Der Ringier Verlag ist an Kirchs 40 Prozent am Springer Verlag interessiert. Welches wären bei einer Übernahme die publizistischen Konsequenzen für die Schweizer Presse?
Das hängt von der Vertragsgestaltung ab. Prinzipiell werden beide Verlage publizistisch eigenständig bleiben wollen, um selber über ihre Titel zu entscheiden. Weder dürfte Ringier Weisungen aus Hamburg akzeptieren, noch Springer solche aus Zürich.
Wie steht es mit den wirtschaftliche Auswirkungen? Was bedeutet das für die Konkurrenz?
Ich glaube nicht, dass sich die Konkurrenzverhältnisse in der Schweiz erheblich verändern würden, obschon Ringier auf längere Sicht vielleicht wirtschaftlich stärker wird. Es ist nicht leicht, einen festgefügten Medienmarkt aufzurollen. Bisher ist das auch immer gescheitert, wie etwa das aktuelle Beispiel des gescheiterten Markteintritts von John Malones Liberty Media in Deutschland zeigt.
Wo sehen Sie Synergien für die beiden Verlage?
Beispielsweise im Personalaustausch. Es könnte Sinn machen, Schweizer Journalisten bei der Bild-Zeitung arbeiten zu lassen. Michael Ringier hat Recht, wenn er in einem kleinen Land wie der Schweiz Blutauffrischung wünscht. Das betrifft allerdings auch den französischen und italienischen Teil. Ein solcher Austausch kann auch in zwei Richtungen gehen, man denke etwa an Roger De Weck, der die Zeit leitete, an Urs Rohner bei Pro Sieben Sat 1 oder auch an die vielen Österreicher beim deutschen Fernsehen. Austausch kann nur nützen. Was im Übrigen Mathias Nolte beim SonntagsBlick passiert ist, hätte auch einem Schweizer Chefredakteur passieren können. Die Debatte ist hier meiner Meinung nach etwas kleinkariert. Nicht beurteilen kann ich Synergien im Bereich Druck.
Welche Variante der Zusammenarbeit zwischen den Verlägen scheint Ihnen die plausibelste?
Das wahrscheinlichste Szenario ist wohl das in der Öffentlichkeit mehrfach geschilderte: dass Ringier die 40 Prozent von Kirch übernimmt und später einen Teil an die Börse. Der Springer-Nachlass sei an zusätzlichen fünf Prozent interessiert, hört man. Ich habe allerdings weder die Akten gesehen, noch hat mir Michael Ringier etwas erzählt.
Wie würde die zukünftige Rolle von Michael Ringier im Falle einer Übernahme der Kirch-Anteile aussehen?
Man kann nur spekulieren: Ringier bleibt Ringier, und Michael Ringier bleibt der Leiter des Verlags. Zudem ist er dann aber Aufsichtsrat bei Springer. Im Falle einer Kapitalverflechtung könnten ein Springer-Vertreter in den Verwaltungsrat Ringier kommen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sich Michael Ringier in Deutschland im Springer Verlag einmischen will. Und auch nicht umgekehrt, es sei denn, er engagierte jemanden für eine bestimmte Aufgabe.
Welche Motivation könnte Michael Ringier zur Zusammenarbeit mit Springer treiben?
Eine Stärkung des Verlages und seiner Marktposition. Mit der Nachfolgeregelung sehe ich keinen Zusammenhang, der Mann ist ja erst Anfang fünfzig. Die Frage der Nachfolge stellt sich jedem Familienunternehmen, die Antwort hängt von den Kindern ab. Springer löste das Problem, indem man statt auf die Familie zu setzen Vorstandsvorsitzende von aussen holte. Natürlich wäre ein Zusammengang Ringiers mit Springer ein Schritt in Richtung eines Unternehmens, das fremdgeführt werden kann. Ein Automatismus besteht da aber nicht. Bertelsmann zum Beispiel hat eine Struktur gewählt, wo nicht automatisch die Kinder Mohns die Nachfolge antreten. Und doch scheinen sie sich jetzt stärker einzuschalten. Michael Ringier jedenfalls könnte die Nachfolge auch ohne Springer regeln.
Welche weiteren Kooperationen über die Landesgrenzen sind in Zukunft zu erwarten?
International besteht ein solcher Trend. Die Schweiz ist hier aber sehr vorsichtig. In der Politik besteht keine Bereitschaft, beispielsweise die Swisscom mit ausländischen Gesellschaften zu fusionieren. Das gleiche gilt beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, hier gibt es höchstens Fenster, jedoch keine Merger. Die Zeitungslandschaft wiederum ist sehr festgefügt, ausser es komme mal ein Verlag in Schwierigkeiten. Insgesamt ist die Internationalisierung in einer so gut funktionierenden Medienlandschaft -- im Gegensatz etwa zu Ländern wie Rumänien oder Tschechien -- nicht so leicht. Man stelle sich einmal vor, die WAZ müsste eine gute Schweizer Regionalzeitung machen. Das geht nicht, denn es braucht Leute mit den entsprechenden Kenntnissen. Man könnte also höchstens das Geld bieten. Damit schwindet der Anreiz. Ich glaube deshalb, dass die Gefahr grosser internationaler Übernahmen nicht sehr akut ist.

