16.10.2008

Schawinski

"Lifetime Awards - und wo bleibt die Würde

Springer Schweiz hat eherne Regel durchbrochen.

Eine Karriere im Showbusiness oder in den Medien ist oft faszinierend, aufregend und nicht selten auch lukrativ. Deshalb wird ein solches Leben auf dem roten Teppich von vielen als prickelnd empfunden, viel anregender jedenfalls als eine Existenz in der grauen Masse der Namenlosen. Die bevorzugte Behandlung im Restaurant, die spontan erfahrene Zuneigung auf offener Strasse und die meist huldvollen Beschreibungen in den Medien helfen selbst verunsicherten Menschen immer wieder, ihr angeknacktes Selbstbewusstsein aufzurichten. Diese Dosis an Zuwendung wird als integraler, hart erarbeiteter Teil des Lohns für die eigene ausserordentliche Leistung empfunden, auf die man ein Anrecht hat.

Doch dann geschieht immer und unweigerlich etwas, worauf sich kaum jemand vorbereitet: der Übergang in die Bedeutungslosigkeit. Meist aus Altersgründen, manchmal auch aufgrund des gewandelten Publikumsgeschmacks, versiegt die Aufmerksamkeit an der eigenen Person, an die man sich während Jahrzehnten gewöhnt hat. Meist geschieht dies schleichend, hie und da aber abrupt. Plötzlich ist das prestigeträchtige Amt durch Entlassung oder Pensionierung weg. Oder das Telefon bleibt penetrant stumm. Das bringt manche der ehemaligen Medienstars in existenzgefährdende Situationen, wie wir aus vielen Lebensläufen erfahren haben. Zu den üblichen Problemen des Alters, die jede Bevölkerungsgruppe erfassen, kommen bei ihnen zusätzliche Entzugserscheinungen hinzu, welche selbst durch die ständig erweiterten Hilfs- und Pflegeangebote nicht erfasst werden können.

Doch ein palliatives Wundermittel gibt es: den Lifetime Award. Die Auszeichnung für ein ganzes Lebenswerk bringt zumindest für einen gewichtigen Augenblick das grosse Scheinwerferlicht zurück. Zuerst war es wohl Hollywood, das diesen speziellen Preis eingeführt hat, mit dem die Giganten der Filmindustrie ein letztes Mal und mit einer automatischen Standing Ovation geehrt werden. Bei der Präsentation der Bilder einer grandiosen Kinokarriere bleiben jeweils die wenigsten Augen trocken. Die Vergänglichkeit des Lebens, der Weg von der Jugend ins Alter, kann auf keine Weise eindrücklicher in drei Minuten dargestellt werden.

Lifetime Awards gibt es mittlerweise zuhauf -- auch bei uns, und das ist gut so. Und man befolgt jeweils in erster Linie einen Grundsatz: Während es bei allen anderen Kategorien mehrere Nominierte gibt, von denen dann einer den Preis erhält, ist es beim Lifetime Award anders. Da entscheidet sich die Jury im Vorfeld für die Würdigung einer Persönlichkeit, die sich deshalb schon Wochen im Voraus darauf freuen und sich für den grossen Moment vorbereiten kann. Deshalb war ich beim kürzlich erstmals verliehenen Fernseh-Preis der Schweiz schockiert, als man diese eherne Regel durchbrach.

So wurden Liselotte Pulver, Walo Lüönd und Walter Roderer in die Maag Event Halle gekarrt. Dort erhielt dann Liselotte Pulver den Lifetime Award, über den sie sich ehrlich zu freuen schien. Unten am Tischchen sassen derweil zwei der beliebtesten und verdienstvollsten Schauspieler der Schweiz, zwei Herren über 80, die als Verlierer bloss noch applaudieren durften. Ich empfand dies als stillos und entwürdigend. Und ich wunderte mich, dass ausgerechnet das Haus Springer, das die Veranstaltung als neuer Besitzer aller TV-Zeitungen der Schweiz ausrichtet, einen solchen unverzeihlichen Fehler beging.

Springer vergibt in Berlin seit Jahrzehnten die renommierte “Goldene Kamera”, neben dem “Deutschen Fernsehpreis” und dem “Bambi” der wichtigste Medienpreis Deutschlands. Und natürlich wird auch dort ein Lifetime Award so verliehen, wie es sich gehört. Doch in Berlin werden keine betagten Verlierer eingeladen, die man dann mit leeren Händen nach Hause schickt. Das Know-how wäre also bei Springer im eigenen Hause verfügbar gewesen, wenn man es denn hätte nutzen wollen. Mir fehlten die Worte. Ich wusste, dass ich die von mir bewunderten Walo Lüönd und Walter Roderer nicht richtig trösten konnte.

Der kapitale Fauxpas der Veranstalter war damit nicht wettzumachen, auch wenn ich versuchte, die Blossstellung kleinzureden. Mein Zorn richtete sich auf die meist jungen, dynamischen Organisatoren, die die grosse Sause ohne das geringste Einfühlungsvermögen organisiert hatten. Und das sagte ich ihnen auch vor Ort. Nun denn. Ich gehe davon aus, dass man sich einen solch gravierenden Fehler kein zweites Mal leisten wird. Und ich hoffe, dass die dynamischen Springer-Leute einen Sekundenbruchteil daran denken, dass auch sie auf ihrem sicheren Weg in die spätere Bedeutungslosigkeit einen Moment der Würde und der Anerkennung schätzen würden.

(Text: Roger Schawinski, Kolumne aus "persönlich rot")


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