14.08.2020

Weltwoche

«Wir gehen zurück zu den Ursprungswurzeln»

Die Weltwoche ist am Donnerstag mit einem neuen Design und diversen konzeptionellen Änderungen erschienen. Unter anderem wurde der Kulturteil massiv erweitert. Verleger und Chefredaktor Roger Köppel spricht über Bildungsschätze, brillante Texte und Wikinger Hägar.
Weltwoche: «Wir gehen zurück zu den Ursprungswurzeln»
«Wir sind ja bekannt und auch etwas berüchtigt dafür, Gegensteuer zu geben», so Roger Köppel, Verleger und Chefredaktor der Weltwoche. (Bild: Keystone/Gaëtan Bally)
von Matthias Ackeret

Herr Köppel, Sie schreiben im Editorial, dass Corona nicht nur die Welt, sondern auch die Weltwoche verändert hat. War die Pandemie der Grund für das neue Design?
Vielleicht. Wir haben uns überlegt, wie wir dieser düsteren Pandemiewalze etwas Positives, Lebensbejahendes entgegensetzen können. Seit Monaten versuchen wir, journalistische Fluchtwege aus der Tristesse der Lockdowns und Covid-Schlagzeilen aufzuspüren. Diese Bemühungen und Überlegungen mündeten alle irgendwie in dieses Redesign.

Was gab genau den Ausschlag, jetzt diesen Relaunch durchzuführen?
Das Gefühl, dass es an der Zeit ist, mit der Weltwoche gerade jetzt, da so vieles darniederliegt, voll durchzustarten, den Leserinnen und Lesern etwas zu bieten. Wir sind ja bekannt und auch etwas berüchtigt dafür, Gegensteuer zu geben.

«Wir möchten wieder die Künstler und ihre Werke ins Zentrum stellen»

Sie fokussieren sich mehr auf Literatur und Kunst (persoenlich.com berichtete). Was erhoffen Sie sich dadurch?
Ohne Literatur und Kunst ist doch diese verrückte Gegenwart überhaupt nicht mehr auszuhalten. Wir bauen das massiv aus und gehen gewissermassen zurück zu den Ursprungswurzeln der Weltwoche, die aus dem Geist des Feuilletons heraus erfunden und gemacht wurde. Wir möchten wieder die Künstler und ihre Werke ins Zentrum stellen, die Faszinationskraft der Kultur freilegen, die Freude daran wecken und ja, vielleicht auch ein bisschen verschüttete Bildungsschätze heben.

Nun ist Literatur und Kunst eher «linkes Terrain». Könnte es da nicht Akzeptanzprobleme geben?
Substanz setzt sich durch. Die Leute lechzen danach. Es liegt alles in unserer Hand. Wir müssen die Skeptiker durch die Qualität unserer Arbeit überzeugen, ja begeistern. Deshalb bin ich froh, dass Daniel Weber als Herausgeber von Literatur und Kunst zu uns stösst. Daniel ist eine ganz ausgewiesene Persönlichkeit, promovierter Germanist aus der Schule von Prof. Peter von Matt, begnadeter Filmkritiker, dann 20 Jahre lang erfolgreicher Chefredaktor des NZZ Folio.

«Es muss einfach brillant geschrieben sein»

Verstehen Sie den Ausbau des Kulturteils auch als «Kampfansage» an die klassischen Tageszeitungen wie NZZ oder Tages-Anzeiger?
Überhaupt nicht. Alle Journalisten und Journalistinnen der NZZ, des Tages-Anzeigers und der anderen Verlage sind herzlich eingeladen, bei uns zu schreiben. Mein Ziel ist es, die Intelligenz möglichst vieler Leserinnen und Leser anzusprechen mit dem vielstimmigsten und interessantesten Chor an Autorinnen und Autoren, egal welcher Gesinnung oder Haarfarbe. Es muss einfach brillant geschrieben sein.

Bemerkenswert ist Ihre Bemerkung im Editorial, wonach möglicherweise der Eindruck entstanden sei, die Weltwoche sei «vielleicht zu sehr eingeschliffen in den tagespolitischen Fronten». Ist dies eine subtile Selbstkritik oder anders gefragt, beeinflusst Ihr politisches Engagement auch die Wahrnehmung der Zeitungen?
Klar, der Doppelritt auf den beiden Tigern Journalismus und Politik hat seine Risiken und Schwierigkeiten. Diese Zweifachrolle ist ungewohnt und anspruchsvoll, aber es ist heute halt nötig, weil sich leider zu wenig Leute, die den Puck sehen, für die Unabhängigkeit der Schweiz einsetzen. Die Weltwoche aber ist viel mehr als Politik und definitiv viel, viel mehr als Roger Köppel.

Die «neue» Weltwoche kommt bezüglich Design, Papier und Gestaltung völlig anders daher. Was ist das Ziel dieser Veränderung?
Mehr Eleganz, mehr Übersicht, mehr Eigenständigkeit. Die Weltwoche hat ja einen ziemlich wilden Mix von Themen, neuerdings sind auch Cartoons und Witzzeichnungen drin, damit man schon beim Durchblättern gute Laune bekommt. Diese anarchische Vielfalt müssen Sie irgendwie bändigen, und zwar so, dass es zu einem Schweizer Zeitungsklassiker mit grosser Tradition passt. Art Director Daniel Eggspühler hat dieses Kunststück meines Erachtens bravourös gemeistert.

Die Weltwoche ist wieder zeitungslastiger. Haben Sie sich auch mal überlegt, die Weltwoche auch als klassische Zeitung herauszugeben?
Interessant. Ich erlebe die Weltwoche jetzt viel «magaziniger».

Wieviel kostet dieser Relaunch?
Wir klotzen nicht. Ich würde von einem subtilen chirurgischen Mitteleinsatz sprechen.

Wie sind die ersten Reaktionen?
Euphorisch.

«In den letzten sechs Monaten haben wir die besten Weltwoche-Ausgaben gemacht»

Wie erleben Sie als Verleger selber die Coronakrise? Haben Sie grosse Werbeeinbüche?
Anzeigentechnisch ist es fürchterlich, lesermarktmässig erfreulich, journalistisch beflügelnd. Ich würde sagen, in den letzten sechs Monaten haben wir die besten Weltwoche-Ausgaben gemacht, seit ich hier an Bord bin. Dieses allgemeine mediale Deprotainment scheint meine Redaktion regelrecht angespornt zu haben.

Sie wollen sich verstärkt auf Corporate Publishing fokussieren. Beisst sich dies nicht mit der DNA der klassischen Weltwoche?
Nein, das sind ja allgemein verbreitete Geschäftsmodelle bei allen grösseren Verlagen. Wir sind da eher auf kleiner Flamme unterwegs. Unser Vorteil ist, dass wir mit Florian Schwab einen exzellenten HSG-Ökonomen und liberalen Wirtschaftsjournalisten haben als glaubwürdigen Partner für unsere Kunden.

Welche Neuerung in der Weltwoche freut Sie am meisten?
Die Wiedererweckung des Kultklassikers «Hägar, der Schreckliche» auf der Leserbriefseite ist mein privates Highlight. Verlegerisch bin ich begeistert, dass wir endlich die richtige Form gefunden haben für «Weltwoche Leader». Da wollen wir uns alle zwei Monate schwerpunktmässig mit Fragen der Führungslehre, der Leadership befassen, und zwar in grösstmöglicher Breite: Leadership in der Familie, an der Hochschule, in der Kinderkrippe, in Unternehmen, Verwaltungen, Orchestern, Rockbands, bei den Panzergrenadieren oder bei der Heilsarmee. Leadership in allen Lebenslagen. In der aktuellen Ausgabe starten wir mit einem grossen Interview-Dossier über den Tech-Unternehmer Peter Thiel, der es vom Philosophiestudenten zum Multimilliardär gebracht hat. Da ich auch mal Philosophie studiert habe, sehe ich also, dass es noch durchaus Raum nach oben gibt.



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Kommentare

  • Kasimir Knapp, 18.08.2020 14:09 Uhr
    "Ursprungswurzeln"... Redundanz auf ein einziges Wort zu verdichten, gelingt sicher nur Menschen, die den Anspruch haben, "brillante Texte" zu liefern. Da kann man wirklich nur ganz, ganz viel Erfolg wünschen und dazu einen Strauss Stilblüten überreichen.
  • Claude Bürki, 14.08.2020 14:30 Uhr
    Die «neue» Weltwoche kommt bezüglich Design, Papier und Gestaltung völlig anders daher... Stimmt nicht, es ist ein eher sanftes typografisches Redesign, bei dem mehr Weissflächen (z.B. in der Schulterhöhe) eingefügt worden sind. Viele Lesende werden gar nicht merken, dass da etwas herumgeschräubelt worden ist. Am Inhalt jedoch schon, mit Neuausrichtung in Sachen Kultur.
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