22.07.2002

RTL II hebt neuen Fernsehsender aus der Taufe

Zum 10. Geburtstag von RTL II will sich der Privatsender gleich selbst ein Geschenk machen: Ab März 2003 soll als Novum der Sender "Viktoria" analog und über verschiedene Kabelnetze empfangbar sein. Er richtet sich vor allem an junge Frauen. Josef Andorfer (Bild), Geschäftsführer RTL II, äusserte sich an der IP-Multimedia-Veranstaltung "RTL II Talk” und gegenüber "persoenlich.com" zu diesem Entscheid und zur Zukunft des privaten Fernsehens. Das Interview:
RTL II hebt neuen Fernsehsender aus der Taufe

Josef Andorfer, die Branche klagt über rückläufige Werbeeinnahmen, und Sie künden einen zusätzlichen Sender an. Was sind die nächsten Schritte, was dürfen wir von "Viktoria" erwarten?

Diesen September wird die Gesellschaft die Genehmigung erteilen. So werden wir im März 2003 zum 10. Geburtstag von RTL II in Deutschland und der Schweiz den neuen Sender lancieren. Er wird analog und über verschiedene Kabelnetze empfangbar sein. "Viktoria" heisst Siegerin, und wir werden damit siegreich im Kampf um die Herzen der Frauen sein. Auf dem Sender wird es keine Gewalt, kein Sex, sondern nur Liebe in allen möglichen Formen geben. Wir hoffen, dass sich auch die Männer stärker zum Gefühl bekennen. Noch gehören zu unserer Zielgruppe aber junge Frauen zwischen 20 und 40 Jahren.

Woher nehmen Sie den Optimismus für dieses Projekt? In welcher Verfassung befindet sich RTL II?

Uns geht es in diesem Jahr, anders als bei anderen Sendern, besser als 2001: Wir werden heuer unsere Rendite auf über 15 Prozent steigern können, was ungefähr einen Gewinn von 50 Millionen Euro ausmachen wird. Das hängt damit zusammen, dass wir neue Sendungen wie den "Schnulleralarm" produziert haben, der in Deutschland hervorragend läuft. Das Geheimnis von RTL II ist, dass wir versuchen, den Geschmack der jungen Zielgruppe zu treffen. Nachdem alle schon die Reality tot gesagt haben, zeigen wir mit Doku-Soaps wie "Autopsie", dass man mit Reality-Programmen viele Zuschauer begeistern kann. Es muss nicht immer "Big Brother" sein.

RTL II ist aber stärker rückläufig als der gesamte deutsche Markt. Die Bruttowerbeeinahmen sind gesunken.

Das hängt mit IP, unserem Vermarkter in Deutschland, zusammen. Dort vermarktet IP auch noch RTL und Vox, 100-prozentige-Beteiligungen. Wir gehören aber nur zu 35 Prozent dazu. Diese Konstellation beim Vermarkten in Deutschland sagt alles. Die Zahlen sehen allerdings nicht so schlecht aus: Während ‚Big Brother‘ hatte RTL II einen Marktanteil von über sieben Prozent. Jetzt sind es im Juli 6,1 Prozent. Auch Schnulleralarm oder letztes Jahr ‚Popstars‘ hatten fast so hohe Marktanteile, ‚Autopsie‘ sogar über zwölf Prozent.

Finanziell ist RTL II in einer besseren Verfassung als die Konkurrenz. Weshalb?

Als ich 1997 von ORF zur RTL II wechselte, hat mir ein Freund aus der Branche gesagt, "Du musst über dem Eingang von RTL II den einen Satz meisseln: ‚Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen.‘” Leute, die in Medienunternehmen arbeiten, haben oft geglaubt, dass Geld dazu da ist, verbraten zu werden und nicht, um Gewinn zu erwirtschaften. Damals hat RTL II die Zahl der Mitarbeiter von 150 auf 100 abgebaut, und ich habe schon 1997 gesagt, dass es besser ist, diesen Schritt sofort zu machen als erst später. Noch heute haben wir 100 Angestellte, von der Geschäftsführung über die Newsredaktoren bis zur Administration.

Wo orten Sie weiteres Sparpotenzial bei RTL II?

Ich glaube, dass in der Technik und im Übertragungsbereich Einsparungsmöglichkeiten bestehen. Wir haben das Glück, dass in diesem Bereich unsere langfristigen Verträge auslaufen. Deshalb werden wir im August 2003 auch ein neues Gebäude in München einweihen und dann die Technik den neuen Gegebenheiten mit einer räumlichen Redimensionierung anpassen.

Wie wollen Sie den Sender in Zukunft positionieren?

RTL II richtet sich an eine junge Zielgruppe mit dem stärksten Kinoprogramm am Nachmittag. Bei den zehn- bis 13-Jährigen sind wir in Deutschland heute die Nummer 1. Auch in der Schweiz sind wir sehr erfolgreich. Am Hauptabend wollen wir weiterhin auf Reality setzen und bauen dieses Segment sogar noch weiter aus. Unter dem Arbeitstitel "Under Construction" schaffen wir derzeit eine neue Sendung aus, bei der es darum geht, zehn Familien 13 Wochen lang zu beobachten, wie sie ein Haus bauen. Den Gewinnern gehört am Ende das Haus. Daraus verspreche ich mir sehr viel, weil wir ein Thema aufgegriffen haben, dass viele junge Deutsche interessiert.

Wohin steuert das private Fernsehen im Allgemeinen?

Die Branche wird in diesem Jahr lernen müssen, kostenbewusster mit den Mitteln umzugehen. Die, die es nicht gelernt haben, werden von den Eigentümern die Rechnung Ende Jahr bekommen. Die Zeiten, wo man für Schauspieler nahezu alle Gagen bezahlt hat, sind vorbei. Auch die Filmhändler haben gelernt, dass sie nicht mehr Preise wie vor zwei Jahren bekommen. Ich glaube ohnehin nicht, dass es den Zuschauern auffällt, ob der selbe Film im Einkauf beispielsweise 50 000 oder 100 000 Euro gekostet hat. Wir dürfen aber nicht beim Programm oder bei der Innovation sparen.

Von den USA über Europa bis nach Asien gehen die Börsen auf Tauchstation. Monat für Monat hören wir von rückläufigen Werbeausgaben. Wann ist diese Krise Ihrer Meinung nach ausgestanden?

Ich glaube nicht, dass sie dieses Jahr schon vorbei sein wird. Wir werden uns wohl noch 2003 in dieser Situation befinden. Dabei handelt es sich auch nicht um eine Medien-, sondern um eine wirkliche Wirtschaftskrise. Es ist normal, dass die Unternehmen in einer solchen Situation zuerst die Werbeausgaben kürzen. Damit müssen wir umgehen lernen.

(Interview: Reto Wild)

IP Multimedia zu "Viktoria” und zur Zukunft


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