
Wir haben ein Fax des ägyptischen Aussenministeriums abgedruckt, in welchem, Zitat, 'aus eigenen Quellen' die Existenz von CIA-Gefängnissen auf europäischem Boden bestätigt wird. Ich frage Sie: Ist dies Hochverrat? Werden dadurch die Interessen der Schweiz verletzt, militärische Geheimnisse verraten? Zweitens: Wir haben ein Fax publiziert, das nach meiner Auffassung von den Schweizer Behörden völkerrechtswidrig erlangt wurde und dann, obwohl es weder ein Schweizer Dokument ist noch in Schweizer Hände gehört, als geheim klassifiziert wurde.
Aber der Geheimdienst muss ja -- per Definition -- im Geheimen operieren können.
Da ich eine öffentliche Aufgabe habe, hat mich dies vorerst nicht zu interessieren und ist in dieser Causa auch nicht von Belang: Der SonntagsBlick hat keine Geheimnisse aus der Schweiz ausgeplaudert und keine Gefährdung unseres Landes in Kauf genommen oder gar verursacht. Die Schweizer Interessen, also nicht die Staatsschutzinteressen, sind durch diese Story keineswegs nachhaltig gestört. Und es hat mich auch nicht im Voraus zu beschäftigen, ob es unsere Nachrichten- und Geheimdienste künftig schwieriger haben, im internationalen Austausch an Informationen zu kommen. Sie machen ihren Job, als Diener des Staates. Wir machen unsern Job, als Diener der Öffentlichkeit.
Warum dann die Aufregung?
Das müssen Sie die Bundesverwaltung fragen. Möglicherweise ist der politische Apparat ein bisschen nervös, weil er vor Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit den Amerikanern steht. Das harte Vorgehen soll vielleicht Eindruck machen: 'Hey Boys, were still good friends.' Ich plädiere aber für eine kongruente Aussenpolitik, in der die Handelsinteressen unteilbar mit den Menschenrechten verknüpft werden. Man kann und darf nicht etwas mehr Handel eintauschen gegen etwas weniger Menschenrechte. Die mutmassliche Existenz der CIA-Gefängnisse, die erfolgten Verschleppungen, die Überflüge beweisen doch, dass europäische Staaten, auch solche, die der Europäischen Union noch beitreten wollen, unmenschliche Rechtspraxen innerhalb Europas akzeptieren. Hier gehe ich in der Argumentation mit Sonderermittler Dick Marty völlig einig: Menschenrechte und Menschenwürde stehen vor dem Amtsgeheimnis. Dafür bin ich auch bereit, notfalls ins Gefängnis zu gehen.

