Kolumnisten sind beneidenswerte Menschen. Sie dürfen sich über alles und alle verbreiten. Im Zentrum ihres Tuns steht majestätisch ihre persönliche Meinung, die sie der Öffentlichkeit einträufeln können. Vor allem wenn sie regelmässig VIPs benoten, werden sie bald einmal selbst zu Very Important Person. Zumindest sehen sie sich selbst so. Und manchmal liegen sie damit sogar richtig.
Peter Rothenbühler ist in unserem Land einer der Prominentesten dieser Zunft. In seiner "Mailbox" in der Weltwoche spielt er an prominenter Stelle immer auf die Person. Er tut dies meist witzig, gut informiert, wortgewandt und oft auch mit der notwendigen Portion Schärfe. Vor einigen Wochen wandte er sich in seinem Wochenbrief nun an Nicolas G. Hayek und dies ermöglicht einige aufschlussreiche Einblicke in die inneren psychologischen Bereiche des Kolumnisten-Gewerbes. So findet sich gleich zu Beginn seines Textes der bemerkenswerte Satz. Sie haben nie den schnellen Stutz gesucht, sind eigentlich ein bescheidener Mensch geblieben.
Zu Nicolas Hayek fallen einem haufenweise Adjektive ein. Bescheiden gehört mit Sicherheit nicht dazu. Der Mann der mit der damaligen Weltranglisten-Ersten Martina Hingis als über Sechzigjähriger vor laufenden TV-Kameras Tennis zu spielen versuchte, der sich am Ende seiner Untersuchung über das Expo-Debakel in einer unübertroffen extrovertieren Weise vor den Medien präsentierte, der unbestrittene Zampano der jüngeren Schweizer Geschichte ein bescheidener Mensch? Wie kommt Peter Rothenbühler zu einem so wahnwitzigen Urteil? Selbst wenn ich seine wahre Meinung über Nicolas Hayek nicht kennen würde, müsste mich das stutzig machen.
Beim Weiterlesen seiner Kolumne erkennt man die Funktion dieses bewusst platzierten palliativen Einstiegs. Denn Rothenbühler wagt sich in der Folge an eine butterweiche, verklausulierte Kritik an den immer teureren Uhrwerken aus Hayeks Imperium. Spätestens hier wird es evident, dass er einen Werbekunden beschreibt. Einen grossen, zumal. Denn Rothenbühler ist im Hauptberuf Chefredakteur der Zeitung Le Matin in Lausanne, und als solcher will er sich auf keinen Fall den Zorn eines Mannes zuziehen, der es gewohnt ist, sehr schnell zum Telefonhörer zu greifen, um seinen Ärger über unliebsame Presseberichte direkt beim Herrn Verleger loszuwerden.
Edipresse vermeldete gerade tiefere Gewinnzahlen, da will man sich aus verständlichen Gründen nicht noch zusätzliche Einnahmeverluste aufhalsen. Nach den vielen Jahren als Chef der Schweizer Illustrierten hat man den werbetechnischen Schmusekurs und die als journalistische Storys getarnten PR-Porträts so intensiv inhaliert, dass es fürs gesamte verbleibende Berufsleben reichen sollte. Echt peinlich wird es am Ende des Textes, wenn sich Rothenbühler vor dem grossen Mann aus Biel vollends in den Staub wirft. "Erfolg soll man loben. Aber wenn ich all die honigsüssen Presse-Supplements zu den Uhrenmessen in Basel und Genf lese, denke ich, ein kleines Fragezeichen zum Hype, der hoffentlich nie eine Blase wird, sollte erlaubt sein, oder?"
Was kann man dem guten Peter Rothenbühler raten, damit er solch peinliche Kotaus in Zukunft nur noch im Kundengespräch und nicht mehr in aller Öffentlichkeit machen muss? Wahrscheinlich sollte er sich entscheiden: Entweder beschreibt er nur noch Menschen, bei denen er keine Werbegelder absichern muss. Über Politiker kann er weiterhin ohne falsche Rücksichten herziehen. Ebenso über TV-Moderatoren, Sportler und Journalisten. Das ist alles unvermintes Gelände. Oder dann nutzt er seine Kolumnen weiter, um Werbeaufträge zu akquirieren. Das wäre aber suboptimal. Ich glaube, nur wer zu seiner Meinung stehen kann, sollte Kolumnen schreiben, ausser er liefert für die Leser jeweils einen Beipackzettel mit den möglichen Nebenwirkungen mit. Tut mir leid, Peter, dass ich dir dies schreiben musste. Per Kolumne, natürlich.

