Herr Rauchenstein, Sie kehren nach knapp zweieinhalb Jahren in Brüssel zurück nach Zürich. In der Regel bleiben SRF-Korrespondenten vier bis sechs Jahre auf einem Posten. Warum diese frühe Rückkehr?
Die Stelle für die Moderation der «Tagesschau»-Hauptausgabe wird ganz selten frei. Als ich gesehen habe, dass Franz Fischlin die «Tagesschau» verlässt, war für mich klar, dass ich mich bewerben werde. Es ist aus meiner Sicht ein Traumjob, die wichtigen Nachrichten des Tages für das Schweizer Publikum präsentieren und einordnen zu dürfen. Aber klar, Brüssel nach dieser eher kurzen Zeit zu verlassen, fällt mir nicht ganz leicht.
Ihre Zeit als Korrespondent fällt ziemlich genau auf die beiden Coronajahre. Wie hat das Ihre Arbeit beeinflusst?
Die Coronapandemie hat meine Arbeit stark beeinflusst. Viele Veranstaltungen und Pressekonferenzen haben fast nur virtuell stattgefunden. Die «Lockdowns» waren in Belgien länger und strenger als in der Schweiz. So war es nicht ganz einfach, ein neues Umfeld aufzubauen und wichtige Kontakte zu knüpfen. Auch Reportagen aus den Beneluxstaaten waren wegen der Coronamassnahmen oft nur unter erschwerten Bedingungen möglich.
«Der Ukraine-Krieg braucht viel Energie. Es ist nicht einfach, fast täglich darüber aus Brüssel zu berichten»
Rahmenabkommen, Coronakrise oder der Ukraine-Krieg: Welche grossen Themen der letzten beiden Jahre waren für Sie in Brüssel journalistisch am spannendsten?
Die Beziehungen zwischen der EU und der Schweiz sind für einen Schweizer Journalisten in Brüssel äusserst spannend. Während meiner Zeit in Brüssel hat der Bundesrat entschieden, die Verhandlungen zum Rahmenabkommen abzubrechen. Die Berichterstattung darüber und über das «wie weiter» ist intensiv und spannend. Der Ukraine-Krieg braucht viel Energie. Es ist nicht einfach, fast täglich darüber aus Brüssel zu berichten. Und gleichzeitig ist es spannend zu sehen, wie die EU als politische Institution, die auf die Zusammenarbeit der 27 Mitgliedstaaten angewiesen ist, bezüglich des Krieges handelt und reagiert.
Und über welche Themen aus Ihrem Einzugsgebiet hat man in der Schweiz Ihrer Meinung nach zu wenig erfahren?
Während der letzten zweieinhalb Jahren war es mir leider selten möglich, Reportagen aus den Beneluxstaaten zu realisieren. Gerade die Niederlande hätte ich gerne besser kennengelernt. Ich bin nur schon von der Landschaft mit dem vielen Wasser fasziniert. Und auch politisch gesehen nehmen die Niederlande, beispielsweise in Brüssel, eine zunehmend wichtigere Rolle ein. Da aber meine Zeit in Brüssel stark durch globale Krisen geprägt war, gab es dafür leider zu wenig Möglichkeiten.
Welche Erfahrungen als Korrespondent können Sie im neuen Job als «Tagesschau»-Moderator einbringen?
Vor einer «Tagesschau»-Sendung führen Korrespondentinnen und Korrespondenten oft ein kurzes Vorgespräch mit den Moderatorinnen und Moderatoren. Ich kenne durch meine Tätigkeiten die Bedürfnisse der «Korris» für solche Gespräche gut. Zudem habe ich in Brüssel viele Live-Schaltungen. Die Arbeit vor der Kamera, in einem anderen Setting, sollte mir daher nicht fremd sein.
«Als Moderator muss man enorm präsent und konzentriert sein»
Was macht Sie im Hinblick auf den neuen Job am meisten nervös? Oder anders gefragt: Was sehen Sie als grösste Herausforderung an?
Wie als Korrespondent muss man auch als «Tagesschau»-Moderator in wenigen Sätzen einen oft komplexen Sachverhalt erklären können. Das ist eine der grössten Herausforderungen. Dazu kommt, dass eine «Tagesschau» rund 25 Minuten dauert und live ist. Als Moderator muss man da enorm präsent und konzentriert sein. Diese Spannung während einer ganzen Sendung durchzuhalten, erachte ich als nicht ganz einfach.
Wie häufig werden Sie für die Zuschauerinnen und Zuschauer in der «Tagesschau» zu sehen sein?
Darüber haben wir noch nicht im Detail gesprochen. Ich gehe aber davon aus, dass das rund sieben bis zehn Tage pro Monat sein werden.
Wie bereiten Sie sich in den kommenden Wochen auf die erste Sendung vor?
Ich habe gar nicht gross die Kapazitäten, mich vorzubereiten. Mein Job in Brüssel läuft bis im August normal weiter und irgendwann brauche ich auch noch ein paar Ferientage, um für die neue Aufgabe bereit zu sein. Ich gehe aber davon aus, dass ich noch zwei bis drei Stunden Zeit kriegen werde, um im «Tagesschau»-Studio noch «üben» zu können.
Wie lange sind Sie noch in Brüssel als Korrespondent tätig?
Das ist noch nicht abschliessend geklärt. Bis eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger gefunden ist, werde ich wohl noch in Brüssel bleiben.
Was werden Sie – zurück in der Schweiz – an Brüssel am meisten vermissen?
Beruflich gesehen wird mir die EU-Politik sehr fehlen. Für einen Politik-Journalisten gehört Brüssel für mich zu den spannendsten Orten überhaupt. Privat werde ich meine Freunde vermissen. Ich habe in den letzten zweieinhalb Jahren ein gutes Umfeld in Brüssel aufbauen können. Und auch die Restaurants und Kneipen werden mir fehlen – Brüssel bietet eine hervorragende Gastronomie.