08.05.2017

Tamedia

Projektteam prüft «radikale Szenarien»

Die Unternehmensleitung hat die Mitarbeiter über das «interne Projekt 2020» informiert. Weil mit einem massiven Rückgang der Einnahmen gerechnet wird, werden diverse Ideen geprüft. Klar ist: Es müssen Kosten gespart werden. Ob es zu einem Stellenabbau kommt, will Tamedia gegenüber persoenlich.com nicht bestätigen.
Tamedia: Projektteam prüft «radikale Szenarien»
Ein Projektteam prüft bei Tamedia in einem «internen Projekt 2020» verschiedene, teils auch «radikale» Szenarien. Entscheide sind noch keine gefallen. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)
von Christian Beck

Seit dem vergangenen Herbst erarbeitet bei Tamedia ein Projektteam verschiedene Szenarien für die Zeitungsredaktionen. Am Freitag wurden die Mitarbeitenden über den Stand der Arbeiten informiert. «Angesichts des fortschreitenden und anhaltenden Rückgangs im Print-Werbemarkt müssen wir uns wie alle Medienhäuser die Frage stellen, wie wir unsere publizistischen Angebote mittel- und langfristig entwickeln können», heisst es in der internen Mitteilung, die persoenlich.com vorliegt.

Konkret rechnet das Tamedia-Projektteam mit einem Einnahmen-Rückgang um bis zu 30 Prozent. Das Projektteam umfasst neben allen Chefredaktionen der Tageszeitungen, Sonntagszeitungen und Pendlermedien auch die zuständigen Mitglieder der Unternehmensleitung und des Nutzermarktes sowie der Unternehmensentwicklung.

«Grundsätzlich gibt es zwei Handlungsoptionen: in den betroffenen Redaktionen einzeln sparen oder innerhalb der Gruppe Netzwerke und grössere Einheiten schaffen», heisst es in der Mitteilung weiter. Der Zeithorizont sei dabei das Jahr 2025, konkrete Massnahmen sollen bis 2020 geplant werden. Dabei bestehe ein Zielkonflikt zwischen der Vielfalt und der Bündelung von Ressourcen in starken Kompetenzzentren.

Erstes Szenario: Unterstützende Redaktionsprozesse

«Zur Generierung möglichst vieler Ideen haben wir verschiedene und bewusst auch radikale Szenarien geprüft, wie beispielsweise die Bildung einer zentralen Redaktion für alle Zeitungen, was aber ausgeschlossen ist», steht in der internen Mitteilung. Denkbar erscheinen laut dem Projektteam die Bündelung unterstützender Redaktionsprozesse. «Redaktionsprozesse und Dienste wie etwa Korrektorat, Blattplanung oder Layout sind heute dezentral über die Redaktionen verteilt», sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer auf Anfrage von persoenlich.com. «Im Projekt wird geprüft, ob eine zentrale Organisation in diesen Bereichen Vorteile bringen würde. Dabei werden wir auch die Erfahrungen anderer Medienhäuser berücksichtigen und die Zentralisierungen, die wir in den letzten Jahren etwa in der Druckvorstufe, im Anzeigen-Innendienst oder beim Druck erfolgreich umgesetzt haben.»

Zweites Szenario: Unternehmensweite Kompetenzzentren

Auch die Bildung unternehmensweiter Kompetenzzentren in einzelnen Bereichen wie Sport oder Auslandberichterstattung sei einer der möglichen Ansätze, heisst es im internen Schreiben weiter. «Für sich alleine genommen sind die meisten Sportressorts relativ klein, ein zentrales Sportressort wäre vielleicht besser aufgestellt und könnte damit mehr Sportarten mit einer höheren Dossierkompetenz begleiten», ergänzt Zimmer auf Anfrage. «In der Romandie startete bereits vor zwei Jahren ein gemeinsames Sport-Center, das für ‹Le Matin›, ‹Matin Dimanche›, lematin.ch und ‹20 minutes› arbeitet. Die Erfahrungen sind positiv.» Wie meistens gebe es aber auch hier einen Zielkonflikt zwischen möglichst grosser Vielfalt auf der Angebotsseite und weniger, dafür stärkeren Kompetenzzentren. Diese könnten dafür mehr in neue Kompetenzen und digitalen Journalismus investieren.

Drittes Szenario: Zwei Redaktionssysteme

Ein weiteres Szenario sieht zwei Redaktionssysteme vor, ein System für die Pendlerzeitungen und eines für die Bezahlmedien. «Selbst das Szenario eines Redaktionssystems für alle Bezahlmedien in der Deutschschweiz und eines für alle Bezahlmedien in der Romandie würde nicht bedeuten, dass alle Medien von einer Redaktion aus einem Newsroom produziert würden», versichert Zimmer. «Wir verstehen unter einem Redaktionssystem ein Netzwerk, in dem beispielsweise die Ausland- oder überregionale Sportberichterstattung von einem zentralen Team produziert werden könnte, während die Kernressorts bei den einzelnen Redaktionen blieben.» Bisher seien diesbezüglich noch keine Entscheidungen gefallen.

Grosser Stellenabbau ab 2020?

Die Unternehmensleitung und der Verwaltungsrat werden im Verlauf des Sommers entscheiden, welche Ideen und Szenarien vertieft werden sollen.

Kommt es also ab 2020 zu einem grösseren Stellenabbau bei Tamedia? «Langfristige Prognosen sind noch keine fixen Budgets. Es gibt keinen Entscheid, Stellen abzubauen. Heute über einen möglichen Stellenabbau über einen Zeitraum von mehreren Jahren zu spekulieren, wäre nicht seriös», sagt Zimmer dazu. Aber: «Ohne Kosteneinsparungen geht es sicher nicht.»

Das Projektteam wolle die gute Ausgangslage von Tamedia mit starken Redaktionen und einem grossen Netzwerk aber auch nutzen, um neue Produkte und Zusatzangebote zu lancieren. Diese sollen «auf unseren starken Medien, glaubwürdigen Inhalten und unserer redaktionellen Kompetenz aufbauen», so Zimmer. «Und um diese starken Medien, redaktionellen Kompetenzen und glaubwürdigen Inhalte zu sichern, müssen wir uns genau die Fragen stellen, wie wir das Angebot unserer Medien in den nächsten fünf bis zehn Jahren weiterhin aufrechterhalten und weiterentwickeln können.»

Das Risiko, dass diese Überlegungen intern und bei den Lesern für Verunsicherung sorgen, sei dem Projektteam bewusst, heisst es in der Mitteilung an die Mitarbeitenden. Es wäre aber fahrlässig, nur kurzfristig auf die Entwicklungen im Leser- und Werbemarkt zu reagieren.

 

 

 



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