15.05.2022

Investigativ.ch

Journalistische Recherche im Fokus

Das Schweizer Recherche-Netzwerk investigativ.ch hat am Freitagnachmittag zur Jahreskonferenz in Olten geladen. Die Herausforderungen, mit denen Investigativ- und Recherchejournalisten konfrontiert sind, waren ein zentraler Punkt der Diskussionen.
Investigativ.ch: Journalistische Recherche im Fokus
In Vorträgen und Workshops gaben Journalistinnen und Journalisten Einblicke in ihre Arbeit. (Bilder: Raphael Hünerfauth)
von Maya Janik

Für viele Journalistinnen und Journalisten gehört die Recherche zum Alltag. Besonders der investigative Journalismus setzt genaues und umfassendes Recherchieren voraus. Welche Recherche-Tools gibt es heute? Mit welchen Herausforderungen kämpfen Journalisten bei der Informationsbeschaffung? Und wie kann sich Recherchejournalismus lohnen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Jahreskonferenz des Netzwerks investigativ.ch am Freitagnachmittag in Olten.

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In vier Workshops gaben Journalistinnen und Journalisten Einblicke in ihre Arbeit. Adina Renner und Conradin Zellweger von der NZZ zeigten anhand praktischer Beispiele wie Satellitenbilder dabei helfen, Fakten zu überprüfen. Diese seien ein sehr wirksames Werkzeug im investigativen Journalismus, was gerade der Krieg in der Ukraine gezeigt habe, so Conradin Zellweger. Trotzdem kämen Satellitenbilder im Journalismus in der Schweiz immer noch selten zur Anwendung.

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Zita Affentranger, Teamleiterin International bei Tamedia und ehemalige Russland-Korrespondentin, erzählte über die Herausforderungen bei der Berichterstattung zum Ukraine-Krieg. Die Informationsflut verlange, dass Journalisten auf neue Meldungen zum Krieg reagieren, aber: Nicht alle Fragen liessen sich schnell beantworten, so die Journalistin. In parallel laufenden Workshops erzählte Julian Schmidli von SRF, wie das Team von SRF Data in Chatgruppen auf Telegram recherchierte. Kilian Küttel von der Zuger Zeitung und Sylvia Revello von Le Temps sprachen darüber, wie sie es schaffen, die Arbeit in einer Nachrichtenredaktion mit der Realisierung von investigativen Geschichten zu vereinbaren.

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Mit dabei war auch Peter Knechtli, Chefredaktor von OnlineReports, der ältesten kommerziellen unabhängigen Nachrichtenseite der Schweiz. Knechtli zeichnete ein düsteres Bild vom Zustand des Journalismus in der Schweiz. Es finde eine voranschreitende Einschränkung der Informationsbeschaffung statt, so Knechtli. Journalisten hätten es zunehmend schwer, an Informationen heranzukommen. Immer öfter würden Medienbeauftragte eingesetzt, die Journalisten den Zugang zu den Zielpersonen versperren. «Wir haben es mit Avataren zu tun, die selbst bestimmen, wann sie etwas erzählen wollen», wie es Peter Knechtli formulierte. Auch die mündliche Recherche verschwinde zunehmend als Instrument der Informationsbeschaffung: Fragen müssten per E-Mail zugeschickt werden und würden schriftlich beantwortet. Oft werde die Autorisierung ganzer Artikel statt nur der zitierten Aussagen eingefordert.

Ein weiterer Trend, der die Beschaffung von Informationen laut Knechtli erschwere: Medienstellen verschicken Mitteilungen ohne den Namen einer Ansprechperson und deren Kontaktdaten, sodass keine Möglichkeit für Rückfragen besteht. Auch die Möglichkeit zur Teilnahme an Gerichtsverfahren werde eingeschränkt, Pool-Interviews werden abgeschafft. Das Beunruhigende daran: «Journalisten gewöhnen sich an diesen Paradigmenwechsel. Das ist gefährlich», so Knechtli.

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Die Hürden bei der Informationsbeschaffung sind ein Thema, das auch investigativ.ch beschäftigt. Seit 2014 verleiht das Recherchenetzwerk den Schmähpreis «Goldener Bremsklotz» an sogenannte Informationsverhinderer aus der Medienbranche.

Bisherige Preisträger waren unter anderen das Bundesamt für Landwirtschaft, der PR-Berater Sacha Wigdorovits, die frühere Nationalratspräsidentin Christa Markwalder (FDP/BE), das Bundesstrafgericht, der Walliser SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor, der Industrielle Jørgen Bodum und das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Im vergangenen Jahr erhielt FDP-Ständerat Thomas Hefti den Preis dafür, dass er im Parlament einen Antrag eingereicht hatte, um Artikel 266 der Zivilprozessordnung zu verschärfen und die Verhinderung von missliebigen Medienartikeln zu vereinfachen. (Übrigens: Vergangene Woche hat das Parlament die revidierte Zivilprozessordnung gutgeheissen.)

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Das Abschlusspanel widmete sich der verlagsunabhängigen Recherche. Einen Einblick in ihren Arbeitsalltag gaben Coline Emmel von Gotham City, Christian Zeier von Reflekt und Charlotte Theile von Elephant Stories. Alle drei waren sich einig: Investigativer Journalismus ist oft kostspielig und aufwendig, und für unabhängige Journalisten mit dem Risiko verbunden, dass das Endprodukt nicht publiziert wird. Für alle drei stand dennoch fest: die Freiheit, welche man als unabhängiger Journalist bei der Themenwahl und der Recherche hat, überwiegen die Risiken bei Weitem.

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Der Verein investigativ.ch wurde 2010 gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, Journalistinnen und Journalisten zusammenzuschliessen, die sich rund um das Thema Recherche informieren und austauschen wollen.



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