04.10.2002

"Kein Silberstreifen am Horizont"

Professor Dieter Stolte, Herausgeber der Wochenzeitung Die Welt sowie der Berliner Morgenpost und ehemaliger ZDF-Intendant, gehört zu den bedeutenden Persönlichkeiten der deutschen Medienlandschaft. Am Jahreskongress der Schweizer Presse in St. Moritz skizzierte Stolte in seinem Referat "Die Standortbestimmung der Tageszeitung in der Medienlandschaft Deutschlands" seine Sicht der oft zitierten Krise im Zeitungswesen. "persoenlich.com" hat sich mit dem Experten unterhalten.
"Kein Silberstreifen am Horizont"

Sie haben ein relativ pessimistisches Bild gezeichnet und reden von Stellenabbau bei den deutschen Zeitungsverlagen. Wann kommt der Punkt, da man nicht mehr weiter Stellen abbauen kann, sondern über die Einstellung von Produkten reden muss?

Das ist eine zu allgemein gestellte Frage. Ich glaube, dass wir in der Tendenz überbesetzt sind, dass wir unsere Redaktionsabläufe, unsere Vertriebswege kritisch überprüfen müssen. Das könnte dazu führen, dass wir die Redaktionszäune zum Teil einreissen müssen und in einer etwas grösseren Redaktion dann mehrere Aufgaben übernommen werden. Aber wer, wo und wie viel, muss jeder Verlag für sich selbst entscheiden.

Seit wann läuft dieser Abbauprozess?

In Deutschland ist der Prozess vor einem dreiviertel Jahr in Gang gekommen. Unser Vorstandsvorsitzender, Mathias Döpfner, hat eine Vorgabe gemacht, nach der 10 Prozent, das sind 1400 Stellen, innerhalb des Jahres 2002 abgebaut werden sollen. Aber jeder geht den Weg, der zu seiner Verlagskultur passt und auch in dem Tempo, in dem es notwendig ist.

Es entsteht ja dann immer auch Unruhe im Betrieb, wie man mit dieser Verunsicherung umgeht?

Man muss mit den Menschen, die davon betroffen sind, offen und ehrlich umgehen. Man muss ihnen sagen, worum es geht, und man muss ihnen auch erläutern, falls sie zum Kreis derer gehören, von denen man sich trennt, unter welchen Voraussetzungen man dies machen will. Dazu gehören vor allen Dingen die Entwicklung von Vorstellungen von Sozialplänen und Rahmenbedingungen, in denen Abfindungen bezahlt werden und die sicherstellen, dass die Menschen nicht in ein persönliches Unglück gestürzt werden.

Sehen Sie einen Silberstreifen am Horizont?

Den kann ich im Moment noch nicht erkennen. Ich will aber auch nicht dramatisieren und in Pessimismus verfallen. Aber dass die Pferde wieder saufen und den Berg hochgehen, wie Karl Schiller, der deutsche Wirtschaftsminister, einmal gesagt hat, kann ich nirgendwo erkennen. Die Menschen konsumieren auch nicht, weil sie unsicher sind, wie die Zukunft weitergeht. Sie halten die Hände auf der Tasche und geben lieber kein Geld aus. Wann es wieder aufwärts geht, weiss ich nicht. Es kann ja auch sein, dass wir in eine Phase der Normalität zurückkehren, wie wir sie in den achtziger und frühen neunziger Jahren gehabt haben, die nicht von Sondereffekten wie der deutschen Einheit und der New Economy geprägt ist.

(Interview: Oliver Prange).

Stolte in St. Moritz


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