10.05.2012

MFK

Miriam Meckel und Lukas Bärfuss im Gespräch

"Der Körper wird zum Joystick."

"Gefährdet kommunizieren?" – zu diesem Thema diskutierten Medienprofessorin Miriam Meckel und Schriftsteller Lukas Bärfuss am Mittwoch, 9. Mai im Museum für Kommunikation in Bern unter der Leitung von Hannes Hug, Redaktor und Moderator von Focus auf DRS3.

Bärfuss findet Internet eine wunderbare Sache

Bärfuss bekennt, mit einem Bein nach wie vor im 20. Jahrhundert zu stecken. Der Autor will grundsätzlich alles lesen und ist nicht bereit, die Zeit für Lektüre mit Social-Media-Aktivitäten weiter einzuschränken. Den Einstieg in die sozialen Netzwerke habe er wohl verpasst. Denn er halte sich gerne auch im Geheimen und Privaten auf. Abgehängt fühlt er sich deswegen aber nicht. Trotzdem sagt er auch, (und man wundert sich vielleicht, dies von Bärfuss zu hören): "Ich finde Internet, die Digitalisierung, eine wunderbare Sache." Er schätzt das Nebeneinander: "Zettelkästen gibt es in den Bibliotheken ja auch noch."

Meckel mit Facebook- und Twitteraccount

Meckel hingegen ist auf Twitter und Facebook aktiv. Die Professorin unterhält auch eine eigene Webseite. Bärfuss: "Ich habe ein anderes Geschäftsmodell." Weil hinter ihm keine Institution stehe und er kein sicheres Einkommen habe, sei er auch nicht bereit, das Internet im grossen Stil mit Gratistexten zu speisen.

Bärfuss stellt klar; Kommunikation soll nicht pathologisiert werden. Kommunikation sei eine Lösung, kein Problem. Meckel moniert, dass die permanente Vernetzung, Kommunikation durchaus gefährden könne. Kommunikationsscheue Menschen könnten sich hinter einem Kommunikationswall letztlich verstecken.

Augmented Reality ist keine Sciencefiction

Die Proefessorin sorgt im Publikum für Aufregung, als sie die Diskussion von Internet, Facebook und Co. weiter auf "Augmented Reality" und Infrarotstrahlen (die die Hand als Tastatur benutzen lassen) lenkt. Manche im eher älteren Publikum lachen, andere schütteln den Kopf, weitere seufzen. Meckel: "Der Körper wird zum Joystick." Die Professorin stellt klar: "Ich rede nicht von Sciencefiction, diese Entwicklung findet statt." Diese nachgeschobene Erklärung scheint im Saal niemand wirklich zu beruhigen.

Die wirkliche Welt hat nicht ausgedient

Die beiden Diskussionsteilnehmer zeigen sich zwar als kritisch, aber nicht pessimistisch, was die Technologisierung der Gesellschaft anbelangt. Mit der simplem Aussage "Wir müssen immer noch aufs Klo" erläutert Bärfuss, dass es die "wirkliche Welt" immer brauchen wird. Abwassersysteme haben so schnell nicht ausgedient. Auch die Revolution in Ägypten sei nicht von Leuten zuhause an ihrem Computer durchgesetzt worden: "Grosse, wichtige Entwicklungen macht man auf den Füssen und nicht mit Fingerspitzen." Was den Schriftsteller beschäftigt, sind die Abhängigkeit von Strom, die ungeklärte Frage der Urheberrechte im digitalen Raum und letztlich die Frage der Machtverteilung. Wohl gebe es viele Herausforderungen, aber man dürfe nicht der Technologie die Schuld geben.

Internet ist weiss, männlich und amerikanisch

Am Schluss fragt Moderator Hannes Hug nach Faustregeln im Umgang neuer Kommunikationstechnologien. Meckel gibt ein Rezept aus der Hausapotheke: "Ruhephasen sind notwendig für die Kommunikation." Vor allem regt sie aber an, Grundannahmen immer wieder in Frage zu stellen. Wer etwa google, dürfe nicht annehmen, objektive Antworten zu erhalten: "Das Internet ist ein weisses, männliches, amerikanisches Medium."

Die Podiumsdiskussion fand im Rahmen der Wechselausstellung "Warnung: Kommunizieren gefährdet." im Museum für Kommunikation statt. Die Ausstellung läuft noch bis am 15. Juli 2012.

Text: Benedict Neff


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