08.06.2007

"Ich bin nicht wegen dem IPO bei Goldbach Media eingestiegen"

Bruno Widmer trat 2001 als Chef von Advico Young & Rubicam in Zürich und Chairman und CEO von Y&R Europe von der grossen Werbebühne ab. Darauf bot er Unternehmen Beratung in Marketing- und Kommunikationsfragen an. Seit kurzem steht Widmer als neuer VR-Präsident von Goldbach Media wieder im Schaufenster der Kommunikationsbranche. "Ich verfolge das werberische Geschehen nur noch aus einer gewissen Distanz", erklärt Widmer. Das Interview:
"Ich bin nicht wegen dem IPO bei Goldbach Media eingestiegen"

Herr Widmer, Sie wurden just zu dem Zeitpunkt VR-Präsident von Goldbach Media, an dem das Unternehmen den Gang an die Börse antritt. Man kennt Sie als Werber und Unternehmensberater in Marketing- und Kommunikationsfragen. Haben Sie Erfahrung darin, Unternehmen an die Börse zu führen?

Eines muss ich vorneweg klarstellen: Ich bin nicht wegen dem bevorstehenden IPO bei Goldbach Media eingestiegen. Als wir über ein VR-Mandat zu sprechen begannen, war noch keineswegs klar, ob Goldbach Media den Gang an die Börse antreten wird. Wenn Sie mich als "Werber und Unternehmensberater in Marketing- und Kommunikationsfragen" bezeichnen, greift das wohl ein bisschen kurz. Ich bin seit vielen Jahren in erster Linie unternehmerisch tätig.

Nun zur Frage, ob ich Erfahrung habe Unternehmen an die Börse zu führen. Ich habe zwar den Börsengang von Young & Rubicam in New York hautnahe erlebt, da ich damals im Young & Rubicam Board sass, aber ich habe nie ein Unternehmen an die Börse geführt und tue das auch in diesem Fall nicht. Dafür arbeitet Goldbach Media mit ausgewiesenen Spezialisten, zum Beispiel der Lead-Bank Vontobel, zusammen.

Im einem Interview mit "persönlich" vor ein paar Jahren meinten Sie, dass Sie in Ihren Entscheidungen stark zufallsgesteuert seien. Wieviel Zufall steckt hinter Ihrem Engagement bei Goldbach Media?

Am Anfang stand auch hier der Zufall. Aus einem spontanen Gespräch mit Beat Curti entstand ein Dialog, in der auch der bisherige VR-Präsident Peter Blum einbezogen war. Das Resultat dieser Gespräche kennen Sie ja.

Zu welchen Teilen haben Sie sich selbst an Goldbach Media beteiligt?

Ich besitze rund 1500 Aktien, aus denen nach dem Split 15000 wurden. Diese Aktien habe ich gekauft und nicht geschenkt erhalten. Die bisherigen Verwaltungsräte konnten sich im Rahmen eines Beteiligungsprogramms vor einem Jahr im gleichen Umfang beteiligen.

Branchenkenner beurteilen den Börsengang eher skeptisch. Weshalb lassen Sie sich auf ein so risikoreiches Unterfangen ein?

Mich überrascht Ihre Aussage. In den Gesprächen die ich führe, ist von Skepsis sehr wenig zu spüren. Jede unternehmerische Tätigkeit ist mit Risiken verbunden. Aber ehrlich gesagt, sehe ich bei Medien-Unternehmen grössere Risiken als bei Goldbach Media als Vermarktungsunternehmen. Vielleicht sollten wir darüber in 2 - 3 Jahren nochmals sprechen.

Ist die Goldbach Media nicht zu klein für den Börsengang?

Goldbach Media ist in Ihren Geschäftsfeldern sehr gut aufgestellt und wird in den nächsten Jahren stark wachsen -- organisch und acquisitorisch. Dafür muss man kein Prophet sein. Für mich ist der Titel eine klare Bereicherung auf dem Börsenzettel.

Goldbach Media erzielt rund 60 Prozent des Umsatzes mit der Werbevermarktung für zwei deutsche TV-Sendergruppen. Was, wenn die Sender abspringen?

Über die Verträge mit diesen Gruppen kann ich leider nicht sprechen, weil sie der Geheimhaltung unterliegen. Nur so viel: Die Beziehungen von Goldbach Media zu diesen Sendergruppen sind ausgezeichnet.

Warum wird die Expansion ins Ausland vorangetrieben: Ist Wachstum auf dem Schweizer Markt nicht mehr möglich?

Wir wollen und werden im Schweizer Markt wachsen, aber jetzt bieten sich unter anderem in Osteuropa Chancen, die es in einigen Jahren nicht mehr geben wird. Und die Entwicklung von Goldbach Media in Österreich zeigt, dass das Goldbach-Geschäftsmodell auch im Ausland sehr erfolgreich sein kann. Übrigens habe ich in Osteuropa Kontakte aus meineren früheren Tätigkeit als Europachef von Young & Rubicam, die sich als sehr nützlich erweisen.

CEO Klaus Kappeler sagt, dass man zusammen mit einem grossen Zeitungsverlag nach Osteuropa expandieren will. Das kann ja eigentlich nur mit Ringier sein, oder?

Ist das der einzige grosse Zeitungsverlag den Sie kennen?

Nein, aber die Vermutung liegt nahe. Welcher Verlag ist es denn?

Da müssen Sie Klaus Kappeler fragen. (Anm. d. Red.: Auf Anfrage hiess es bei Golbach Media: "Weitergehende Informationen als 'grossen Verlag' wollen und können wir im Moment keine geben“.)

Sie hatten früher ein Mandat von PubliGroupe-Chef Hanspeter Rohner, welches das gescheiterte USA-Engagement des Vermarkters betraf. Welche Lehren ziehen Sie für die Goldbach Media daraus?

Sie sprechen mein Engagement bei der Panoramic Group in New York an, wo ich übrigens ausgezeichnet mit Hanspeter Rohner zusammengearbeitet habe. Chef von Publigroup war damals noch Jean-Jeacques Zaugg. Zu Ihrer Frage: Ich kann beim besten Willen keine Parallelen zwischen der Situation in New York und jener von Goldbach Media entdecken und daher weiss ich auch nicht, welche Lehren sich daraus ziehen lassen sollten.

Sie haben im bereits erwähnten Interview mit "persönlich" vor ein paar Jahren auch gesagt, Sie seien zu 100 Prozent Werber, vielleicht sogar zu 140 Prozent. Was sind Sie heute?

Wahrscheinlich müsste man meine damalige Aussage in einen grösseren Zusammenhang stellen. Ich war in meinen rund 30 Jahren in Gockhausen ein engagierter Werber. Mein Herzblut steckte in diesem Metier. Ich glaube, ich habe der Werbung einiges gegeben und sie hat mir sehr viel zurückgegeben. In der Zeit als Europachef von Young & Rubicam war ich wohl mehr Manager als Werber und seit meinem Rücktritt verfolge ich das werberische Geschehen nur noch aus einer gewissen Distanz. Ich äussere mich öffentlich nicht zu Werbefragen und gebe auch keine Interviews zu Werbethemen. Das steht nach meiner Überzeugung denen zu, die jetzt in der Werbung tätig sind.


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