Immer weniger Bewerbungen auf Stellen und Praktika, immer weniger Journalismus-Studierende: Mit eigenen Beobachtungen eröffnete Moderator Fabian Muster, Studienleiter Lokaljournalismus am MAZ, die Podiumsdiskussion. Aktuell zähle der Diplomlehrgang noch 20 Studierende – vor zehn Jahren seien es doppelt so viele gewesen. Da stellt sich die Frage: Handelt es sich um eine Talentkrise, oder ist der Journalismus als Beruf einfach unattraktiver geworden?
Ausbildung vernachlässigt
Christian Mensch, Ausbildungsverantwortlicher bei CH Media, nennt einen naheliegenden Grund: Die Branche leidet an einem Imageproblem. Was auch daher rührt, dass man dem Nachwuchs keine Karriere mehr im Beruf versprechen kann und die Lohnperspektiven begrenzt sind. Zugleich nimmt Mensch die Verlage in die Pflicht: Diese hätten sich jahrelang aufs Schrumpfen der Redaktionen konzentriert und die Ausbildung vernachlässigt. Erst als Stellen nicht mehr zu besetzen gewesen seien, habe man gemerkt, dass die Entlassenen nicht zurückkehrten. Manche grosse Medienhäuser hätten daraus bis heute nichts gelernt.
Mensch verwies zudem auf den schmaleren schulischen Rucksack der Einsteigerinnen und Einsteiger. Vor zehn, fünfzehn Jahren hätten die Einsteigerinnen und Einsteiger in der Regel einen Master mitgebracht, heute sei es nur noch ein Bachelor. Wobei er damit nicht einer Akademisierung des Berufs das Wort rede, so Mensch auf Nachfrage von persoenlich.com. Wichtig sei ihm ein gut gefüllter fachlicher Rucksack – egal wie und woher. Dass dies heute nicht mehr zwingend der Fall sei, zeige sich daran, dass es den Redaktionen zum Teil an Fachwissen fehle. «Wir brauchen Ökonominnen, Juristinnen, Ökonomen, Naturwissenschaftlerinnen», so der langjährige Medienjournalist auf dem Podium. «Heute gibt es Wirtschaftsredaktionen, wo niemand mehr eine Bilanz lesen kann.»
Eine zentrale Rolle spielt für Mensch das Praktikum. Es habe zwei Funktionen: Die Einsteigerinnen und Einsteiger müssten herausfinden, ob der Beruf zu ihnen passe, und für die Verlage sei es das wichtigste Scouting-Instrument. Ein halbes Jahr sei eine gute Dauer; Praktika aneinanderzureihen, schade jedoch beiden Seiten.
«Man muss sich für junge Leute engagieren»
Keine Talentkrise gibt es offenbar im Wallis. Der Walliser Bote investiert stark in den Nachwuchs zu attraktiven Konditionen, wie Orfa Schweizer ausführte. «Wir sind davon überzeugt, dass man sich engagieren muss für die jungen Menschen», sagte die Redaktorin und Ausbildnerin bei der Lokalzeitung in Visp. Die Redaktion besucht Schulen, bietet ein- bis zweitägige Schnupperpraktika und bezahlte Sommerpraktika. Dafür zahlt der Verlag 3500 Franken pro Monat. Drei der sechs diesjährigen Sommerpraktikantinnen und -praktikanten kämen bereits zum dritten Mal. «Ein Praktikum ist bei uns nicht Zuschauen, sondern man ist mit dabei, man rückt sehr schnell selbstständig aus», sagte Schweizer. Entscheidend seien neben dem Lohn moderne Arbeitsbedingungen: Mit einem Digitalabo-Anteil von fast 50 Prozent eröffneten sich neue Möglichkeiten bei der Aufbereitung der Beiträge.
Miriam Abt, mit 26 Jahren die Jüngste in der Runde und Redaktorin bei Keystone-SDA, beschrieb den Journalismus als «Traumberuf mit Imageproblem». Aus ihrem Umfeld höre sie vor allem: «Es hat keine Jobs.» Ehemalige Mitstudierende wechselten oft in die Kommunikation. Der Lohn sei dabei weniger ein Grund, nicht einzusteigen, als ein Grund, wieder auszusteigen. Mensch pflichtete bei: «Das Problem ist die Perspektive – wenn man nach zehn Jahren immer noch beim Einstiegslohn rumdümpelt.»
Tamedia-Fusion zerstört Nährboden in Bern
Joel Widmer, Mitgründer des Berner Onlinemagazins Hauptstadt, stellte fest, dass die klassischen Einsteigerjobs verschwunden sind. Er selbst fand vor 25 Jahren über Sportberichte, Praktika und Ferienvertretungen in den Journalismus. «Da gab es einen ganzen Pool von Kolleginnen – dieser ist nicht mehr da.» In Bern hätten die Fusionen der Tamedia-Titel diesen Nährboden zerstört. Die Hauptstadt verfüge zwar über ein Budget für freie Mitarbeitende, schöpfe es aber selten aus, weil es keine jungen Kolleginnen und Kollegen mehr gibt, die so in den Beruf einsteigen wollen.
Einig war sich das Podium, dass nicht der Lokaljournalismus als solcher in der Krise stecke. «Wir haben eine Finanzierungskrise, und diese führt zu einem Rekrutierungsproblem», sagte Mensch. Schweizer kritisierte, kaum eine Branche schreibe sich derart selbst tot; der Blick richte sich zu stark auf Zürich und Bern, statt von erfolgreichen Modellen zu lernen.
«Gebt Sorge zu den Jungen!»
Im Schlussvotum bekräftigte Mensch seine Diagnose: keine Talentkrise, sondern ein Problem, die Talente zu halten. Sein Rezept an die Verlage: «Gebt Sorge zu den Jungen!» Miriam Abt verwies darauf, dass zwar manche Medienhäuser den Nachwuchs vorbildlich förderten, anderswo aber die Strukturen und Ressourcen fehlten. Und Orfa Schweizer mahnte, junge Talente nicht als selbstverständlich oder verschleissbar zu betrachten: Es brauche attraktive Rahmenbedingungen und vor allem spürbare Wertschätzung.


