Knapp zwei Monate nachdem der Reporter Claas Relotius mit gefälschten Textpassagen aufgeflogen ist, wird ein weiterer Betrugsfall bekannt. Wie der deutsche Branchendienst Meedia am Mittwochabend berichtete, hat sich das «SZ Magazin» von einem freien Autoren und Kolumnisten getrennt.
Der freie Journalist sei vom «SZ Magazin» damit beauftragt worden, eine Geschichte zum Thema Beziehungen zu schreiben. Kurz vor dem vorgesehenen Erscheinungstermin im Januar seien innerhalb der Redaktion Zweifel aufgekommen. Darauf angesprochen habe der Autor «zugegeben, dass die Zweifel an der Geschichte berechtigt sind», so der Verlag gegenüber dem Branchenportal. Der Reporter wurde offenbar mehrfach ausgezeichnet und hat unter anderem den Henri-Nannen-Preis erhalten. Den Namen des Journalisten nennt das Portal nicht.
«Verstoss gegen journalistische Standards»
Am Donnerstag veröffentlichte die SZ-Redaktion einen Beitrag in eigener Sache. «Das «Süddeutsche Zeitung Magazin» hat Anfang Februar eine für den Druck vorgesehene Geschichte eines freien Journalisten nicht veröffentlicht, weil Redaktion und Dokumentation des Magazins im Rahmen der üblichen Faktenprüfung vor Veröffentlichung feststellen mussten, dass «eine die Geschichte tragende Protagonistin nicht existiert», heisst es dort. Weil die Chefredaktion das als groben Verstoss gegen die journalistischen Standards erachtet habe, habe man die Zusammenarbeit mit dem Journalisten beendet.
Das «SZ Magazin» und die «Süddeutsche Zeitung» haben andere Texte des Journalisten überprüft, die in Print und Online erschienen waren, schreiben die Redaktionen weiter. Dabei hätten sich keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass es weitere schwerwiegende Verstösse gegen unsere journalistische Standards gab.
Und weiter: «Die Geschichte mit der erfundenen Protagonistin ist nie erschienen, unsere Verfahren zur Prüfung von journalistischen Texten haben also funktioniert. Trotzdem werden wir diesen Vorfall zum Anlass nehmen, unsere redaktionsinternen Abläufe gerade bei der Verifizierung und Dokumentation von Texten weiter zu verbessern.»
Texte in mehreren Qualitätsmedien veröffentlicht
Wie bereits im Fall Relotius sind auch im aktuellen Fall verschiedene Qualitätsmedien betroffen. Die Redaktionen von «Spiegel», Spiegel online sowie der Zeit-Verlagsgruppe hatten laut Meedia in der Vergangenheit Texte des Reporters veröffentlicht. Beim «Spiegel» sind offenbar 43 Veröffentlichungen des Autors erneut gecheckt worden. Unregelmässigkeiten seien bislang keine identifiziert worden, so das Portal.
Bei der «Zeit» dauert die Prüfung der Artikel noch an. «Wir prüfen intensiv alle Texte des freien Mitarbeiters», so der Verlag gegenüber Meedia. Dies geschehe unter Mithilfe des Autors, der seine Rechercheunterlagen zur Verfügung gestellt habe. Bislang hätten sich alle Orte, Personen und Ereignisse als real erwiesen. Allerdings seien in einem Teil der Texte sachliche Fehler und Ungenauigkeiten der Schilderung aufgefallen. «Über eine abschliessende Bewertung und mögliche Konsequenzen» will der Verlag nach Ende aller Recherchen beraten.
Ob auch Schweizer Medien Texte des Autors veröffentlicht haben, ist bislang unklar. Tamedia, die in einer Kooperation mit der «Süddeutschen Zeitung» deren Texte teilweise übernimmt, konnte am Donnerstagabend noch wenig sagen. «Wir sind derzeit daran, das zu prüfen», so eine Tamedia-Sprecherin auf Anfrage. (wid)