Frau Lüthi, herzliche Gratulation zur Auszeichnung als "Journalist of the Year". Was bedeutet für Sie diese Ehrung?
In erster Linie motiviert mich der Preis dazu, auch weiterhin in einem schwierigen Umfeld zu recherchieren und Geschichten zu erzählen, die nicht einfach zu produzieren sind.
Sie haben bereits 2005 einen CNN Journalist Award für eine "Rundschau"-Reportage über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Spielzeugfabriken gewonnen. Bedeutet ein solcher Award auch einen Karriereschub?
Es schadet sicher nicht, eine solche Auszeichnung im Lebenslauf ausweisen zu können. Aber die Annerkennung für meine Arbeit habe ich beim Schweizer Fernsehen schon vor dem Preisgewinn bekommen. Da mir die Position als China-Korrespondentin sehr gefällt und ich keine Veränderung anstrebe, hab ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob der CNN Award als Sprungbrett dienen könnte.
Würden Sie gerne mal für CNN arbeiten?
CNN hat das Büro in Peking direkt neben mir, was mir tiefe Einblicke in das Schaffen beim Nachrichtensender erlaubt. Es ist extrem spannend, wie CNN arbeitet. Ob das etwas für mich wäre, weiss ich aber nicht. CNN produziert ausschliesslich News, mir liegen längere Magazin-Beiträge mehr am Herzen.
Das klingt alles sehr bescheiden. Warum haben Sie dann überhaupt am Wettbewerb mitgemacht?
Es ging mir schon um eine Bestätigung für meine Arbeit. Die Jury des CNN Journalist Award ist sehr hochkarätig besetzt. Wenn ein solches Gremium einen Bericht würdigt, der schwer zu realisieren war und mir sehr am Herzen lag, dann ist das natürlich eine grosse Genugtuung. Und wie gesagt, der Karriere schadet es sicher nicht.
Und auch nicht dem Portemonnaie. Was machen Sie mit den 20'000 Euro Preisgeld?
Ich war von der Höhe des Betrages total überrascht. Ich ging von den 1000 Euro aus, die es für den Award-Gewinn im 2005 gab. Ich werde das Geld aufteilen. Ohne Kameramann, Editor, Cutter und meine chinesische Produzentin hätte ich den Beitrag schliesslich nicht realisieren können.
Dem Schweizer Fernsehen müssen Sie keinen Anteil abgeben?
Nein.
Sie wurden während den Dreharbeiten für Ihren preisgekrönten Beitrag "Landenteignung in China" verhaftet. Wie ist es dazu gekommen?
Wir wurden während der Produktion in einem Dorf von der Sicherheitspolizei gestoppt. Bei der Ausweiskontrolle kam es zu einem Handgemenge, unsere Ausrüstung und die Filmbänder wurden uns abgenommen. Wir wurden dann einige Stunden festgehalten und über unsere Absichten ausgefragt. Das ist aber üblich, wenn Recherchen in eine Richtung gehen, die der chinesischen Regierung nicht opportun ist.
Welche Gefahren würden Sie für einen Beitrag in Kauf nehmen -- haben Sie sich da eine Grenze gesetzt?
Gerade wenn man in China arbeitet, muss man das Risiko einschätzen können. Das wichtigste ist, dass ich meine Quellen schützen kann. Ebenfalls Priorität geniesst die Sicherheit meines Teams. Ich drehe heikle Geschichten zum Beispiel nie mit einem chinesischen Kameramann. Dieser würde bei einer Festnahme viel länger inhaftiert bleiben, als ein Ausländer. Bei mir selber würde im schlimmsten Fall vermutlich nicht mehr passieren, als dass ich aus dem Land ausgewiesen würde.
Der Dok-Film "War Photographer" hat gezeigt, was Journalisten für eine gute Story alles tun. Würden Sie ihr Leben für eine Reportage aufs Spiel setzen?
Ich weiss nicht genau, was passieren würde, wenn man sich mit der chinesischen Regierung oder der Mafia aufs schärfste anlegen würde, aber mit einem Kriegsgebiet würde ich China dann doch nicht vergleichen. Prinzipiell bin ich aber schon bereit, für eine Geschichte sehr weit zu gehen.
Hat sich ihr Rollenverständis des Journalismus geändert, seit Sie in China arbeiten?
Nein, nicht grundsätzlich. Ein Journalist hat überall die gleiche Aufgabe. Er beobachtet, dokumentiert und erzählt beide Seiten einer Geschichte. In China bin ich die einzige Journalistin des Schweizer Fernsehens, also trage ich die Verantwortung, ein ausgewogenes Bild des Landes zu vermitteln. So drehe ich auf der einen Seite sehr kritische Beiträge, bin aber auch immer darum bemüht, positive Dinge zu zeigen. Ich versuche, das ganze Spektrum zu zeigen, damit der Fernsehzuschauer etwas besser versteht, was in China vor sich geht.
Wie beurteilen Sie die Arbeitsbedingungen für Journalisten in China -- hatten die Olympischen Spiele in Peking einen positiven Einfluss auf die Medienfreiheit?
Im Gegenteil, während den Olympischen Spielen waren die Kontrollen noch viel stärker. Und das dürfte sich jetzt eher noch verschärfen. Vor den Spielen in Peking schaute die ganze Welt auf China, was die Behörden etwas milder gestimmt hat. Nun ist das Land aus dem Fokus der Öffentlichkeit wieder verschwunden.
Abschlussfrage: SF-Chefredaktor Ueli Haldiman hat Sie in einem Communiqué zum Award-Gewinn als "mutige, engagierte und überhaupt hervorragende Journalistin" gelobt. Werden Sie ihn beim nächsten Lohngespräch daran erinnern?
(lacht) Wenn ich mehr Lohn will, schiebe ich nicht einen Award-Gewinn vor, das äussere ich gerade heraus.
(Interview: Stefan Wyss)

