Das Jahr 2007 brachte erstaunlich viele neue Medienprodukte. Okay, einige Abgänge galt es im letzten Jahr zu beklagen, so wurden die etablierten Wochenpublikationen "Cash" und "Facts" in den Orkus befördert. Aber es spriessen dafür ständig neue Gratiszeitungen. Die Kopisten kopieren frühere Kopisten und füllen die überall wuchernden Kästen mit Bergen von Papier, die bereits am frühen Nachmittag sinnlos vor sich hin gammeln. Und auch im Internet wird fleissig aufgerüstet, obwohl niemand so richtig weiss, wohin die Reise gehen soll.
Der Grund für diese Entwicklung ist evident: Innovativ sein heisst heute, den neuen Trend aufzuspüren. Ein Trend entsteht aber nur dann, wenn jemand in einem Bereich bereits erfolgreich war. Also blickt man auf die Konkurrenz und hechelt hinterher. Vor allem wenn die Eintrittsbarrieren tief sind, braucht es nur einen Sugar Daddy oder einen Medien-Allesfresser, und schon ist man im Rennen. Das ist deshalb besonders kommod, weil es nicht einmal einer eigenen inhaltlichen Idee bedarf, um mitzuzocken. Es genügt bereits, wenn man etwas völlig Unverdautes verkündet, wie etwa "Ich habe Zehntausende von Ständer".
Meine Methode ist eine andere und ist es immer gewesen. Wenn alle in eine Richtung blicken, dreh ich mich um 180 Grad. Das gibt oft neue, überraschende Einsichten. 1979 war in der Schweiz das Medium Radio praktisch tot und unbeachtet. Beromünster erstickte mit seinem unsäglichen Angebot selbst die zartesten Fantasien über eine bessere Radiowelt im Keime. Radio 24 war deshalb vom ersten Tag an eine Sensation, obwohl unser Programm am Anfang schlicht kläglich war. Da der Pizzo Groppera zudem der einzige italienische Berg war, von dem aus man die Schweiz beschallen konnte, liefen alle Grossverleger auf Grund, die in Bern lautstark gleiches Recht forderten.
Anfang der Neunzigerjahre liessen dieselben Verleger teure Studien über die Kosten der Einführung des Privatfernsehens in der Schweiz machen. Das Resultat war immer dasselbe: Die Sache ist nicht finanzierbar. Da drehte ich mich wieder um 180 Grad und erkannte: Die Schweiz ist wohl zu klein, aber Zürich ist gross genug. Ein Regionalfernsehen hat einen klaren USP und damit keine direkte Konkurrenz. Ausserdem sind die Kosten um ein Mehrfaches kleiner. So wurde TeleZüri geboren und ist bis heute ein Erfolg.
Denselben Ansatz verwende ich auch heute: Radio ist weitgehend aus dem Blickfeld verschwunden. Also drehe ich mich um 180 Grad vergesse Internet und Gratiszeitung und gründe Radio 1 mit dem innovativen Claim ³Nur für Erwachsene². Die Bedingungen sind ähnlich wie bei den früheren Projekten: Eine klare Marktlücke und ein beschränkter Marktzugang für die riesige Garde der Kopisten. Ein Radio für Erwachsene scheint eine attraktive Marktlücke zu sein, die deshalb von niemandem erkannt wurde, weil sie alle gebannt auf die Megatrends starrten.
In letzter Zeit wurden keine Medien im klassischen Sinn lanciert, sondern blosse Marketingprodukte. Denen fehlt in der Regel das Entscheidende: die Seele. Die Menschen aber lechzen nach persönlichen, engagierten und ehrlichen Medien, die eine Seele haben. Radio 24 hatte eine Seele, TeleZüri ebenso. Und dasselbe wird bei Radio 1 der Fall sein. Wo ist die Seele bei all den anderen Neugründungen der letzten Zeit? Erkennen wir nicht einen schmerzlichen Verlust von Seele, von Nähe? Sehnen wir uns nicht danach, uns auseinanderzusetzen mit Medien, Menschen und Themen?
Zugegeben: Nicht alle Medien eignen sich gleichermassen. Das Internet ist eher kühl und unpersönlich, die Presse besitzt mehr Möglichkeiten, die aber meist nicht genutzt werden. Radio hingegen kann das emotionalste, schnellste und persönlichste Medium von allen sein. Es ist effizient, umweltfreundlich und überall und von jedermann nutzbar. Genau das war es, was mich in meinem schon etwas fortgeschrittenen beruflichen Leben an dieser Idee reizte. Die Euphorie jedenfalls, die ich bei meinen früheren Projekten erlebt hatte, ist da, bei mir, bei meinen Mitarbeitern und bei vielen unserer ersten Soundcheck-Hörer. Und das ist das untrügliche Zeichen, dass meine Methode auch diesmal funktionieren sollte.

