01.06.2007

NZZ-Titel

Überregionale Mantelredaktion keine Option

Austausch soll aber forciert werden.

Seit die Zürcher Tamedia letzte Woche den Berner Medienplatz erobert hat, macht sich die Medienbranche über die Konsequenzen des Espace-Deals Gedanken. Während einige Stimmen davon ausgehen, dass sich vorerst gar nichts ändere -- "statt von zwei reichen Berner Familien wird die Espace Media Groupe nun einfach von einer reichen Zürcher Familie kontrolliert" (Hanspeter Spörri) -- gewinnen andere der Medienkonzentration positive Aspekte ab. Ein Duopol oder ein Dreigestirn von Medienhäusern, welche einen überregionalen Mantel anbieten und die einzelnen Regionen mit speziellen redaktionellen Teilen bedienen, könnte den publizitischen Wettbewerb zum Erwachen bringen, schrieb etwa Rainer Stadler in einem NZZ-Leitartikel.

In den Fokus der Medienbeobachter ist auch der Berner Bund geraten. Droht ihm längerfristig die Schliessung oder wird er mittelfristig in einen Zeitungsverbund mit einem gemeinsamen überregionalen Mantel eingebunden? Die 1850 gegründete Berner Traditionszeitung wird auch nach der Übernahme der Espace-Group durch die Tamedia aufgrund seiner Beteiligungsstruktur von den beiden partnerschaftlich verbundenen Unternehmen NZZ (40 Prozent) und Publigroupe (20 Prozent) kontrolliert. Die Tamedia hält dagegen eine Minderheitsbeteiligung von 40 Prozent. Auf den ersten Blick denkbar ist, dass die NZZ-Titel St.Galler Tagblatt, Bund und Neue Luzerner Zeitung mittelfristig unter einem gemeinsamen nationalen Mantel Schutz suchen könnten.

Regionale Aspekte sprechen gegen Mantelredaktion

Zur Weiterentwicklung der gemeinsamen Aktivitäten treffen sich nächsten Freitag die Chefredaktoren der einzelnen Titel der NZZ Gruppe mit Vertretern des Zürcher Stammhauses zu einer Sitzung, wie "persoenlich.com" in Erfahrung bringen konnte. Die gemeinsame Sitzung angestossen hat Bund-Chefredaktor Artur K. Vogel -- nach eigenen Aussagen noch bevor der Espace-Deal bekannt wurde.

Von einer gemeinsamen Mantelredaktion hält Vogel indessen wenig. Er betont auf Anfrage von "persoenlich.com" vor allem die Hindernisse, die einer gemeinsamen Mantelredaktion im Wege stehen würden: "Die einzelnen Titel sind von ihrem Selbstverständnis und ihrem Auftritt her sehr verschieden. Und regionale Aspekte spielen bei allen eine zentrale Rolle", so Vogel.

Dass man das alles unter einen gemeinsamen Hut bzw. Mantel bringen könnte, bezweifelt er -- trotz der Einsparungen und der attraktiveren Perspektiven, welche man Journalisten damit würde bieten können. Vogel plädiert deshalb "nur" für eine engere Zusammenarbeit im Ausland-, Inland, Wirtschafts- und Kulturbereich, ohne dass jedoch die einzelnen Titel ihre Identität verlieren.

Zeitungen sollen eigene Redaktionen behalten

Wird die Option einer Mantelredaktion an der Sitzung überhaupt ernsthaft geprüft? Für Gottfried Höpli, Chefredaktor des St.Galler Tagblatts, steht eine gemeinsame Mantelredaktion nicht zur Debatte, er sieht aber Optimierungspotenzial in der gegenseitigen Kooperation. Und auch Beat Lauber, Geschäftsführer der Freie Presse Holding, winkt auf Anfrage von "persoenlich.com" ab: Am Treffen würden nur Fragen des "Daily Business" behandelt. "Ich bin kein Fan von flächendeckenden Deutschschweizer Mantelredaktionen ohne Regionalbezug", stellt Lauber klar.


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