10.08.2004

"Thomas Sadecky, was läuft schief bei U1?"

Der sprachnationale Sender U1 TV Station macht derzeit mit Personalabgängen von sich reden. Nach Marketing- und Verkaufsleiterin Sandra Tuttlies nahm Chefredaktor Beni Leoni den Hut. Kurz darauf reichten vier Videojournalisten und ein Redaktor ihre Kündigung ein -- mithin sieben von 46 MitarbeiterInnen. "persoenlich.com" hat sich mit Geschäftsführer Thomas Sadecky (Bild) unterhalten, der bisher keine Stellung hat beziehen wollen. Das Interview:
"Thomas Sadecky, was läuft schief bei U1?"

Zwei Kaderleute sowie fünf weitere Mitarbeiter gehen ab -- der von der SonntagsZeitung unlängst angekündigte Massenabgang hat stattgefunden. Was läuft schief bei U1?

Die Abgänge sind für mich kein Alarmzeichen, obwohl ich mir natürlich Gedanken mache. Wir haben die Löhne unserer Praktikanten denn auch von den anfänglichen 1500 Franken auf 2200 erhöht und werden nach anderthalb Jahren gar 2700 bezahlen. Wir haben nämlich gesehen, dass sich unsere Leute anstrengen. Im übrigen sind früher bereits drei Personen zu Endemol und einem anderen Privatsender gegangen -- was ich verstehe, ist der Lohn eines ausgebildeten VJs für unsere Praktikanten doch sicherlich ein verlockendes Angebot. Dass die direkte Konkurrenz unsere Leute abwirbt, widerlegt im übrigen den Vorwurf, unsere Ausbildung sei ungenügend.

Die kündenden Praktikanten müssen laut Arbeitsvertrag bei vorzeitigem Austritt eine Ausbildungspauschale zurückbezahlen. Werden Sie darauf bestehen?

Das werden wir von Fall zu Fall anschauen, gegenwärtig liegt das bei unserem Personalverantwortlichen und hat keine Priorität, weil wir in einem Prozess der Programmoffensive sind. So werden wir uns sehr stark im Sport engagieren. Den Anfang haben wir bereits mit dem Final der Beachvolleyball-Tour sowie den Spielen des FC Luzern gemacht. Das Engagement für die Challenge League hat uns auch prompt die Aufschaltung im Zuger Netz mit 55'000 Haushaltungen eingebracht. Mit dem SC Langenthal wollen wir diesen Weg künftig auch im Eishockey beschreiten, ausserdem möchten wir im Motorsport eine Renn-Serie zeigen. Das ist eine Teil der Offensive, die mehr Schweizer Inhalte für Minderheiten bringen will.

Neben dem erwähnten Sport sollen ab dem 1. September auch Reality-Events bei U1 mehr Gewicht erhalten. Sind noch weitere Änderungen geplant?

Der Sport wird eine wichtige Rolle spielen. Zudem wird die geplante Schweizer Reality-Show, über die ich noch absolut nichts verraten will, für viel Aufmerksamkeit sorgen.

Beni Leoni genügen diese Neuerungen nicht. Warum hat er Ihrer Meinung nach Unrecht?

Jeder Sender muss Prioriäten definieren, und auch wir haben unsere gesetzt. Auch wenn wir flexibel sind, müssen wir uns doch nach unseren Möglichkeiten und Chancen richten. Dass man dabei manchmal nicht gleicher Meinung ist, erachte ich als normal.

Differenzen mögen üblich sein. Warum aber haben Sie sich mit Ihrem Chefredaktor nicht über die künftige Programm-Strategie einigen können?

Diese Frage müsste Herr Leoni beantworten.

... der sich aber sehr loyal zeigt und zu seiner Kündigung keine weiteren Kommentare abgeben will. Daher nochmals die Frage an Sie: Wo lagen die Knackpunkte?

Ich möchte keine Interna ausbreiten. Ich schätze Beni Leoni sehr, er hat sehr viel für den Sender getan. Dass er gute Arbeit leistet, hat er bei U1 bestätigt. Wir haben auch keine Probleme miteinander.

Suchen Sie jetzt neue Leute?

Ja, und es gibt auch bereits Kandidaten, die wir anstellen könnten. Wir haben aber noch keinen Entscheid gefällt.

Ist auch Ersatz für die VJs gefragt?

Das kann ich noch nicht sagen, denn unsere Situation unterscheidet sich von der anderer Sender. Dank unseren Partnern Intro TV, TV München und TV Berlin verfügen wir über einen Pool an Leuten, die aushelfen können. Zudem können wir mit den anderen Stationen möglicherweise zusätzliche Synergien schaffen. So finden wir schnell temporäre Lösungen und stehen nicht so unter Zugzwang, wenn wir mal ein paar Leute verlieren.

Die Abgänge werden also möglicherweise nicht ersetzt?

Das sehen wir uns Sendung für Sendung an.

Zu welchen Konditionen würden neue Mitarbeiter angestellt? Ist der Einstiegslohn von 1500 Franken für Praktikanten weiterhin aktuell?

Ja, der bleibt. Doch die Bedingungen sind durch die erwähnten Erhöhungen auf 2200 Franken nach einem Jahr und 2700 nach anderthalb attraktiver geworden.

Man sieht wenig Werbung auf U1. Wie können Sie Ihren Business-Plan einhalten?

Wir haben damit gerechnet, dass die Einnahmen des ersten Jahres uns keine schwarze Zahlen bringen werden. Das ist normal in einem Markt, in dem die Budgets bei unserem Eintritt bereits gemacht und verteilt waren.

Es verläuft also alles nach Plan?

Ja, obwohl wir über mehr Werbung natürlich glücklich wären. Aber erst muss ja das Programm stimmen, auf blosse Ankündigungen hin wird sich kein Werbetreibender einlassen.

Sie sehen demnach noch Defizite beim Programm?

Natürlich. Darum haben wir beispielsweise die Sportübertragungen eingeführt, die gab es vor drei Monaten noch nicht. Diese bieten eine neue Chance, Werbung zu verkaufen.

Falls sich Ihr Partner TV München -- wie von der Bayerischen Landesmedienzentrale gefordert -- mit RTL München Live zusammenschliesst, wird es schwierig für den Dreierverbund München / Zürich / Berlin. Wie gehen Sie den drohenden Synergieverlust an?

Ich erachte das nicht als sehr wahrscheinlich. Und sollte es eine Fusion geben, dann liegt das noch in so weiter Ferne, dass es für mich im Moment nicht vordringlich ist. Wir wollen jetzt vor allem ein gutes Programm machen.

Insgesamt erscheint die gegenwärtige Situation nicht sehr rosig. Verraten Sie uns doch zusammenfassend die wichtigsten Schritte, wie Sie aus dem Schlamassel kommen wollen.

Erstens der Start mit einem starken Programm. Zweitens werden die Abgänge wo nötig ersetzt, kurzfristig überbrücken wir mit Leuten unserer Partner-Sender. Und drittens werden wir uns an der Branchenmesse screen-up vom 7. September mit unserem Programm beteiligen. Dann wird man die Verbesserungen sehen. Wie Sie unsere Situation benennen wollen, überlasse ich im übrigen Ihnen. Immerhin bietet jede Krise auch eine Chance für Verbesserungen.


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