26.07.2016

Krisenkommunikation

Wie die Schweizer Behörden im Notfall agieren

Am Wochenende des Amoklaufs in München kommunizierte die deutsche Polizei auch via Twitter mit der Bevölkerung. persoenlich.com wollte wissen, wie hierzulande in einer ähnlichen Situation informiert würde.
Krisenkommunikation: Wie die Schweizer Behörden im Notfall agieren
Hilfreich, aber funktioniert noch nicht einwandfrei: Katwarn-Applikation, welche in München benutzt wird. (Bild: Keystone)
von Claudia Maag

Beim Amoklauf in München überzeugte die Polizei durch schnelle und direkte Kommunikation mit der Bevölkerung. Die Polizei München hatte mithilfe von sozialen Medien, SMS und der Applikation Katwarn die Bevölkerung in Echtzeit darüber informiert, wie sie sich zu verhalten habe.

Wären hiesige Kommunikationsstellen der Polizei und von Schutz und Rettung für eine solche Situation gewappnet? Die Kantonspolizei Zürich (Kapo ZH) verfügt über ein Notfallkonzept, in dem auch die sozialen Medien integriert sind, wie Mediensprecherin Cornelia Schuoler auf Anfrage von persoenlich.com sagt. Die Kapo ZH ist seit 2011 auf Facebook aktiv, ebenso auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Auf letzterem wird jedoch die Mitteilungsfreudigkeit vergebens gesucht: Es besteht kein einziger Eintrag.

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Immerhin gibt es die Applikation «Kapo ZH» für iPhone und Android, die über das Geschehen im Kanton Zürich informiert.

«Wir bereiten uns vor und nehmen regelmässig an Übungen von Grossereignissen teil», sagt Schuoler. Zu den aktuellen Ereignissen will sie sich nicht äussern. Doch die Schweizer Polizei-Kommunikationsstellen seien vernetzt. Im Rahmen der Schweizerischen Konferenz der Medienbeauftragten der Schweizer Polizeikorps (SKMP) finde ein regelmässiger Erfahrungsaustausch statt, so Schuoler.

Bei Grossanlässen, beispielsweise der Streetparade, informiert meist die Polizei zuerst, unter anderem über Social Media. Aber auch Schutz und Rettung Zürich wendet sich punktuell an die Bevölkerung. «Wir informieren, wenn es um Rettungsmassnahmen geht», sagt Urs Eberle von Schutz und Rettung Zürich. Der Bereichsleiter Kommunikation und Marketing sagt, dies wäre beispielsweise bei einem sehr grossen Feuer der Fall. In solchen Fällen hätten sie auch schon getwittert. Schutz und Rettung Zürich ist seit 2011 auf Twitter aktiv, auf Facebook seit drei Jahren. 

Kehrseite der Smartphone-Reporter

Bei der Schiesserei vom vergangenen Freitag bat die Polizei München auf Twitter mehrfach, keine Fotos vom Polizeieinsatz zu veröffentlichen.

Auch die Kantonspolizei Zürich hat oft mit Leserreporter-Bildern zu tun, auch mit solchen, die Einsätze zeigen. «Es ist nicht verboten, den Teil der Polizeiarbeit, der sich in der Öffentlichkeit abspielt, abzubilden. Natürlich gibt es noch den ethischen und moralischen Aspekt bei der Veröffentlichung von Opfer-Fotos.»

Etwas weniger gelassen sieht das Eberle von Schutz und Rettung Zürich. «Nehmen wir an, wir können nicht zu einem Verletzten gelangen und hecken mit der Polizei etwas aus, damit wir zu ihm kommen können. Wenn das jemand filmt und online stellt, sieht der Täter das auch und kann eingreifen.»

Zu einem ähnlichen Schluss kam Roland Portmann, Leiter Kommunkation bei Schutz und Rettung Zürich, in seiner Masterarbeit (persoenlich.com berichtete). Portmann beschäftigte sich darin mit den Schattenseiten der Smartphone-Reporter. Das Fazit der Arbeit: Hinweise von Leserreportern setzen Kommunikationsmitarbeiter unter Zeitdruck; manchmal gefährden sie sogar taktische Handlungen von Einsatzkräften.

Dass Leserbilder den Zeitdruck stark erhöhen, bestätigt Eberle, Portmanns Vorgesetzer. Täglich um halb sechs morgens bekomme er einen Anruf irgendeines Radios oder einer Redaktion. «Wir haben ein Handybildchen bekommen. Ist da was los?» werde er gefragt. Er sei dann noch nicht informiert und müsse erst der Einsatzzentrale telefonieren. «Wenn ich am Unfallort eintreffe, sind die Medien oft schon vor Ort, haben Bilder gemacht und mit Personen gesprochen. Ich muss dann quasi rasch aufholen und allfällige Suggestivfragen vorsichtig beantworten.»

Sorgloser Umgang mit Bildern

Eberle findet, dass die Leute heute sorgloser mit Bildern umgehen: «Unsere Mitarbeitenden werden häufig bei der Rettung und Versorgung von Patienten fotografiert oder gefilmt – das ist oft pietätlos. Heute hat jeder ein Handy mit Kamera. Etwas passiert – dann halte ich mal die Kamera drauf.»

Die Medien würden dieses Verhalten teilweise fördern: «Sie küren das beste Leserfoto oder der Leser kann durch das Einsenden Geld verdienen.» Schutz und Rettung Zürich könne jeweils nur hoffen, dass die Medien solche zugespielten Bilder nicht veröffentlichten.

Smartphone-Warnsysteme noch unzuverlässig

Auch das Bundesamt für Polizei (fedpol) schätzt den Kommunikationskanal Twitter. «Man muss in solchen Situationen alle bestehenden Informationskanäle nutzen», sagte fedpol-Sprecherin Cathy Maret am Dienstag der Nachrichtenagentur sda. Um die Bevölkerung noch gezielter zu informieren, prüft das fedpol derzeit die Einführung eines App-Warnsystems. Die Abklärungen dazu laufen noch.

Eine weitere Möglichkeit ist die Teilnahme am Warnsystem «Alertswiss», das derzeit vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) entwickelt wird. Die Anwendung soll ab 2018 flächendeckend eingeführt werden, wie BABS-Sprecher Kurt Münger am Montag auf Anfrage der sda mitteilte.

Ein solches Smartphone-Warnsystem kam in München ebenfalls zum Einsatz. Die Behörden forderten die Bürger am Freitagabend über «Katwarn» (Katastrophenwarnsystem) auf, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Allerdings war das System während der Schiesserei völlig überlastet.

Beim Terroranschlag in Nizza war eine extra für solche Fälle entwickelte Warn-App ebenfalls keine grosse Hilfe. Die Anwendung mit dem Namen SAIP schlug erst mit mehr als drei Stunden Verspätung Alarm. (clm/sda)



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Kommentare

  • Robert Weingart, 26.07.2016 18:36 Uhr
    Erwartet nicht Zuviel. Ich kenne in der Schweiz eine Kapo, die erst am Montag Ereignisse vom Samstag vermeldet. Solange die Pressearbeit ein solches Schattendasein fristet, darf man nicht mit Zuviel rechnen.

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