03.11.2003

"Markus Gilli, haben Sie das Fairness-Gebot verletzt?"

Im TeleZüri-"SonnTalk" vom 2. November verglich PR-Berater Klaus J. Stöhlker Bundesrat Moritz Leuenberger mit dem römischen Kaiser Nero und beschrieb den Zustand des Bundesrates als "latent psychopathisch". Wie waren die Reaktionen, welche Konsequenzen zieht der Sender aus dem Vorfall? "persoenlich.com" sprach mit Markus Gilli (Bild), dem Programmleiter und Chefredaktor von TeleZüri. Das Interview:
"Markus Gilli, haben Sie das Fairness-Gebot verletzt?"

Im "SonnTalk" von gestern kam es zum Eclat. Wie waren die Reaktionen?

Die Zuschauer haben sich zahlreich gemeldet. Die überwiegende Mehrheit kritisierte Stöhlkers Aussagen und die Tonalität und begrüsste die sofortige Distanznahme von mir und den beiden anderen Gesprächsteilnehmern, Sonja A. Buholzer und Roger Schawinski. Wir sind uns alle einig: Klaus J. Stöhlker hat die Grenze überschritten.

Von Bundesrat Leuenberger haben wir bisher noch keine Reaktion. Eine allfällige Klage wäre sowieso an Herrn Stöhlker zu richten. Auch wenn wir selbstverständlich die publizistische Verantwortung tragen, handelt es sich beim "SonnTalk" um eine Live-Sendung. Sollte Herr Leuenberger eine Gegendarstellung verlangen, werde ich sie verlesen. Es gilt auch weiterhin meine Einladung ins "TalkTäglich". TeleZüri will Bundesrat Leuenberger weiterhin eine Plattform bieten.

Am Anfang der Sendung bezeichneten Sie Moritz Leuenberger als "Frust der Woche", weil er nie ins Studio komme. Zudem war bekannt, wie Stöhlker über den Uvek-Vorsteher denkt. Wurde hier nicht das Fairness-Gebot verletzt?

Auf keinen Fall. Zur Erinnerung: Am vergangenen Montag hat Bundesrat Leuenberger den elektronischen Medien Zürichs "unsachliche Berichterstattung" vorgeworfen -- obschon TeleZüri intensiv über die Fluglärm-Debatte berichtet hat und dabei alle Beteiligten bis hin zu Regierungsrat Ruedi Jeker zu Wort kommen liess. Ich habe in der letzten Woche Bundesrat Leuenberger mehrmals ins "TalkTäglich" eingeladen -- wir haben nur Absagen erhalten. Zum Start der Südanflüge hätte ich eine Sendung mit Bundesrat Leuenberger als äusserst wichtig erachtet.

Für den "SonnTalk" versuchte ich eine Runde mit Bundesrat Leuenberger , Roger Schawinski und Klaus J. Stöhlker zusammenzustellen -- Moritz Leuenberger lehnte eine Teilnahme ab. Hätten wir deswegen den Talk absagen müssen, nachdem Stöhlker und Schawinski von Moritz Leuenberger zuvor öffentlich kritisiert wurden?

Sie distanzierten sich in der Sendung umgehend von Stöhlkers Äusserungen. Was geht in Ihnen vor, wenn ein Interview-Partner live entgleist? Befürchten Sie nie, das Heft entgleite Ihnen?

Ich merkte innerhalb von Sekundenbruchteilen, dass Stöhlker eine Grenze überschritt und viel zu persönlich wurde. Ich bin für eine harte, sachliche Diskussion. Schliesslich gibt es zur Politik von Bundesrat Leuenberger genügend sachliche Argumente zu diskutieren. Dass An- oder Abwesende aber derart beleidigt werden, geht zu weit, deshalb bin ich auf die Bremse getreten. Ich weiss nicht, was in Stöhlker gefahren ist, ich hätte das in dieser Form auch nicht erwartet. Einen Kontrollverlust meinerseits gibt es jedenfalls nicht. Letztlich kann die Regie immer noch das Mikrofon abstellen, und ich könnte Gäste des Studios verweisen.

Werden Sie Stöhlker weiterhin als Enfant terrible einladen?

Im Moment verspüre ich dazu überhaupt kein Bedürfnis. Stöhlker hat einen geltenden Ehrenkodex verletzt, diese Art des persönlichen Angriffs hat es im "SonnTalk" noch nie gegeben.

Müsste das Konzept der Sendung jetzt nicht überdacht werden?

Nein, das war eine einmalige Entgleisung eines Gastes. Nur wegen Herrn Stöhlker verändern wird doch nicht das extrem erfolgreiche Konzept. Der "SonnTalk" lebt von der freien Meinungsäusserung -- die Grenzen des Anstandes und des Respekts müssen aber eingehalten werden. Ich will eine lebendige und emotionale Diskussion, lehne aber Verunglimpfungen von Personen mit anderen Meinungen entschieden ab.

Beatrice Tschanz, die oft auf TeleZüri zu sehen war, soll Moritz Leuenberger künftig in Zürich unterstützen. Welche Empfehlungen haben Sie für Tschanz?

Es steht dem Programmleiter von TeleZüri nicht zu, der höchst erfahrenen PR-Ikone Tipps zu geben. Nur soviel: Wenn ich Frau Tschanz wäre, würde ich als Gast ins "TalkTäglich" kommen.


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