11.02.2019

SRG

«No Billag war wie ein reinigendes Gewitter»

Seit einem Jahr leitet Bakel Walden bei der SRG den Bereich «Entwicklung und Angebot». Ein Gespräch über den Formstand ein Jahr nach der Schicksals-Abstimmung, die geplante Streaming-Plattform und die Symbolik von Fallschirmen.
SRG: «No Billag war wie ein reinigendes Gewitter»
Bakel Walden ist Mitglied der SRG-Geschäftsleitung. Vor seiner Funktion als Leiter Angebot und Entwicklung bei der SRG war er Bereichsleiter Programmstrategie bei SRF. (Bild: SRG/Christian Baeriswyl)
von Edith Hollenstein

Herr Walden, auf einer Skala von eins bis zehn: Wie viel entspannter sind Sie heute als vor einem Jahr?
Vor einem Jahr war ich tatsächlich sehr angespannt – damals war es neun oder zehn. Heute sieben oder acht, denn die Situation ist zwar nicht mehr existentiell. Aber wie für viele Medienunternehmen bleibt der Druck hoch und das Umfeld angespannt.

Wie viele Szenarien hatten Sie damals vorbereitet für den 4. März, den Tag der «No Billag»-Abstimmung?
Wir hatten sehr viele Mitteilungen vorbereitet: eine Nein- und eine Ja-Variante für die interne Kommunikation sowie eine Nein- und eine Ja-Variante für die Pressekonferenz von Jean-Michel Cina und Gilles Marchand – und das in allen vier Landessprachen. Am Schluss waren es über 20 verschiedene Varianten.

Was war die Kernaussage der Mitteilung bei einer Annahme von «No Billag»?
Wir hätten geschrieben, dass wir das Votum annehmen und akzeptieren. Im Text stand, dass wir nun zuerst schauen müssen, was genau passieren wird, denn ein Ja hätte sehr grosse Unsicherheit bei den über 6000 Mitarbeitenden zur Folge gehabt. Wir sind sehr froh, dass dieses Szenario nie Realität geworden ist – und dann hoffentlich irgendwann nur noch im Museum für Kommunikation eine Daseinsberechtigung hat (lacht).

Wäre dringestanden, dass die SRG damit liquidiert wird?
Ja, es wäre klar gewesen: Es gibt keine Finanzierung mehr, also muss das Unternehmen liquidiert werden.

«Die Leute wollen sehen, wofür sie Gebühren zahlen»

Bedauert es die SRG-Leitung, noch am selben Tag so grosse Zugeständnisse gemacht zu haben? Gilles Marchand kündigte damals ja das 100-Millionen-Sparprogramm an.
Schon vor und dann auch im Zusammenhang mit «No Billag» sagten viele Leute: Es wird sich ja sowieso nichts ändern bei euch. Ihr seid ja nicht reformbereit. Diesen Kritikern sagten wir immer: Doch, das Medienumfeld ändert sich, die Erwartung der Öffentlichkeit ebenfalls, und daher werden wir uns anpassen, unabhängig vom Ausgang der «No Billag»-Abstimmung. Daher war klar, dass dieses Reform- und Sparprogramm der richtige Weg ist. Dabei waren wir uns aber auch bewusst, dass es immer einige Leute geben wird, die sagen, man spare zu viel und andere, die sagen, man spare zu wenig.

Wie stark sind Sie und Ihre Abteilung vom Sparen betroffen?
Die Direktion, welche 30 Mitarbeitende umfasst, verteilt auf 25 Vollzeiteinheiten, hat einzelne Bereiche zusammengelegt. Zudem haben wir freiwerdende Stellen nicht wiederbesetzt und einen substanziellen Betrag eingespart, indem wir bei Support und Administration Synergien nutzen können. Daneben haben wir Investitionen heruntergefahren. Im Gegensatz zu den Privaten aber haben wir immer noch eine grosse Planungssicherheit.

Ihre Abteilung wird umziehen, wenn die Radio-Infoabteilung nach Zürich zieht. Steht dieser Entscheid fest?
Ja, wir werden in die Räume an der Schwarztorstrasse ziehen, wenn diese frei werden. So hat es der Verwaltungsrat im September letzten Jahres beschlossen. Die Planung dazu läuft.

Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried hat die neue SRF-Direktorin Nathalie Wappler in einem Brief gebeten, die Vorbereitungen für den Abzug eines Teils des Radiostudios Bern aufzuschieben, bis das Parlament über die noch hängigen parlamentarischen Initiativen entschieden hat. Was sagen Sie dazu?
Das ist ja kein neuer Brief, sondern ein Gratulationsschreiben vom November. Selbstverständlich wird die SRG den Entscheid der Politik, ob ihre Produktionsstandorte gesetzlich festgeschrieben werden sollen, respektieren. Die vorberatende Kommission des Nationalrates hat dies im Januar ja als nicht sinnvoll erachtet. Es ist eine Frage der unternehmerischen Verantwortung, uns heute bereits mit der Umsetzung auseinanderzusetzen. Damit wird noch kein Präjudiz geschaffen. Der Umzug findet ja ohnehin erst ab Ende 2020 statt.

Wie verändert sich die SRG trotz des deutlichen Votums bei «No Billag»?
Den Leuten ist es wichtig zu sehen, wofür sie Gebühren zahlen. Wir sind der Ansicht, dass dafür die Unterscheidbarkeit eine grosse Rolle spielt – es muss sich also im Angebot widerspiegeln, dass man bei der SRG Inhalte bekommt, die man nirgendwo anders genauso erhalten kann.

Wie machen Sie das?
Wir werden mehr Geld in Eigenproduktionen investieren. Am Dienstag geht der «Bestatter» zu Ende und erreichte in der Abschluss-Staffel Marktanteile von rund 40 Prozent, 700‘000 Menschen haben zugeschaut. Das ist natürlich enorm für die siebte Staffel. Wir hätten anfangs nie erwartet, dass der «Bestatter» so lange laufen wird.

«Wir wollen per 2022 den Serien-Output verdoppeln»

Was für Eigenproduktionen sind denn geplant?
Es sind Ideen vorhanden, momentan werden Drehbücher geschrieben und wir sind mit Produktionsfirmen in Kontakt, doch das dauert. Wir wollen per 2022 den Serien-Output im Vergleich zu heute verdoppeln können – von heute drei bis vier Serien schweizweit auf sieben bis acht. Derzeit sind wir an einer Serie für SRF und RTS und prüfen erstmals auch eine italienischsprachige Serie. Zudem brauchen wir eine moderne Form von Distribution. Die SRG hat ja bereits eine Catch-up-Plattform, wo Nutzer das lineare Programm im Nachhinein schauen können. Zusätzlich werden wir eine weitere Plattform lancieren, die noch besser für den mobilen und interregionalen Gebrauch ausgelegt ist und Dok-Serien, Filme und Serien beinhaltet. Dazu werden wir schweizweit eine gemeinsame Infrastruktur bauen. Im Jahr 2020 wollen wir mit einer ersten Version live gehen können.

Meinen Sie Swissflix, die Streaming-Plattform des Bundesamts für Kultur (persoenlich.com berichtete)?
Nein, das ist etwas Anderes. Das BAK will in den nächsten fünf bis sechs Jahren eine Lösung erarbeiten, wie Schweizer Filmproduktionen online zugänglich gemacht werden können. Wir sind im Gespräch, aber eine Zusammenarbeit bei unserer Plattform ist nicht vorgesehen.

Und wie wird die SRG-Streaming-Plattform heissen? Etwa «SRG-Flix»?
(Lacht.) Es ist fraglich, ob es schlau wäre, gleich den Marktführer in den Namen zu nehmen. Aber wenigstes klingt es dann gut in der Schlagzeile.

Wird diese Streaming-Plattform kostenpflichtig sein?
Nein, die Nutzung ist natürlich gratis. Wir werden ein Login anbieten, sodass die Nutzer von personalisierten Inhalten profitieren können.

Die SRG wurde in der Vergangenheit oftmals als dominant und sogar arrogant wahrgenommen. Dieses Image scheint sich zu wandeln. Warum?
«No Billag» war wie ein reinigendes Gewitter. Es hätte für uns durchaus auch anders enden können, und daher haben wir im Abstimmungskampf auch sehr offen und ehrlich gestritten und die Diskussion um Service public geführt, die ja nicht abgeschlossen ist. Geholfen hat, dass wir unsere Anteile an Admeira abgegeben haben und nicht mehr beteiligt sind, sondern noch unsere Kanäle darüber vermarkten. Wir haben viele Projektgespräche mit den privaten Medienunternehmen, so etwa über den Swissradioplayer, den wir entwickelt hatten. Oder jetzt aktuell, fast wöchentlich, über die Login-Allianz.

Zudem ist deutlich spürbar, dass die SRG die Nähe zum Publikum sucht, über «Hallo SRF» oder über Chefredaktoren, die sich bei Kritik via Social Media erklären.
Wir sind dabei zu lernen, wie wir schnell Feedback aufnehmen können. Wir dürfen nicht einfach nur sagen: «Vielen Dank für Ihre Meinung». Wir müssen auf diese Rückmeldungen reagieren. Wenn Kritiker realisieren, dass wir zuhören und auf ihre Inputs antworten, schätzen sie das sehr. Wir werden in Zukunft noch mehr über unsere Haltung, unsere Werte und unseren Auftrag reden.

«Wir sind daran, gemeinsam mit der ETH und den Verlegern, eine Professur für Medientechnologie zu besetzen»

Die SRG arbeitet zudem vermehrt mit den Verlegern zusammen.
Ja, das ist uns wichtig, denn wir müssen gemeinsam den Medienplatz Schweiz stärken. Wir beteiligen uns zum Beispiel zusammen mit Ringier, NZZ und Tamedia an der «Initiative for Media Innovation» mit der EPFL in Lausanne. Zudem sind wir daran, gemeinsam mit der ETH und den Verlegern, eine Professur für Medientechnologie an der ETH Zürich zu besetzen. Ich bin dort als SRG-Vertreter im Auswahlausschuss. Wir erhoffen uns davon nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern auch, dass die Ausbildung gefördert wird. Wir brauchen Nachwuchskräfte und Know-how in Künstlicher Intelligenz oder Datenforensik. Hier kann die ETH mit ihren vielen klugen Köpfen sicher viel Gutes beitragen.

Bei einer Präsentation haben Sie erwähnt, dass in Ihrem Büro dieser Spruch hängt: «A mind is like a parachute. It doesn't work if it is not open.» In Ihrer Funktion als GL-Mitglied der SRG: Wie, mit welchen Techniken, halten Sie sich den Kopf frei, dass er genug offen sein kann?
Wichtig ist mir der Austausch. Ich will nicht immer in meiner Blase sitzen und mich mit Projekten und Papieren umgeben. Ich will rausgehen. Hier helfen mir Organisationen wie die European Broadcast Union, wo ich Delegierter der SRG bin. Der Austausch dort über «No Billag» etwa oder über Projekte im Datenbereich inspiriert und hilft, dass wir hoffentlich nicht dieselben Fehler machen, wie sie andere bereits gemacht haben. Zudem ist es wichtig, dass ich nahe am Programm bleibe. Ich habe jahrelang im Programm gearbeitet und bin jetzt im Management, da ist es gut, wenn ich ab und an bei einer Sendung oder einer Produktion mit dabei bin. Zudem ist es wichtig, dass wir uns nicht immer gleich bei jeder Kritik angegriffen fühlen.

«Ab Kilometer zehn oder zwölf kommen mir immer sehr gute Ideen»

Und sonst: Wie gelingt es Ihnen in der Freizeit, den Kopf zu lüften? Mit Marathon? Sie laufen offenbar gerne und haben eine Familie.
Familie hilft auf jeden Fall. Wenn ich mit den Kids spiele, bin ich in einer ganz anderen Welt, und mir kommen – und das ist schon fast etwas klischiert – die besten Ideen beim Laufen.

Wo laufen Sie? In Zürich oder in Bern?
Meistens in Zürich, wo ich wohne. Am Wochenende habe ich morgens Zeit, um rauszugehen. Da kommen dann ab Kilometer zehn oder zwölf immer sehr gute Ideen. Nicht alle überleben dann aber bis zu Kilometer fünfzehn (lacht). Sich mit anderen Dingen beschäftigen, auch andere Medien konsumieren – das ist sehr wichtig.

Was schauen Sie da?
Youtube beispielsweise, dann aber auch klassische Broadcast-Formate wie «The Late Show» mit Stephen Colbert, die ich regelmässig schaue. Oder Kinotrailer, weil da oft ganze Werbeagenturen dahinterstecken. Auch aktuelle Entwicklungen wie diese Influencerszene etwa, ist extrem spannend. Und gewisse Konstanten bleiben: Netflix veröffentlicht Woche für Woche Serien. Das zeigt doch, dass TV als Modell durchaus aktuell ist.

Sie sind Deutscher und leben seit 2012 in Zürich. Wie haben Sie sich das Wissen über das hiesige Politsystem angeeignet?
Vielen Deutschen scheint die direkte Demokratie der Schweiz als sehr komplex, aber man sieht dann schnell, dass vor allem die Diskussionskultur hier eine andere ist. Es geht mehr ums Zuhören und man ist auf Ausgleich bedacht. Ich fühlte mich hier sehr rasch sehr wohl. Auch der neutrale Zugang zu Themen – also ausgeglichene Berichterstattung und kein Meinungsjournalismus – entspricht mir sehr. Und durch viel «Arena» gucken habe ich dann auch sehr schnell das Schweizer System kennengelernt.

 

 



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Kommentare

  • Dieter Widmer, 11.02.2019 10:33 Uhr
    Ich habe festgestellt, dass sich an der Arroganz und am Unvermögen des abtretenden Direktors Ruedi Matter nichts geändert hat. Gegen die Interessen eines Grossteils der eigenen Kunden zu handeln, zahlt sich nicht aus. Wenn die Abteilung Angebot und Entwicklung der SRG umzieht und Platz macht für das Radio, zeigt dies, dass Ruedi Matter lügt. Noch kürzlich sagte er, das Radio werde Platz im neuen Newsroom hat. Ich habe ihm dies schon immer nicht geglaubt. A ber dass er noch vor einigen Wochen darauf beharrte, das der Newsroom gross genug sei, um das Radio zu integrieren, ist schon ein starkes Stück.

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