Es entstand im Vorfeld fast der Eindruck, als handle es sich bei Roger Schawinskis Interview mit Roger de Weck um das Pendant von Bundesrat Hans-Rudolf Merz' Mission nach Libyen: Es ging um die Frage, ob Schawinski sein Gesicht wahren kann und trotz SRG-Angestelltenverhältnis und Freundschaft mit SRG-Direktor De Weck nach wie vor kritisch und unabhängig über die SRG berichten könne. Schawinski selbst ist an dieser Stilisierung nicht unbeteiligt. Er postulierte im Vorfeld, er werde mit diesem Interview seine Unabhängigkeit von der SRG beweisen (Tagesanzeiger.ch).


Kritiker monieren, dass die Institution SRG für den einst dezidierten Monopol-Kritiker vom Saulus zum Paulus wurde, seit sein Freund Roger de Weck die Generaldirektion übernommen hat. Allen voran der dritte Schweizer Medien-Roger mit Deutschland-Erfahrung: Roger Köppel attestiert seinem Kollegen einen "Wandel vom Kritiker zum Lobsänger" und sieht in ihm einen "SRG-Hofberichterstatter" (vgl. Weltwoche). Von persoenlich.com auf seinen Wandel in der Behandlung der Causa SRG angesprochen, meinte Schawinski 2011: "Ich habe vor, Roger de Weck einzuladen, um ihm auf den Zahn zu fühlen. Nach dieser Sendung wird sich das Thema Ihrer Frage wohl erledigt haben." (vgl. persoenlich.com)
Interview mit dem Chef wird Realität
Mehr als ein Jahr später ist es also soweit: Schawinskis oberster Chef kommt in seine Sendung "Schawinski". Leutschenbach, 15.30 Uhr: Start von Schawinskis Beweisführung seiner Unabhängigkeit und Selbst-Manifestation als Monopol- und SRG-Kritiker, Kampagne gegen den Vorwurf freundschaftlicher Nachsichtigkeit, wenn es um De Weck geht.
Angesichts Schawinskis persönlicher Rechtfertigungskampagne mochte fast vergessen gehen, dass Anlass der Sendung ein Interview mit Roger de Weck, Chef und Arbeitgeber des Radio-1-Unternehmers ist. Trotzdem: "Roger, wer bist du?" war auch in dieser Sendung keine introspektive Selbstbefragung Schawinskis, der jüngst erklärte, in einem Hospiz stundenlang meditiert zu haben(SoZ). Die Frage richtete sich an seinen Namensvetter: Dieser betonte, dass für seine Persönlichkeit Gegensätze repräsentativ seien. Als Beispiele fügte er die calivinistische Mutter aus Genf, den katholischen Vater aus Freiburg, seine Fremdwahrnehmung als Intellektueller bei seiner gleichzeitigen Rolle als Unternehmer an. Soviel zur Person Roger de Wecks: Der SRG-Direktor gab sich wie erwartet zugeknöpft und war nicht bereit, mehr von sich selbst preiszugeben.
Ein journalistisches Gespräch
Die Ankündigung Schawinskis in der Sendung mit De Weck ein "journalistisches Gespräch" führen zu wollen, kann rückblickend als eine Drohung an das Publikum verstanden werden. Die beiden haben sich zu stark in Konvergenz, sinkende Marktanteile und SF-Chef Ruedi Matter verschossen. Der Talk war ein Insidergespräch, denn von Begriffen wie Konvergenz, Zattoo, Wilmaa und Tablets dürften einige Zuschauer keine Ahnung haben. Die beiden haben sich nicht die Mühe gemacht, Begriffe zu erklären und das Publikum zu führen. De Weck monierte, dass Schawinski im Interview dauernd die Quote ins Feld führe: "Jetzt muss ich schon staunen, Quote, Quote, Quote, Quote." Er hat damit einen wunden Punkt des Gesprächs angesprochen, das sich tatsächlich immer wieder um die Zuschauerquoten drehte, etwa um das Problem, dass nur noch wenige 15- bis 49-Jährige SF schauen würden. De Weck wies auf die veränderte Mediennutzung gerade in dieser Altersschicht hin - Junge, deren Mediennutzung über Kanäle wie Zattoo und Wilmaa nicht mehr erfasst werden könnten. Dabei zitierte er die Süddeutsche, wonach die Quote "eine veraltete Währung" sei.
De Weck tat in dieser Sendung auch nicht viel für die Quote, er gab nichts Persönliches und viel PR zum Besten: Ingrid Deltenre habe in vielerlei Hinsicht einen guten Job gemacht, Ruedi Matter mache einen hervorragenden Job und: "Da ist eine Dynamik im Laden, die mich beeindruckt." Mit "Laden" meinte er die SRG.
Hilferuf und Entschuldigung zugleich
Schawinski unterbrach seinen Chef kaum. Einmal sagte er: "Du hältst immer Vorträge." De Weck entgegnete: "Das ist ja das erste Mal, dass sich Schawinski beklagt, er werde in seiner Sendung unterbrochen." Auf den Gesprächsmodus hat die Einwendung Schawinskis allerdings keine Auswirkung. Ein zweites Mal - schon fast am Ende der Sendung - sagt Schawinski: "Wir kommen fast nicht zu allen Themen, weil du uns alles so ausführlich erklärst." Die Aussage schien Hilferuf und Entschuldigung zugleich zu sein.
Schawinski hielt sich mit Bösartigkeiten zurück, auch die Aufrollung der Biographie, bei der dem Gast typischerweise unangenehme Eigenzitate an den Kopf geknallt werden, blieben aus. Bissigkeiten wie sie etwa der "Zeit"-Journalist Fritz J. Raddatz in seinen "Tagebücher 1982 - 2001" über De Weck formuliert, mutete Schawinski seinem Gast entgegen seiner Gewohnheit nicht zu. Raddatz verhöhnt dessen Arbeitseinstellung etwa als Postbeamten-Mentalität. Die Thematisierung von Penis- und Logo-Streit blieb ebenfalls aus. Dies alles ruht in der Vergangenheit oder blüht erst in Zukunft. Auch der Einstieg der SRG in den Online-Werbemarkt und der Streit diesbezüglich mit den Verlegern blieb unerwähnt. "Alles Masslose ist bedeutungslos, auf das reagiere ich nicht", philosophierte De Weck. Schawinski war aber massvoll De Weck reagierte trotzdem nicht.
Erstes kritisches Interview auf eigenem Kanal
Am Schluss der Sendung wies Schawinski auf den Umstand hin, dass sich zum ersten Mal ein SRG-Generaldirektor einem kritischen Interview auf dem eigenen Kanal gestellt habe, als würde dies ohne seinen Hinweis niemand merken. Mission erfüllt, Unabhängigkeit bewiesen? Was meint Roger de Weck zum Interview? Wurden tatsächlich Fragen angesprochen, die die beiden bei einem Nachtessen nicht besprechen könnten, wie Schawinski vor dem Interview hoffte? Schawinski und de Weck waren nach der Sendung zu keiner Stellungnahme bereit.
Text: Benedict Neff

