07.06.2012

Ostschweizer Medienpreis

Katrin Meier im Interview

Reportage "Glauben Sie an Gott?" prämiert.

Mit "Glauben Sie an Gott?" hat Katrin Meier den Ostschweizer Medienpreis in der Kategorie Reportage gewonnen, persoenlich.com berichtete. Während drei Tagen hat Meier zwei junge Mormonen-Missionare bei Ihrem Geschäft, der Anwerbung neuer Mitglieder für die religiöse Gemeinschaft, begleitet. Sie stand mit den Missionaren vor den Klingeln fremder Häuser und nahm mit ihnen die meist abschlägigen Antworten durch die Lautsprecheranlage entgegen, wie: "Ich war in einer Klosterschule, das hat mir gereicht." Im Interview mit persoenlich.com erzählt Meier, wie schwierig es war, hinter die religiöse Fassade ihrer Porträtierten zu blicken und welche besonderen Vorkehrungen getroffen wurden, um das Zusammensein der jungen Mormonen-Missionare mit einer jungen Journalistin sittlich zu gestalten. Das Interview:

Frau Meier, wie war es für Sie speziell als Frau mit zwei jungen Männern um die Häuser zu ziehen, denen es verboten ist, mit einer Frau allein zusammen zu sein, denen Flirten und Tanzen untersagt ist?

Das war schwierig. Vor allem habe ich von den strikten Regeln vorgängig noch nichts gewusst. Keiner der Mormonen, mit denen ich für die Reportage in Kontakt stand, hat mich vorgängig informiert, dass es zu Problemen kommen könnte, weil ich eine Frau bin. So durfte ich als Frau beispielsweise nicht in die Wohnung der beiden Missionare Elder Conrad und Elder Hodges. Und ich hätte mit den beiden eigentlich auch nicht Bus- oder Zugfahren dürfen. Der Missionspräsident und Verantwortliche für das Gebiet Aachen hat mir dann ein älteres Ehepaar geschickt, das von Heidelberg nach Aachen für zwei Tage gereist ist, um uns quasi zu begleiten, um zu verhindern, dass ich mit den beiden Männern allein bin.

Warum thematisieren Sie dieses Aufpasser-Ehepaar in Ihrem Text nicht?

Ich habe mir das lange überlegt, aber sie hätten in meinem Text gestört, genauso wie sie bei meiner Reportage-Arbeit in Aachen gestört haben. So hat das Ehepaar beispielsweise viele Fragen beantwortet, die ich eigentlich den beiden jungen Mormonen gestellt hatte. Das Ehepaar wäre im Text ein Fremdelement gewesen, das von meinem Fokus auf die beiden Jungen abgelenkt hätte.

Wie sind Sie zu Ihrem Reportage-Stoff gekommen?

Es hat alles mit einer Medienmitteilung angefangen, wonach St.Gallen einen neuen Mormonen-Bischof erhalte. Als ich die Mitteilung gelesen hatte, fragte ich mich: Was macht wohl ein Mormonen-Bischof so? Ich habe diesen Bischof dann für ein Porträt getroffen, und ihn zwei Stunden lang gelöchert und mit ihm das Mormonentum des Langen und Breiten besprochen. Der Mormonenbischof schlug denn auch vor, das Ganze noch zu vertiefen. Klar, Mormonen erzählen in der Regel auch immer gerne, denn Sie wittern in einem natürlich auch ein potentielles neues Mitglied. Ich beliess es jedoch vorläufig bei diesem Porträt.

Und dann?

Als das St.Galler Tagblatt die monatliche Reportage lancierte, dachte ich mir gleich, dass die Mormonen einen guten Stoff für dieses Format abgeben würden. Wohl kennt man das Missionieren der Mormonen, wie sie in ihren schwarzen Anzügen und dem Namensschild auf der Strasse herumlaufen. Aber es wäre spannend zu zeigen, warum sie das eigentlich machen, dachte ich mir. Der Mormonen-Bischof hat mir dann den Kontakt zu einem jungen St.Galler vermittelt, der für die Mormonen auf Mission ist. Dann ging ich nach Aachen in Deutschland und begleitete Elder Conrad während dreier Tage.

Sie schreiben sehr zurückhaltend und unaufgeregt, wenig urteilend und kommentierend. War diese Schreibhaltung angesichts des Themas schwierig einzuhalten?

Es ging fast nicht anders und ich wollte auch kein fixes Urteil wie "die spinnen doch" bilden. Denn wenn ich mit der These, dass die Mormonen irgendwas blödes erzählen, an die Geschichte herangegangen wäre, hätte sie nicht funktioniert. Ich hätte definitiv weniger erfahren. Ich versuchte, offen zu sein, um herauszufinden, wie die Mormonen auf Mission ihr Leben selber empfinden. Beim Schreiben war es fast schwieriger, wirklich nahe an die Thematik heranzugehen. Denn da war immer eine Wand, etwas Ausschliessendes: So konnte ich ganz viele Fragen stellen, und habe trotzdem immer dieselbe Antwort gekriegt. Es war eine völlig andere Erfahrung als ich sie bei anderen Porträts gemacht habe. Beim Schreiben war es dementsprechend schwieriger, nicht einfach diese Wand zu zeigen, sondern auch zu beschreiben, was sich dahinter verbirgt.

Dieser Eindruck wird aber doch auch im Text wiedergegeben. Conrads Statements wirken gebetsmühlenartig und phrasenhaft. Gab es einen Moment, in dem Sie hinter die Bet-Fassade von Conrad geblickt haben?

Ja, den Moment gab es und er kommt in meinem Text nicht vor, weil ich ihn herauskürzen musste. Conrad und sein Kollege mussten – als Community Work – Gartenarbeit für einen älteren Herrn verrichten. Eigentlich sollte es um Unkraut jäten gehen, doch als der Mann die beiden Burschen sah, beauftragte er sie gleich, einen alten Baumstrunk aus der Erde zu schaffen. Die beiden hantierten und gruben mit grösstem Eifer. Da wurde mir bewusst, dass die beiden eigentlich auch nur ganz normale zwanzig-, einundzwanzigjährige Jungs sind. Conrad meinte denn auch zu mir: "Weisst du, ich finde es einfach cool, ein bisschen zu dreckeln." Das war der einzige Moment, bei dem ich das Gefühl hatte: Das ist er, Conrad, und nicht der Missionar.

Wieso geben Sie am Schluss der Reportage auch noch eine Einschätzung über die Mormonen von Infosekta wieder? Darauf hätten Sie auch verzichten können.

Ja, das hätte man können. Ich fand es einfach sinnvoll, am Schluss noch eine Einschätzung von anderer Stelle zu geben, um den Leser nicht in einer losen Begleitung zu lassen. Ich wollte eine offizielle Stimme wiedergeben, die die Mormomen und ihre Tätigkeit in der Religionslandschaft einordnen kann. Ich selber konnte das nicht, weil ich keine Expertin bin und kein Urteil abgeben wollte.

Nach Ihrem einjährigen Volontariat beim St.Galler Tagblatt arbeiten Sie jetzt seit einem Monat bei der Zürichsee Zeitung. Was sind Ihre journalistischen Ziele?

Das ist immer so eine schwierige Frage und ich weiss es eigentlich auch gar nicht. Reportage- und Hintergrundarbeit macht mir schon sehr Spass. Aber ich weiss nicht, ob ich immer so arbeiten möchte, denn man verliert sich auch sehr stark in Stoffen, weil die Arbeit so intensiv ist. So macht es mir momentan auch Spass, einen Tag an einem Thema zu arbeiten und am nächsten an einem anderen. Ich kann noch nicht sagen, wohin es mich genau zieht.

Interview: Benedict Neff


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen