15.03.2012

"Bund"

Sabine Frambach gewinnt Essay-Wettbewerb

Befreiende Respektlosigkeit gegenüber göttlicher Redewendungen.

Die sechste Ausgabe des Bund-Essaypreis stellte nichts weniger als die Gretchenfrage. In der Wettbewerbsausschreibung wurde gefragt: Muss sich die Kirche klarer profilieren, damit die (Marken-)Botschaft wieder besser ankommt? Verdunstet der Glaube oder sucht er sich zeitgemässe Ausdrucksformen? Erleben wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts gar eine Renaissance der Religion?

221 Essayistinnen und Essayisten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich reichten ihre Texte ein. Vom 18-jährigen Teenager bis zur 82-jährigen Grossmutter waren alle Altersgruppen vertreten. Gläubige, bekennende Atheisten und Agnostiker hielten sich dabei die Waage. Die dreiköpfige Jury, bestehend aus "Bund"-Chefredaktor Artur K. Vogel, "reformiert"-Redaktorin Rita Jost und der Pfarrer und Kirchenhistoriker Marc van Wijnkoop, wählte die Essays von Gerhard Meister, Sabine Frambach und Michael Graf aus. An der Preisverleihung am Mittwochabend lasen die drei ihre Essays vor und das Publikum konnte im Anschluss die Platzierung bestimmen.

Die 37-jährige Sozialpädagogin Sabine Frambach (vgl. Bild unten) aus Mönchengladbach hat bereits verschiedene Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. In ihrem Essay "Lippenbekenntnisse" denkt sie mit befreiender Respektlosigkeit über göttliche Redewendungen im Sprachalltag nach, probiert Wortschöpfungen aus und leert mit Witz und Unverfrorenheit das "Glaubensphrasenschwein". Der Siegeressay,der mit einem Preisgeld von 2'500 Franken dotiert ist, erscheint im Bund vom 31. März 2012.

Der 47-jährige Michael Graf arbeitet als Pfarrer in Kirchlindach. Seinem Essay "Julian Barnes braucht lange Arme" attestierte die Jury eine "grandiose, ziemlich ungemütliche Weitsicht". Hoffnung habe bei diesem Autor "eine radikal christliche Richtung und zielt auf nichts weniger als das Ende von Ungerechtigkeit, Angst und Armut auf der Welt". Dieser Essay wurde auf den zweiten Rang (Preisgeld 2'000 Franken) gewählt und erscheint im "Bund" vom 24. März 2012.

Der 45-jährige Gerhard Meister aus Zürich ist hauptsächlich als Dramatiker und Spoken-Word- Performer tätig. In seinem Essay "Was vermissen wir, wenn wir nicht mehr an Gott glauben?" gelingt es dem Autor, so die Jury, "dem Heiligen seine Scheinheiligkeit abzuschminken". Überzeugend werde gezeigt, dass die Sinnsuche der Frommen und die Ersatzhandlungen aufgeklärter Agnostiker mehr verbindet als trennt. Der drittplatzierte Essay (Preisgeld 1'500 Franken) erscheint im "Bund" vom 17. März 2012. (pd)


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