Nachrichtenmuffel glauben Fake News eher

Jahrbuch Qualität der Medien - Rund zwei von fünf Personen in der Schweiz nutzen kaum journalistische Angebote. Gemäss einer Befragung der Universität Zürich halten sie Verschwörungserzählungen häufiger für plausibel als das Publikum von Qualitätsmedien.

Für die am Montag veröffentlichte Ausgabe 2026 des Jahrbuchs Qualität der Medien wollte das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) wissen, wie widerstandsfähig die Schweizer Bevölkerung gegenüber Desinformation ist. Dafür liess das Fög im Juli 1222 Personen in der Deutschschweiz und der Romandie befragen.

Entscheidend für die Widerstandsfähigkeit ist weniger die Menge als die Art des Nachrichtenkonsums. Wer private Qualitätsmedien mit Angeboten der SRG kombiniert oder sich vor allem über Radio und Fernsehen informiert, ist signifikant weniger anfällig. Anders jene, die praktisch keine Nachrichten nutzen oder sich fast nur über TikTok und Instagram informieren. «Nachrichtenkonsum über Social Media bietet keinen erkennbaren Schutz vor Desinformation, wenn man sich nicht zusätzlich über journalistische Quellen informiert», lässt sich Fög-Co-Direktor Mark Eisenegger in der Medienmitteilung zitieren.

«Nicht schutzlos ausgeliefert»

Viele Menschen seien der Desinformation aber «nicht schutzlos ausgeliefert», schreibt Eisenegger. Schützend wirken dagegen eine höhere Bildung und die Fähigkeit, irreführende Argumentationsmuster zu erkennen.

Einzelne Verschwörungserzählungen stossen auf beträchtliche Resonanz. Fast die Hälfte hält es für eher oder sehr plausibel, dass das Coronavirus in einem Labor in Wuhan als Biowaffe hergestellt wurde. Rund vier von zehn halten die Behauptung für plausibel, Eliten förderten gezielt die Migration nach Europa, um die Bevölkerung zu verändern. 

57 Prozent stufen Desinformation als eher grosses bis sehr grosses Problem ein. 2021 waren es 49 Prozent, wobei die Antwortskalen laut Fög nicht ganz identisch waren. Gut die Hälfte stösst im Alltag oft oder sehr oft darauf, vor allem auf Social Media und Videoportalen. 72 Prozent schreiben dem Journalismus eine grosse Verantwortung im Kampf gegen Desinformation zu. Um unsichere Informationen zu überprüfen, greifen aber nur 55 Prozent häufig auf journalistische Medien zurück.

Mehrheit hält SRG für gesellschaftlich wichtig

Die zweite Vertiefungsstudie gilt der SRG, die vor der Neukonzessionierung 2029 steht und nach einem Entscheid des Bundesrats künftig mit einem schätzungsweise 17 Prozent tieferen Budget auskommen muss. In einer separaten Befragung von 1493 Personen halten 58 Prozent öffentliche Medien für gesellschaftlich wichtig oder sehr wichtig. Die Befragten erwarten weiterhin ein Vollprogramm aus Information, Bildung, Kultur, Sport und Unterhaltung (persoenlich.com berichtete).

Die Werbeeinnahmen von Presse, Radio, Fernsehen und Onlinemedien sanken 2025 auf 1,94 Milliarden Franken. Tech-Plattformen erzielten in der Schweiz gemäss Schätzungen der Stiftung Werbestatistik Schweiz Werbeeinnahmen zwischen 2,08 und 2,55 Milliarden Franken.

Die Forschenden empfehlen unter anderem ein Leistungsschutzrecht gegenüber Plattformen und KI-Anbietern. Denkbar seien zudem Mediengutscheine für Schülerinnen und Schüler, Lernende und Studierende. Medienkompetenz sollte verbindlich in Schule und Ausbildung verankert werden. Private und öffentliche Medien sollten ihre Faktenchecks über eine gemeinsame technische Infrastruktur bündeln.

Zukunft des Journalismus eine Frage der Infrastruktur

Für Plattformen, Suchmaschinen und KI-Antwortsysteme fordert das Fög überprüfbare Regeln. In eine ähnliche Richtung argumentiert Anna Jobin von der Universität Fribourg, bis 2026 Präsidentin der Emek, im Vorwort: Die Zukunft des Journalismus sei auch eine Infrastrukturfrage, weil Plattformen, Algorithmen und KI-Systeme mitbestimmten, welche Inhalte sichtbar würden.

Neben den beiden Vertiefungsstudien umfasst das Jahrbuch Langzeitanalysen zu Medienqualität, Mediennutzung, Einstellungen gegenüber Medien, Finanzierung und Medienkonzentration. Die Publikation steht auf foeg.uzh.ch zum Download bereit. Zu den Förderpartnern gehören unter anderen die SRG und der Verband Schweizer Medien. (pd/sda/nil)