02.09.2002

"Journalisten ohne Standpunkt neigen eher zum Thesenjournalismus"

Roger de Weck (Bild) ist einer der angesehensten Journalisten in Europa. Jetzt hat ihn sein früherer Arbeitgeber Hans Heinrich Coninx in den neu eingerichteten publizistischen Beirat gewählt. Doch de Weck bleibt nach seinem Abschied von der Zeit selbstständig. Im neusten "persönlich rot", das diese Woche erscheint, spricht er über seine Ansichten und Einsichten – über Journalismus, Medien, Wirtschaft, Politik und Europa. "persoenlich.com" bringt einen Auszug.
"Journalisten ohne Standpunkt neigen eher zum Thesenjournalismus"

Ich würde von Ihnen gern einige bekannte Redaktionen beurteilen lassen.

Gott behüte! Einmal habe ich eine kleine Blattkritik der Weltwoche veröffentlicht. Das hätte ich besser unterlassen. Viele in der Zunft unterstellten mir niedrige Beweggründe.

Man sah Sie als Nestbeschmutzer?

Richter, Ärzte und Journalisten sind die Berufsstände, die öffentliche Kritik am schlechtesten ertragen. Weil sie Machtberufe sind, die oft genug von oben herab ausgeübt werden. Bei vielen Journalisten kommt hinzu: Wer austeilt, kann nicht einstecken. Souveräner war da der Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel. Als Antwort auf die Blattkritik lud er mich zum Nachtessen ein.

Welchen Stellenwert hat der Journalismus bei der Zeit, deren Chefredaktor Sie waren?

Die Zeit ist eine Zeitung, in der beide Seiten des Journalismus zu ihrem Recht kommen, nämlich einerseits ein verkäufliches Produkt zu machen und andererseits ein gedankliches Projekt zu verfolgen, das anregt und auf Dauer überzeugt. Das ist mit ein Grund, weshalb dieses Blatt in fetten Jahren weniger profitiert als andere, aber umso stabiler bleibt in mageren Jahren. Die Zeit hatte in den verrückten Jahren keinen Rausch und hat nun keinen Kater – sie ist nüchtern, also glaubwürdig geblieben.

Wird der Journalismus nicht automatisch zerrieben, wenn die Zahlen nach unten zeigen?

Das Blatt erholte sich auch wirtschaftlich. Und die Zeit-Redaktion ist zu stark, als dass sie sich vom Weg des Journalismus abbringen liesse. Uns war es gelungen, nach einem Jahrzehnt des Rückgangs die Auflage einigermassen zu stabilisieren. Ein fragiler Erfolg. Er hing auch damit zusammen, dass nach wie vor viele Leser suchen, was diese Wochenzeitung bot und bietet: die grössere Distanz, die Unaufgeregtheit, die unverbrüchliche Skepsis. Ein Blatt, das nicht bloss Ereignisse, sondern auch Entwicklungen verfolgt. Und das weltweit die wichtigsten Akteure kennt. Für manche Zeitung ist es von Vorteil, auf Redaktoren zu bauen, die über die Jahre auf ihrem Themengebiet Fachwissen erworben haben und Beziehungen pflegen. Wer auf flinke Reporter setzt, die heute über dies und morgen über jenes schreiben, ist manchmal lebendiger, aber weniger kompetent. Kompetenz jedoch ist weniger krisenanfällig.

Heute schreiben Sie unter anderem Kommentare in der SonntagsZeitung, und es ist auffällig, wie Sie sich für den EU-Beitritt der Schweiz stark machen. Sind Sie ein militanter EU-Befürworter?

Eher ein zäher EU-Befürworter. Die Schweiz wird ihre nationalen Interessen als Mitglied der Europäischen Union besser wahrnehmen können. Wir erfahren mehr und mehr Nachteile des Alleingangs. Man stelle sich vor, mitten in der Eidgenossenschaft wäre Luzern ein fremder Staat. Absurd! Genauso verhält es sich mit der Schweiz mitten in Europa. Recht bald wird die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die Chancen sehen, die der Beitritt eröffnet.


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