Kompakter können sich Werbeauftraggeber und Kommunikationsfachleute nirgendwo sonst über den Entwicklungsstand der hiesigen Presselandschaft informieren: Publimedia-CEO und Schnellredner Daniel Strobel genügte am Publimedia Forum 2005 eine halbe Stunde, um seine Prognose für den Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt 2006 anschaulich, pointiert und trotzdem umfassend zu umreissen. Fazit seiner Ausführungen: Die Presse hält im Lesermarkt grösstenteils ihre Marktanteile und kämpft mit innovativen und attraktiven Preismodellen um die Gunst der Werbeauftraggeber.
Den "Landesindex der Inseratepreise" sieht Strobel im Sinken begriffen: "Inserieren wird günstiger, die Handhabung einfacher." Was also die Werbeauftraggeber schon seit längerem fordern, packen die Medienhäuser nun an: Die Preise purzeln. Etliche Verlage sind dem Ruf der Auftraggeber schon gefolgt und haben ihre Tarife nach unten angepasst. Integrierte Farbtarife, Fixformate und deren Kombination werden insbesondere ganzseitig zum Teil markant günstiger. Beispiele gefällig: Das Leistungsverhältnis des Landboten und der Südostschweiz wird gemäss Publimedia um 17 respektive 10 Prozent verbilligt. Aber auch die NZZ und die Neue Luzerner Zeitung senken ihre Tarife -- trotz Leserzuwachs. Eine Reihe weiterer Zeitungen und Zeitschriften -- zumeist solche mit Leserzuwachs -- schalten eine tarifliche Nullrunde ein. Damit werden auch sie für die Auftraggeber -- relativ gesehen -- günstiger.
Hatte Strobel im vergangenen Jahr noch den Mega-Trend "Tabloid" ausgemacht, nennt er den ersten der wichtigen Trends in der Presse für das kommende Jahr lapidar: "Ich zappe, also bin ich". Wo die Übersicht fehlt, weil das TV-Angebot so gross ist, braucht der Konsument Struktur und Hilfe. Programmzeitschriften springen da gerne in die Bresche -- und spriessen dieser Tage wie Pilze aus dem Boden. TV2, TipTopTV und TV-Time U1 sind nur die jüngsten drei Titel, die in neuen Erscheinungsrhythmen das Genre beleben und den Inseratemarkt kräftig beleben. Wenigstens in diesem Segment also profitiert die Presse vom Medium Fernsehen, das jüngst von der Schweizer Presse als Konkurrenzmedium Nr. 1 ausgemacht wurde.
Der zweite -- nicht ganz neue -- Trend, den Strobel beobachtet: "Nicht mehr Geiz ist geil, sondern gratis liests sich praktischer." Der durchschlagende Erfolg von 20 Minuten findet nun seine ersten Nachahmer. Edipresse versucht es mit Le Matin bleu schon am 31. Oktober und wer weiss, ob in naher Zukunft auch Ringier mit Cash am Abend den chronisch kränkelnden Wirtschaftstitel wieder zu alter Stärke führen kann. Fazit Strobel: "Gratis soll die Nachricht sein, nicht billig und auch nicht günstig."
Und welche Neuigkeiten "aus der Druckmaschine" erwartet uns im kommenden Jahr? Schon bevor sie gestartet ist, bezeichnet Strobel die neue Anzeigenkombination "D-A-CH" zwischen der Süddeutschen Zeitung, dem Standard und dem Tages-Anzeiger als "gelungenen Wurf": Die Kombi, die über 2 Millionen Leser erreichen wird, startet im Januar 2006. Tamedia bietet überdies ab Anfang kommenden Jahres "Tages-Anzeiger plus" an, eine Anzeigenkombination von Tages-Anzeiger, Landbote und der kürzlich einverleibten Thurgauer Zeitung. Neu wurde auch der "Regio-Pool" ins Leben gerufen: aus den bestehenden Kombis "Rheinquartett" und "Zweiländer-Kombi" wird der "Regio-Pool", mit einer Modul-Auflage zwischen 20'000 und 120'000 Exemplaren. Mit Le Matin-"Top Deal" umwirbt Edipresse ab Ende Oktober Anzeigenkunden, die neu nicht nur in "Le Matin orange", sondern auch im neuen Gratisblatt Le Matin bleu inserieren können. Und damit ist auch schon der Starttermin für den neuen Gratistitel bekanntgegeben.
Mit Spannung erwartet Strobel zudem das auf Dezember 2005 geplante, in einer Auflage von 16'000 Exemplaren aufgelegte Schweizer Hochzeitsmagazin Swiss Wedding. Dazu kommen neue Titel wie Rochat, das einmal jährlich erscheinende Gästemagazin von Starkoch Philippe Rochat, die Marie Claire Splitausgaben "MarieClarie-Idées" und "Marie Claire-Maison", die im kommenden November starten werden. Auf den Mann gekommen ist die Frauenzeitschrift anabelle: Die Spezialausgabe "Mit Mann" wird künftig der anabelle beigelegt, "mit Frau" dem Facts. Auflage: 190'000 Exemplare. Im März 2006 wird überdies der kostenlose Gesundheitsratgeber Dieteo in Deutsch und Französisch in einer Auflage von 65'000 Exemplaren lanciert. In der Westschweiz werden am 1. Januar 2006 das Teenie-Magazin Eve21 ins Leben gerufen sowie am 31. Oktober dur-dur, ein Titel, in dem alles rund ums Leben für die Westschweizer gehen soll.
Freude herrscht laut Strobel derweil im Kandertal: alt Bundesrat Ogi wird ab 2. Dezember 2005 in seiner Heimat neuen Lesestoff vorfinden: Im Amt Frutigen und im Berner Oberland wird die neue Lokalzeitung "Der Frutigländer" ins Leben gerufen, die zweimal in der Woche erscheinen soll.
Zum neue Ringier Projekt "Cash Daily" konnte auch Publimedia-CEO nur Vermutungen anstellen. Entgangen ist ihm allerdings nicht, dass "die Idee schon recht fortgeschritten ist". Die nächsten Wochen sollen Klarheit schaffen, glaubt Strobel. Und noch ein weiteres angebliches Ringier-Projekt macht die Runde: Kommt nun tatsächlich eine neue Frauenzeitschrift aus dem Hause Ringier? Oder wird an der Dufourstrasse emsig an einer Schweizer Illustrierten für Junge gewerkelt? Für mehr als ein Munkeln hält Strobel die sich hartnäckig haltenden Gerüchte nicht. Auch hier gilt wohl: Kommt Zeit, kommt Rat.

