12.10.2008

"Wenn schon gratis, dann nur im Internet in der Verlängerung der eingeführten Marken."

Der Verlagsbranche stehen harte Zeiten bevor. Doch ein Trost bleibt: Die deutschen Kollegen haben es auch nicht besser. Seit vier Jahren ist Dietmar Wolff Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) mit Sitz in Berlin. Dem Verband gehören elf Landesverbände mit 301 Tageszeitungen und 14 Wochenzeitungen an. Der "deutsche Kellermüller" über Anzeigenrückgang, Gratiszeitungen und staatliche Restriktionen. Das Interview:
"Wenn schon gratis, dann nur im Internet in der Verlängerung der eingeführten Marken."

Herr Wolff, das vergangene Jahr war für die deutsche Presse ein eher schlechtes Jahr. Was waren die Gründe?

Das Geschäftsjahr 2007 brachte der Zeitungsbranche in Deutschland Stabilität, mehr aber auch nicht. Die Umsätze sind um 0,5 Prozent gestiegen. Das bedeutet ein Plus von rund 44 Millionen Euro. Dieses Resultat veranlasst nicht zu Freudensprüngen, vor allem nicht im Hinblick auf die Herausforderungen, vor denen die Verlage stehen.

Kann man diesen Trend mit dem Ausland vergleichen?

In vielen europäischen Ländern treffen die Zeitungen derzeit auf einen schwierigen Markt, sowohl bei der Werbung als auch bei den Lesern. In Frankreich zum Beispiel müssen die nationalen Titel kämpfen, um nicht noch weiter abzurutschen - hier denkt sogar die Regierung über Hilfsmassnahmen nach. Den regionalen Zeitungen geht es dagegen vergleichsweise gut. In England wiederum bekommen die bislang wirtschaftlich starken Regionalblätter plötzlich die Konjunkturdelle voll zu spüren. Wir müssen den Zeitungsmarkt daher sehr differenziert betrachten und vorsichtig mit Trendaussagen umgehen.

Sind die Einbrüche konjunkturell erklärbar, oder handelt es sich um den berühmten Strukturwandel'

Beides trifft zu. Der Werbemarkt springt nur bei einem ordentlichen Binnenmarkt an. Die verbesserten Wirtschaftsdaten der vergangenen drei Jahre resultierten in Deutschland jedoch massgeblich aus dem guten Exportgeschäft. Die Binnennachfrage verblieb dagegen auf einem schwächeren Niveau. Das haben die werbefinanzierten Medien, nicht nur die Zeitungen, auf der Einnahmeseite zu spüren bekommen. Hinzu kommen die fortschreitende Digitalisierung und das Internet, die enorme strukturelle Veränderungen in der Medienlandschaft mit sich bringen. Die Verlage investieren in die neue Strukturen, die zum grossen Teil jedoch noch keine ausreichende Geschäftsmodelle bieten.

Während es in der Schweiz Gratiszeitungen gibt, wurden diese in Deutschland von Grossverlagen, namentlich Springer, bislang verhindert. Gleichzeitig setzen diese aufs Internet.

Deutschland ist der weisse Fleck auf der globalen Landkarte der Gratsizeitungen. An diese Situation wird sich absehbar auch nichts ändern. Die Verlagshäuser konzentrieren sich auf ihr Kerngeschäft, die bezahlte Qualitätszeitung. Wenn schon gratis, dann nur im Internet in der Verlängerung der eingeführten Marken.

Ihr Verband muss sich an verschiedenen Fronten gegen die Bevorzugung der öffentlich-rechtlichen Institution durchsetzen. Haben Sie das Gefühl, dass die freie Presse immer mehr vom Staat bedroht wird?

Auf jeden Fall. Die Entwicklung gehen sehr rasch. Unser Branche trifft auf eine neue Wettbewerbskonstellation. Dabei besteht die Gefahr, dass die Politik unsere Branche aus dem Blick verliert und gleichzeitig andere Mitspielern auf dem Markt nach vorne verhilft. Das gilt nicht nur für die Deutsche Post, sondern auch für den öffentlichen-rechtlichen Rundkunk.

Und auch das Internet spielt eine wichtige Rolle.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunkt geht verständlicherweise auch ins Internet, was wir im Grunde befürworten. Das gilt aber nicht, wenn die Sender nunmehr mit Gebührengeldern auch textbasierte Teile des Internet massiv ausbauen und presseähnliche Inhalte anbieten. Dies führt zu einer Wettbewerbsverzerrung.

Können Sie sich in dieser Hinsicht durchsetzen?

Wir müssen leider erkennen, dass wir auf dem nationalen Parkett nicht hinreichend gehört wurden. Unsere Politik hat ein reges Interesse am öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schützt ihn entsprechend, sodass uns nur noch der Weg nach Brüssel blieb. Die Generaldirektion Wettbewerb der Europäischen Union hat erkannt, dass durch die Rundfunkfinanzierung eine Beihilfe geleistet wird, die unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht zulässig ist. Dies muss der deutsche Gesetzgeber nun korrigieren.

Nun sollen in Deutschland auch die Internetsteuer und die Unternetkonzession eingeführt werden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Es ist in der Tat nicht einfach, die rasche entwicklung medienpolitisch unter Kontrolle zu bringen. Steuern und Lizenzen sind allerdings keine Instrumente, die das Internet schmücken könnten. Sie werden sich nach meiner Einschätzung nicht durchsetzen.

Inwiefern profitieren die Verlage im Internet?

Sie können Inhalte crossmedial vermarkten und ihre Reichweite steigern.

In grossen Teilen der Schweiz und auch anderswo ist die Zigarretten- und Alkoholwerbung verboten worden. Nach Plänen der EU soll bald auch die Automobilwerbung von Einschränkungen betroffen sein. Kann man sich gegen diesen Zeitgeist überhaupt wehren, oder ist man zu diesen Restriktionen verdammt?

Zeitgeist? Ist es Zeitgeist, den Bürger an die Hand zu nehmen und zu gängeln wie ein unmündiges Kind? Gegen solchen Zeitgeist lohnt es sich allemal zu kämpfen. Wir können beobachten, dass sich Brüssel immer mehr verbiegt - leider auch mit Hilfe des Europäischen Gerichtshofes. Beim Verbot der Tabakwerbung wurde der Binnenmarkt als Argument vorgeschoben, um eine bestimmte Gesundheitspolitik ohne eigentliche Zuständigkeit durchzudrücken. Nach der Gesundheitspolitik kommt jetzt die Lifestylepolitik, mit der Folge, dass nun auch die Automobilwerbung ins Visier genommen wird. Diese Phase wurde soeben von der EU eingeläutet, mit der Absicht, dem Bürger vorzuschreiben, von welchen Produkten er die Finger lassen und wie er leben soll. Im Bereich Automobilwerbung hat das Europäische Parlament in einem Bericht vorgeschlagen, 20 Prozent der Werbefläche einer Printwerbung für gut sichtbare Hinweise über die Umweltverträglichkeit der Automobile freizuhalten. Déjà vu!

(Interview: Matthias Ackeret)

--> Das vollständige Interview ist in der Oktober-Ausgabe von "persönlich rot" zu finden.


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