"Bankrotterklärung des Schweizer Fernsehens", titelt die "NZZ" heute Freitag. Rainer Stadler schreibt in einem pointierten Kommentar Schawinskis Engagement zeige vor allem eines: die Probleme des Senders. Dabei ortet er die Schwierigkeiten in der fehlenden Förderung fähiger Nachwuchsjournalisten. "Es mutet symbolpolitisch seltsam an, wenn nun SRF als erste Programminovation ankündigt, den 65-jährigen Schawinski anzuheuern", schreibt Stadler. Er wundert sich, dass unter den rund 450 Personen, welche für die TV-Chefredaktion arbeiten, kein fähiger Talkshow-Moderator auszumachen war.
Hauptsächlich kritisiert Stadler die Nachwuchsförderung bei SRF. In den letzten Jahren habe man zu viel Energie für Organisatorisches aufgewendet, wobei die Erneuerung des Programms in den Hintergrund gerückt sei. Das Engagement Schawinskis sei eine Entscheidung für einen sicheren Wert. Inhaltlich sei jetzt schon klar, was die neue Sendung bieten werde. "Schon ihr schlichter Name macht dies klar und deutlich. Auftreten wird ein Mann mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung. Ein Mann, der seine Gäste öfters auf ätzende Weise in Auseinandersetzungen drängt, welche inhaltlich nebensächlich sind."
Schawinski habe zweifellos eine gute Nase für Themen und Personen, dies sich positiv auf die Einschaltquoten auswirkten. Und weil er mit der Zurschaustellung seiner Persönlichkeit nicht spare, könne man seinen Talkshows sicher keine Farblosigkeit vorwerfen. "Diesbezüglich liegt er klar im Vorteil gegenüber den SRG-Journalisten, die auch deshalb zu journalistischem Eunuchentum neigen, weil sie sonst schnell in den Verdacht geraten, politisch eingefärbt zu sein. Das war schon immer die publizistische Achillesferse des öffentlichen, gebührenfinanzierten Rundfunks", schreibt der "NZZ"-Medienspezialist.

Schliesslich wirft er die Frage auf, ob die SRG mit diesem Schritt Schawinski domestizieren könne. "Mit Sicherheit wird dieser Personalentscheid jene nicht beruhigen, welche die SRG links verorten. Schawinski steht auf dieser Seite. Zumindest in der EU-Frage gab die SRG jüngst Gegensteuer. Direktor Matter "outete" sich im Gegensatz zum Generaldirektor als EU-Skeptiker. Ein solches Bekenntnis eines SRG-Hierarchen ist ungewöhnlich, aber als Teil des Politmarketings derzeit wohl naheliegend". (eh)

