15.06.2012

Erfolgreiche Frauen

Karin Müller

Sie ist Baselbieterin und führt den hörerstärksten Zürcher Privatsender. Im neunten Teil unserer Serie "Erfolgreiche Frauen" spricht Radio 24-Programmleiterin Karin Müller (47) über "Social Radio", ihren neuen Chef Peter Wanner, ihre Faszination für Revolutionäres und den Umzug ins Löwenbräu Areal. Wie sieht ein Radio-Studio der Zukunft aus? Das Interview:
Erfolgreiche Frauen: Karin Müller

Frau Müller, Sie wollen aus Radio 24 ein "Social Radio" machen. Was meinen Sie damit?

Wir wollen im Gespräch sein mit unseren Hörern, um das Programm mit ihnen zu gestalten. Das beginnt bei der Musikauswahl, die wir mit Publikumsbefragung machen, und ist jetzt topaktuell beim Studioneubau.

Radio 24 zieht um ins Löwenbräu-Areal. Wie wird es dort aussehen?

Radio 24 bleibt im Kreis 5, da wo wir hingehören. Mit dem blauen Saal im Löwenbräu haben wir einen inspirierenden Ort. Da wurden Dinge entdeckt, Stile angestossen, das ist vital, da geschieht's. Wir möchten auch einen Publikumsbereich für Besucher, Studioführungen oder Showcases. Dann ist die Radiotechnik so raffiniert fortgeschritten, dass offene Arbeitsplätze, Bewegtbild und Ton, Verbreitung per Mausklick auf verschiedenen Vektoren möglich ist. Wir planen ein Radio 24 das in die Moderne tönt und für Zürich nahe erlebbar ist.

Die Auswertung Ihrer aktuellsten Musikstudie, die sie unter Einbezug Ihrer Hörer gemacht haben, hat ergeben, dass wieder vermehrt Pop gewünscht ist. Was sagt dies über die heutige Zeit aus?

Es ist nicht mehr die Musik einer gewissen Zeit, zum Beispiel der 80er Jahre, die gewünscht wird. Es geht vielmehr um den eigentlichen Song, die Produktion. Bei Pop geht es zudem um Reduzieren und Weglassen. Es wird vereinfacht. Pop erlaubt Sonnenbrillen, auch wenn die Sonne nicht scheint. Vielleicht kann man darin einen Gegentrend zur Verkomplizierung der ganzen Welt erkennen.

Ihre bevorzugte Stilrichtung ist Rock.

Ja. Elvis war für mich eine Offenbahrung. Ich spürte damals, dass seine Musik und sein Stil etwas Revolutionäres sind. Etwas, das mein Elternhaus und meine Herkunft sprengte.

Revolutionäres fasziniert Sie also?

Ja. Gegentrends, Dinge aus dem Underground, die plötzlich Mainstream werden. Solche Bewegungen fand ich immer faszinierend und waren immer wichtig für mich. Was macht einen Hit aus? Woran liegt es, dass ausgerechnet dieser neue Song oder eine ganz neue Stilrichtung gross herauskommt? Was ist das Funkelnde an einem Song? Dies ist eines der letzten Geheimnisse.

Wollten Sie schon als Kind zum Radio?

Ich habe schon als Kind immer Fragen gestellt, Interviews geführt und meine Wetterprognosen für den Rosenweg mit Ukulelen Klänge unterlegt. Bei meinem Umzug in den Zürcher Kreis 3 habe ich kürzlich Kassetten gefunden mit solchen Aufnahmen und alte Aufsätze. In einem schrieb ich, dass ich gerne Tierärztin werden möchte und im Nebenberuf Schauspielerin. Ich habe es wohl bereits damals darauf angelegt, viel zu arbeiten und Karriere zu machen.

Wie sind Sie als Chefin?

Ich hoffe motivierend.

Was ist ihnen wichtig am Arbeitsumfeld?

Ehrlichkeit, Klarheit. Lieber nenne ich Störendes beim Namen und diskutiere darüber. Meine Mitarbeiter sollen immer wissen, woran sie sind, damit sie sich auf das konzentrieren können, was sie hoffentlich gerne tun: Das Radiomachen.

Wie führen Sie Ihr Team?

Ich mache klare Ansagen und dazwischen hoffe und wünsche ich mir, dass meine Mitarbeiter herumspinnen, kreativ sind und über die Grenzen hinausgehen. Mir ist es lieber, ich muss jemanden bremsen, als ständig anstossen. Jemand, der in diesem Gebäude auf Aufträge wartet, ist am falschen Ort. Dafür haben wir keine Zeit. Umsetzen, senden, Ideen haben und vorwärts ziehen.

Am Mikrofon sind Sie nur am Montag in der Sendung On Pop. Wie oft muss man die Stimme der Chefin hören?

Ich finde, jetzt sollen die Jungen ans Ruder. Meine Stimme ist eine Marke aus der Zeit von DRS 3. Diese hat nicht mehr viel mit Radio 24 zu tun – vor allem jetzt nicht mehr, wo wir bei DRS 3 Hörer holen. Ich sehe meine Funktion immer weiter weg vom Studio, in der Strategie und derzeit natürlich im Umbau. Ich möchte mit meinem Team Antworten finden, was ein modernes Popradio ist und bieten muss. Wir befinden uns inmitten eines Strukturwandels, der viele Herausforderungen mit sich bringt. Das hat aber nichts damit zu tun, wie gerne ich moderiere. Ein Traum von mir wäre eine eigene Kultursendung. Zürich bietet alles dafür. Doch soweit sind wir noch nicht.

Sie sind Baselbieterin und führen das hörerstärkste Zürcher Radio. Wie geht das?

Ich liebe Zürich, es ist die beste der Schweiz. An dieser Stelle entschuldige ich mich auch gleich bei allen anderen Schweizer Städten. Zürich pulsiert. Jeden Samstag entdecke ich wieder einen neuen, kleinen Laden, ein Designer, ein Thairestaurant. In einer solchen Stadt Radio machen zu dürfen, ist der Wahnsinn.

Was tun sie, wenn Sie einmal nicht arbeiten?

Dann bin ich im Fitnessstudio. Ich lese auch gerne – auf dem Crosstrainer.

Wofür nehmen Sie sich privat sonst noch Zeit?

Ich habe vor zwei Jahren meinen Vater verloren, darunter leide ich heute noch. Viel Zeit nehme ich mir deshalb für meine Mutter, die seither alleine lebt. Ich versuche mich dann zu erinnern: Was haben wir eigentlich so gemacht als Familie in den 70er Jahren? Ich hatte nicht viel von meinem Vater, denn er war oft beruflich unterwegs und daneben Mitglied in diversen Kommissionen. Ich erinnere mich gut, wie ich einmal als kleines Mädchen hinter seinem VW Variant hinterher lief, weil ich mit ihm zusammen sein wollte.

Sind Sie ihm ähnlich?

Ich bin auch oft unterwegs und komme kaum zur Ruhe. Vielleicht habe ich das von ihm, ich weiss es nicht. Er war immer stolz auf mich, fand mein Job und Metier sehr spannend. Er hat jeweils auch alle Zeitungsartikel zum Thema ausgeschnitten. So hat er aktiv an meinem Leben teilgenommen und sich zum Beispiel auch immer erkundigt, was Herr Supino denkt oder wohin Herr Kall will (lacht).

Ihr neuer Chef heisst Peter Wanner. Sind Sie glücklich, dass er der Käufer war?

Wir haben mit Peter Wanner einen Besitzer, der ein klares Commitment gemacht und auch viel Geld in die Hand genommen hat, um sich mit Radio 24 einen Herzenswunsch zu erfüllen. Er ist Verleger und Herausgeber im eigentlichen Sinn, dem Qualität und die Journalisten wichtig sind. Man spürt seine Freude und wir stehen in einem tollen Austausch.

Vor kurzem hat das Bakom den Übergang von Tamedia zur Radio Medien AG abgesegnet. Jetzt fehlt nur noch das Closing. Was beschäftigt sie sonst im Moment?

Da wir seit April 2011 zum Verkauf standen, hatten wir keine Möglichkeit, einen grossen Schritt nach vorne zu gehen. Die einzige Bewegung bestand in der Frage "Wer kauft uns?". Diese "verlorenen" Monate gilt es nun aufzuholen. Zudem müssen wir personelle Löcher füllen. Im letzten Jahr haben andere Radiosender bei uns Leute abgeworben. Wir hatten wegen der Ungewissheit des Käufers Mühe, Personen mit Erfahrung zu finden. Nun können wir endlich wieder richtig loslegen. Es gibt viel zu tun.

Was ist Ihr nächstes Ziel?

Ich möchte weiterhin diese Medienlandschaft ein Stück weit mitgestalten dürfen. Ich möchte, dass private elektronische Medien relevant sind in der Schweiz und einen Markt haben, auf den man stolz sein kann.

Und privat?

Privat muss ich noch mehr Freude finden, nix zu machen. Einen Spaziergang. Eine Wolke anschauen. Das wäre noch gut für die nächsten 124 Jahre Medien.

Interview: Corinne Bauer.



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