Wie kein anderer sorgt Sacha Wigdorovits derzeit für Gesprächsstoff in der Medienbranche. Im Mittelpunkt steht sein gescheitertes Konzept für die Gratiszeitung ".ch". Obwohl viele Stimmen von Anfang an skeptisch waren, setzte Wigdorovits mit vollem Enthusiasmus auf die Idee, eine Gratiszeitung über Boxen vor den Hauseingängen zu verteilen. Dies in der Hoffnung, Hausfrauen oder Autopendler würden sein Gratisblatt anderen Zeitungen vorziehen.
Wigdorovits Idee entpuppte sich allerdings als Fehleinschätzung. Er handelte sich Streit mit Hausverwaltungen ein und verärgerte Hausbesitzer. Auch die nachträgliche Briefkastenzustellung entpuppte sich als teurer Flop. Resultat: Es wurden zuwenig Leser erreicht. ".ch-Verwaltungsratspräsident Ernst Buob fasste an der Medienkonferenz am Dienstag das Debakel zusammen: "Man hat eine strategische Fehlbeurteilung gemacht, dann das Problem schöngeredet und verschlimmbessert -- und so für einen kräftigen Glaubwürdigkeitsverlust bei Kunden und Werbern gesorgt."
Konflikt zwischen Wigdorovits und Thoma
Das falsche Vertriebskonzept und der daraus resultierende Glaubwürdigkeitsverlust bei Werbetreibenden war aber nicht das einzige Problem beim Gratisblatt. Entsprechende Recherchen von persoenlich.com zeigen, dass es im Führungsteam von ".ch von Beginn an nie so richtig harmonierte. Konflikte zwischen Wigdorovits und Geschäftsführerin Caroline Thoma spalteten den Verlag und die Redaktion. Wie ein Redaktionsmitglied gegenüber "persoenlich.com" sagt, herrschte angeblich seit Monaten ein "mieses und unterkühltes Arbeitsklima".
Verwaltungsratspräsident Ernst Buob bestätigt gegenüber der "Basler Zeitung", dass zwischen Wigdorovits und Thoma eine konfliktreiche Konstellation bestand. "Beide waren für die operative Führung verantwortlich -- das führte zu Unklarheiten", so Buob, der noch anfügt, er selbst hätte niemals eine solche Struktur geschaffen.
Wie freiwillig war der Rücktritt?
Auch an der Medienkonferenz, an der die Verantwortlichen von ".ch" über die Neuausrichtung informierten, will die Presse "unterschwellige Vorwürfe" des Verwaltungsrates an die Adresse Wigdorovits gehört haben. So wird derzeit in der Branche spekuliert, wie freiwillig Wigdorovits Rücktritt aus dem Verwaltungsrat tatsächlich war.
Obwohl alle beteiligten Seiten davon sprechen, Wigdorovits sei aus freien Stücken zurückgetreten, deutet einiges auf ein grosses Zerwürfnis hin. Laut einem ".ch-Mitarbeiter ist Wigdorovits dermassen in Frage gestellt worden, dass Mitglieder der Chefredaktion und der Verlagsleitung das Gespräch mit ihm sogar verweigert haben sollen. Der Frust über die Fehlentwicklung sass dermassen tief.
Dass das Vertrauen in den ".ch"-Vater schwand, zeichnete sich bereits im Frühsommer ab. Laut "Tages-Anzeiger" soll damals ein Ausschuss zur Planung der Zukunft von ".ch gebildet worden sein. Der Verwaltungsrat und Investoren wie Eugen Russ und Michael Grabner sollen an einem Rettungskonzept gearbeitet haben. Dies allerdings geheim und ohne Wigdorovits. Auf Anfrage von "persoenlich.com" dementiert dies Ernst Buob: "Wigdorovits nahm an allen Taskforce-Sitzungen teil." Buob wollte am Telefon allerdings nicht weiter ins Detail gehen.
Für PR wurde Jürg Wildberger geholt
Dass das Verhältnis zu Wigdorovits gestört ist, lässt sich ansatzweise auch an der Medienarbeit am Dienstag ableiten. Der charismatische PR-Experte war nämlich an den Kommunikationsmassnahmen nicht beteiligt, als ".ch" die Presse über die Neuausrichtung informierte. Für einmal war nicht wie gewohnt Wigdorovits für die PR-Belange verantwortlich, sondern Jürg Wildberger.
Im Vorfeld vereinbarte der ehemalige "Weltwoche"-Chefredaktor mit ausgesuchten Medien exklusive Interviews mit der ".ch" Führung, konkret mit Caroline Thoma. Bereits am Freitag wussten ausgewählte Journalisten über den Weggang von Wigdorovits. Die Sperrfrist terminierte Wildberger auf Dienstag 15.00 Uhr, also kurz nach der geplanten Medienkonferenz um 14.00 Uhr. Die Medienmitteilung wurde dann aber einige Stunden früher -- nämlich bereits um 7.00 Uhr -- publiziert. Ob man wohl befürchtete, dass Wigdorovits mit den Medien vor der Pressekonferenz reden würde?
Ein öffentlicher Eklat blieb aus. Die Parteien fanden eine gemeinsame Sprachregelung und gaben sich in Interviews verbunden. Zerwürfnis oder nicht: Wigdorovits stand vermutlich unter starkem Druck der Investoren. Immerhin war er der Architekt des gescheiterten Zeitungskonzepts. Um die Glaubwürdigkeit der Werbewirtschaft zurück zu gewinnen, war wohl ein so genanntes Bauernopfer nötig. Immerhin will man bei ".ch" jetzt erst recht hoch hinaus. Man will die zweitgrösste Pendlerzeitung im Land werden.
(Text: Christian Lüscher)

