Herr Millius, haben Sie noch Freunde?
Ich habe es bei diesem Thema schon immer eher mit der Qualität als mit der Quantität gehalten. Qualitativ habe ich in den vergangenen Monaten zugelegt.
Im Dezember hiess es auf dem Onlineportal «Die Ostschweiz»: «Corona ist nicht vorbei. Aber es ist alles gesagt.» Wie kam es dazu?
Wir sind 2018 gestartet, um die regionale Medienvielfalt zu stärken. Diese Aufgabe trat durch Corona in den Hintergrund. Wir können mit unseren bescheidenen Ressourcen aber nicht auf Dauer schweizweit das Thema Corona abdecken und gleichzeitig regional Zeichen setzen. Es brauchte einen Befreiungsschlag, um uns wieder nachhaltig als Regionalzeitung zu positionieren.
«Die Ostschweiz» wurde von Massnahmenkritikern als alternatives Medium geschätzt. Nach dem Entscheid, nicht mehr über Corona zu berichten, wurden Sie in einschlägigen Kanälen kritisiert. Welche Reaktionen erhielten Sie persönlich seit Jahresbeginn?
Sehr viele. Die meisten davon zeigten sich enttäuscht, andere verärgert, eine dritte Gruppe zeigte Verständnis und fand, es sei das richtige Signal zu diesem Zeitpunkt.
«Ich bin ein ziemlicher Prinzipienmensch»
Und was macht das mit Ihnen?
Betroffen gemacht haben mich nur die Leser, die ernsthaft glaubten, wir seien bei unserer Entscheidung bezahlt oder unter Druck gesetzt worden. Das ist Unsinn. Hätte das jemand tun wollen, hätte er es viel früher probiert. Allerdings auch dann erfolglos. Ich bin ein ziemlicher Prinzipienmensch.
Gegenüber Watson sagten Sie, dass man während der Pandemie die Anzahl der Unique Clients von 200'000 «auf bis zu 1,5 Millionen zu Spitzenzeiten» habe steigern können. Geht es bereits wieder abwärts?
Das tut es, und das wussten wir, allerdings nicht massiv. Uns ist aber die nachhaltige Relevanz in der eigenen Region sowieso wichtiger als möglichst viele Klicks aus der ganzen Schweiz. Auch wenn sie uns gefreut haben.
«Entgleisungen gehören zum Programm» betitelte der Tages-Anzeiger einen Beitrag über «Die Ostschweiz». So habe beispielsweise ein Artikel eines Bündner Autors hohe Wellen geschlagen. Er habe die Impfkampagne mit einem Völkermord verglichen, und Sie hätten sich erst Tage später halbherzig davon distanziert. Waren Entgleisungen wirklich Programm – oder eher Unfälle?
Echte Entgleisungen waren Unfälle, wie sie bei konstanter Personalknappheit passieren können. Aber sicher haben wir die Meinungsfreiheit sehr ernst genommen und dann und wann auch bis an die Grenze ausgedehnt. Das schien uns gerade während Corona auch wichtig.
«Es ist alles gesagt» mag auf das Onlineportal zutreffen, aber nicht auf Sie persönlich. Sie schreiben auf Ihrem privaten Blog weiter. Was triggert Sie eigentlich am Thema Corona?
Aus meiner Sicht ist es dem Staat in Zusammenarbeit mit den meisten Medien gelungen, eine Gefahr völlig unverhältnismässig darzustellen und mit ebenso unverhältnismässigen Massnahmen darauf zu reagieren. Das ging nur, indem man andere Stimmen ausblendete oder diffamierte, und darauf reagiere ich allergisch.
«Wir nehmen uns aus der dauernden Debatte über Fallzahlen und Spitalbelegungen heraus»
Fällt es Ihnen schwer, auf «Die Ostschweiz» nicht mehr über Corona und all die damit verbundenen Nebenschauplätze berichten zu können?
Es ist ein täglicher Seiltanz, weil Corona alle Lebensbereiche betrifft. Wobei der Bannstrahl ja nicht total ist. Wir werden weiter berichten, wenn beispielsweise ein Unternehmer sein Härtefallgeld nicht bekommt. Aber wir nehmen uns aus der dauernden Debatte über Fallzahlen und Spitalbelegungen heraus.
Noch sind Sie Chefredaktor. Derzeit wird eine neue Struktur umgesetzt (persoenlich.com berichtete). Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
Die einzelnen Firmen der Holding sind inzwischen gegründet, die nötige interne Reorganisation wird noch im ersten Quartal dieses Jahres erfolgen.
Im September sagten Sie, dass es nebst freien Mitarbeitenden im Redaktionsteam leicht über 300 Stellenprozente gebe, kurzfristig solle eine Person hinzukommen. Geschah dies bereits?
Wir haben zunächst die Administration ausgebaut, weil das dringend nötig war, ausserdem wurden einzelne Pensen leicht erhöht. Es sind nun etwa 350 Stellenprozente.
Wie tauschen Sie sich eigentlich innerhalb der Redaktion aus, wie wird über Themen diskutiert?
Relativ klassisch an einer grossen Wochensitzung, die aktuell virtuell stattfindet, sowie laufend über einen digitalen Kanal.
«Offenbar herrscht weitgehend Einigkeit»
Und in Sachen Corona und den Massnahmen hatten alle dieselbe Meinung wie Sie? Oder setzte sich einfach jeweils der Chef durch?
Ich habe nie jemanden nach seinem persönlichen Standpunkt gefragt, das ist Privatsache. Es hätte zu jedem Zeitpunkt jeder die Möglichkeit gehabt, einen Kontrapunkt zu mir in unserer Zeitung zu setzen, das ist gar keine Frage. Offenbar herrscht weitgehend Einigkeit, ausser vielleicht in Details.
Am 13. Februar wird über das Mediengesetz abgestimmt. Wie stimmen Sie?
Ich bin Mitglied des Referendumskomitees, deshalb natürlich Nein. Ich bin ganz grundsätzlich gegen die staatliche Förderung von Medien. Man kann das lange schönreden, aber es tangiert die Unabhängigkeit vom Staat. Dazu kommt, dass Verlage Geld erhalten würden, die nach wie vor satte Gewinne einfahren.
Auch Ihr Verleger, der ehemalige FDP-Nationalrat Peter Weigelt, ist gegen eine staatliche Medienförderung. Wie finanziert sich «Die Ostschweiz» langfristig?
Weiterhin über Werbung und unseren Gönnerclub, der freiwillige Abozahlungen leistet. Staatsgelder haben übrigens die Tendenz, solche Anstrengungen zu lähmen. Davon wird man langfristig abhängig.
Vor vier Jahren startete die Onlinezeitung. Wie sieht «Die Ostschweiz» 2026, also in weiteren vier Jahren, aus?
Ich könnte nun wie üblich eine rosige Prognose über weiteres Wachstum, gestiegene Bedeutung und so weiter liefern. Aber realistisch betrachtet kann man bei einer Zeitung keine verlässlichen Annahmen über Jahre hinweg machen.