Herr Heeb, am Samstag gaben Sie bekannt, dass barfi.ch den Betrieb einstellt (persoenlich.com berichtete). Was für Szenen haben sich über das Wochenende abgespielt?
Die grösste Überraschung und zugleich Freude war ein gemeinsam verfasster Abschiedsbericht des gesamten Teams für die Hauptseite des langsam versickernden barfi.ch. Sich auf diese Art von liebgewordenen Menschen verabschieden zu dürfen, geht tief. Und dann kamen hunderte von Mails und Feedbacks über Social Media – traurig, ungläubig oder anspornend. Und mit der Hoffnung auf eine neue Trägerschaft. In dieser Richtung trafen auch bisher zwei konkrete Anfragen ein, deren Ernsthaftigkeit es nun seriös abzuklären gilt. Christine Staehelin, Mitglied der Geschäftsleitung, hat alle bisherigen Kommentare der Leser am Sonntagnachmittag einzeln aufgelistet und dem Team als PDF verschickt: es sind knapp 100 dichtbeschriebene Seiten. Ein einziger Nutzer zeigte sich gleichgültig: alle Medien seien heute eh bereits parallelgeschaltet.
Sie sagten, es gab bereits Anfragen möglicher Trägerschaften. Am Samstag beendeten Sie Ihren Beitrag mit der Bitte, die App noch nicht zu löschen. Vielleicht finde sich irgendwann eine neue Trägerschaft. Was für eine wünschen Sie sich?
Selbstverständlich eine, wie die der «TagesWoche». Im Ernst: Die gegenwärtige Situation ist kein Wunschkonzert. Sollte sich eine neue Trägerschaft finden oder barfi.ch in eine bestehende integriert werden, sind die am letzten Donnerstag erreichten 493’845 regelmässigen Plattformbesucher nur wieder zu erreichen, wenn sie am durchaus ehrlich gemeinten publizistisch erfolgreichen Grundkonzept «Basel, Hauptstadt der Welt» festhält. Doch ist es nicht an mir, Ratschläge zu verteilen. Irgendwie müsste sich das Ganze endlich selber tragen: «There is no free lunch».
«Den Profis statt meinen Träumen vertrauen»
Was würden Sie bei einer «Wiedergeburt» von barfi.ch anders machen?
Selbstverständlich – wie eben geschildert – weiter schwerpunktmässig aus Basel für die Region Basel berichten. Und wirtschaftlich den Profis statt meinen Träumen vertrauen.
Am Freitag informierten Sie die Redaktion über das Aus. Wie hat das Team reagiert?
Ruhig und gefasst. Ohne Tränen, aber traurig. Die stetig wachsenden wirtschaftlichen Probleme waren dem Team natürlich bekannt. Da bestand immer absolute Transparenz. So kam die Mitteilung nicht völlig überraschend. Doch angesichts der publizistischen Akzeptanz glaubten alle, auch ich, immer wieder an ein rettendes Wunder. Sehr rasch drehten sich die Gespräche am Freitag nach dem ersten Schock fast ausschliesslich darum, in Zukunft nicht mehr gemeinsam an einem – übrigens wunderschön gelegenen – Ort als Team zusammenarbeiten zu können. «Barfi» war keine normale Redaktion, vielmehr ein enger Kreis von Freunden, eine Familie. Vielleicht, weil mein Büro 100 Meter vom eigentlichen Ort des Geschehens entfernt war…
Über was wurde sonst noch gesprochen?
Während und nach Bekanntgabe des Aus fiel weder ein böses Wort, noch standen irgendwelche Vorwürfe im Raum. Hauptthema war das Erreichte, die Freude darüber und grosses Unverständnis, dass die Werbewirtschaft trotz diesen enormen Besucherzahlen bei barfi.ch, wie auch dessen Mitbewerbern, nicht mitzieht. Die Trennung von den treuen Plattformnutzern war ebenfalls ein beherrschendes Thema.
Wie viele Mitarbeitende sind vom Aus betroffen?
Bei noch neun 100-Prozent-Planstellen sind es aufgeteilt in Teilpensen 17 Kolleginnen und Kollegen. Dazu kommen noch fünf freie Mitarbeiter und die beiden ebenfalls freischaffenden Übersetzer der Expats-Informationen.
Wie geht es für die Mitarbeiter weiter?
Nach diesem Leistungsausweis und der ausgezeichneten vorausgegangenen Ausbildung jedes Einzelnen hoffe ich gut!
«Wir hatten keine Vorbilder oder Erfahrungen»
Ganz selbstkritisch: Was haben Sie falsch gemacht?
Da gibt es einiges, wir hatten ja keine Vorbilder oder Erfahrungen. Doch mein grösster Fehler war – nach finanziellen Erfolgen wie dem früheren Radio Basilisk – meine inzwischen weltfremde Vorstellung des heutigen Marktes. Im lokalen Bereich entscheiden noch nicht die grossen Vermittler und Mediaagenturen. Hier sind es die KMU-Chefs selber, nicht selten in meinem Alter*. Wir haben versucht, sie durch junge Medienwissenschaftler mit den tollen Page Impressions, Unique User und Ähnlichem zu beeindrucken. Informationen, die eine enorme Aussagekraft haben, doch Sachwissen auf Seite des potenziellen Kunden verlangen. Und das ist oft noch nicht vorhanden. Dies habe ich viel zu spät begriffen.
Was wäre besser gewesen?
Ein Verkäufer alter Schule, dem sein Auftraggeber seit Jahren vertraut, wird – so glaube ich heute – auf Grund der jahrelangen, erfolgreichen Nähe zum potenziellen Kunden wesentlich mehr Erfolg haben, diesen zum Schritt in die digitale Welt zu bewegen – ohne all diese neuen, seltsam benannten Zahlen und Begriffe wie «Site Impressions», «Unique User», «Mobile Devices» et cetera. Wer dies dann wagte und zum Beispiel bei barfi.ch einmal Werbung geschaltet hatte, kam ausnahmslos wieder. Egal aus welcher Branche. Ob Joggeli Park, grosse Museen, Restaurants, Kleidergeschäfte, Institutionen wie die Fondation Beyeler, Schaulager oder das Chrüterhüsli. Weil die Entscheidungsträger nicht nach Google Analytics fragten, sondern barfi.ch zunächst persönlich als Nutzer schätzen lernten und dann nach der ersten «Bauchbuchung» den Erfolg bei ihren Kunden sahen.
«Bei der Schätzung von Einnahmen lagen wir völlig falsch»
Ohne Verlag und ohne Fremdkapital starteten Sie das Portal vor drei Jahren. War der Businessplan zu optimistisch?
Das Kostenbudget war richtig, lag vielleicht sogar etwas über dem effektiven Bedarf. Doch bei der Schätzung von Einnahmen lagen wir völlig falsch. Hier wurde ich früh gewarnt, habe aber nicht hinhören wollen.
Jetzt, wo auch «Prime News» in Basel gestartet ist: Hat es überhaupt noch Platz für barfi.ch?
Lassen Sie mich das mit der Geschichte des Jubilars beantworten, der gefragt wurde, ob er gerne ein Buch zum Geburtstag hätte. «Nein», sagte er, «…ich habe schon eins».
* Christian Heeb begann seine Karriere mit 17 bei Radio Studio Basel (SRG). Er blieb seither den elektronischen Medien treu. Diese Woche wird Heeb – «zu meinem Entsetzen und ohne bisher über allfällige Konsequenzen nachgedacht zu haben» – 65 Jahre alt.