"Den Titel 'Journalist des Jahres' gäbe ich mit dem allergrössten Vergnügen zurück. Aber leider muss ich am 1. Februar den bitteren Kelch austrinken", sagte Urs Paul Engeler Ende Januar im Interview mit persoenlich.com. Der "Weltwoche"-Journalist war in einer vom Branchenmagazin "Schweizer Journalist" durchgeführten Jurierung für seine Berichterstattung im Fall Zuppiger zum besten Journalisten 2011 gewählt worden.
Als ihm dann aber die Artikel zum Fall Hildebrand heftige Kritik einbrachten, wurden Stimmen laut, die Engeler den Preis wieder absprechen wollten und Engeler selbst macht sich generell nicht viel aus Auszeichnungen, wie er im Vorfeld der Preisverleihung sagte. Nun ist Engeler jedoch am Mittwoch trotzdem zur Preisverleihung erschienen und hat den Preis angenommen wenn auch unter sichtlichem Widerwillen.

Bei der vom Verlag Oberauer veranstalteten Preisverleihung im Restaurant Carlton in Zürich hätte Engeler den Titel am liebsten zurückgegeben oder jemand anderem überlassen. "Kann ich den Preis versteigern, verschenken oder allenfalls der Berghilfe spenden?", fragte er mit ironischer Anspielung auf Philipp Hildebrands im Januar geäusserte Spenden-Absicht. Da sich darauf aber im Saal keine Interessenten meldeten und Moderator Markus Wiegand die Möglichkeit einer Preisablehnung ausschloss, nahm Engeler die Urkunde und eine Giacometti-ähnliche Metall-Skulptur relativ emotionslos entgegen. Eine Laudatio blieb aus. Stattdessen führte Wiegand ein konfrontatives Interview über Details zur Hildebrand-Recherche, was bewirkte, dass sich Engeler minutenlang mit Schongehörtem rechtfertigte. Schliesslich - beim Überreichen der Urkunde - schienen weder der Preisüberreicher noch der Empfänger zufrieden. Wohl auch wegen der folgenden, doch ziemlich bedenkenswerten Bemerkung Engelers: "Hildebrand war das höchste Tier, das mir je vor die Flinte gelaufen ist", antwortete er auf Wiegands Frage. Und weiter: "Zweifel hatte es bei der Recherche nicht gegeben, eigentlich."
Schon während, und vor allem im Anschluss an das Siegerinterview, gab sich Engeler eher wortkarg. Und weil er beim Siegerfoto starrsinnig die Urkunde hinter seinem Rücken versteckte, gelang es dem Fotografen nicht, Engeler in typischer Siegerpose zu fotografieren. Somit gibt es nun nur Bilder von den anderen Preisträgern (vgl. unten).

Bei den Kurzinterviews waren unter anderem der "Weltwoche"-Kaufpreis und die Besitzerschaft ein Thema. Zudem schaffte es Markus Wiegand mit seiner schlagfertig, spontanen Moderation NZZ-CEO Albert Stäheli zu entlocken, dass für ihn das NZZ-VR-Präsidium "absolut kein Thema" sei. Wobei Stäheli jedoch nach einer kurzen Pause nachschob: "Aber man soll niemals nie sagen eine Aussage, die für einige augenzwinkernde Lacher sorgte. Ähnlich positiv reagierte das Publikum auf Constantin Seibts Fashion-Deklaration. Er habe sich im "Hildebrand-Gedenk-Anzug" gekleidet, sagte der "Tagi"-Journalist und zeigte auf seinen etwas unsorgfältig gebügelten Nadelstreifen-Anzug. Im Gegensatz dazu erntete Seibt dann aber für seine Tipps zu erfolgreichem Journalismus (den er - wie er sagte - gerne bei der "NZZ" praktizieren würde) einiges an Kopfschütteln: "Wenig recherchieren, wenig schreiben, Ornamente und Schwurbel", so Seibts Erfolgsrezept.

Albert Stäheli, Medienmanager des Jahres 2011

Constantin Seibt, Journalist beim "Tages-Anzeiger"

Susan Boos, Chefredaktorin des Jahres 2011 (mitte)
Abgesehen von der etwas dumpfen Stimmung zum Ende der Preisverleihung war der "Journalist des Jahres" ein gemütlich-ausgelassener Anlass. Rund 150 Gäste waren erschienen. Darunter Branchenprominenz wie Margrit Sprecher, Silvia Egli von Matt, Michèle Binswanger, Nicole Althaus, Bettina Weber, Simon Bärtschi, Roger Köppel, Kurt. W. Zimmermann, Peer Teuwsen, Bernard Maissen, Patrik Müller, Hansi Voigt, Reto Lipp, Marius Born, Kathrin Amacker-Amann, Josef Huber oder Edi Estermann. Fürs gediegen-edle Ambiente mit live Jazz-Musik sorgte nicht nur der "Schweizer Journalist", sondern auch die Swisscom, welche das grosszügige Viergang-Menü sponsorte. (eh, Bilder: Samuel Truempy)

