27.03.2018

Tamedia

«Wir monetarisieren die Facebook-Reichweite»

Tamedia postet künftig Native-Ads auch über die Facebook- und Instagram-Konten von «20 Minuten», «Magazin» oder «Annabelle». Mike Herter, Leiter des neuen tSocial-Teams, glaubt nicht, dass das der Glaubwürdigkeit schadet.
Tamedia: «Wir monetarisieren die Facebook-Reichweite»
«Wir wollen den Jenga-Turm nicht zum Einstürzen bringen»: Mike Herter ist Head of Innovation, Social Media Advertising & Strategic Projects bei Tamedia. (Bild: zVg.)

Herr Herter*, was kostet es ein Unternehmen, wenn «20 Minuten» einen Werbepost auf Facebook veröffentlicht oder einen Repost vornimmt?
Wenn der Werbekunde «20 Minuten» als einzelne Medienmarke bucht, bezahlt er für einen Werbepost oder einen Repost einen Fixpreis von 3500 Franken. Der Werbekunde kann auch eines der beiden Reichweiten-Pakete buchen, bei denen alle Tamedia-Medienmarken enthalten sind, und bezahlt bei einer garantierten Reichweite ab 50’000 Nutzern mindestens 1500 Franken pro Werbepost oder Repost. 

Die Tamedia-Titel erreichen auf Facebook insgesamt rund drei Millionen Nutzerinnen und Nutzer. Was ist diese Reichweite Wert?
Die drei Millionen Nutzer stellen die Fanbasis der Medienmarken von Tamedia dar. Gekoppelt mit der Interaktion wird die Reichweite generiert. Die Medienmarken können so regelmässig mehr als drei Millionen Nutzer pro Woche erreichen.

«Das Ganze hat was von Pi mal Daumen»

Aber zu Ihrer Frage: Es kommt darauf an, was Sie mit Wert meinen. Was der momentane Umsatz-relevante Wert ist, müsste ich ausrechnen, indem ich zunächst mal den Facebook-Referral-Traffic sämtlicher Medientitel zusammentrage und dann diesen Traffic mit einem durchschnittlichen cost per mille multipliziere – hierbei unter der Berücksichtigung der durchschnittlichen Auslastung an Ad Impressions. Sie sehen; das Ganze hat was von Pi mal Daumen. Darum wollen wir unserer Facebook-Reichweite nun einen konkreten Wert geben, indem wir diese mit Content-Marketing-Angeboten monetarisieren. Wir haben unseren Werbekunden bisher zu wenig Möglichkeiten auf unseren sozialen Kanälen angeboten.

Die Social-Media-Abteilungen haben diese Reichweite über Jahre mühsam aufgebaut, und nun werden sie für Content-Marketing genutzt. Die Freude darüber wird sich wohl in Grenzen halten. Welche Reaktionen haben Sie erhalten?
Es stimmt, dass die Social Media Manager sämtlicher Medienmarken sehr viel Ressourcen in den Aufbau der Reichweite und dem Unterhalt der Community investieren. Aber es ist nicht so, dass wir diesen Jenga-Turm jetzt mit dem unbedachten Einfügen eines weiteren Teils zum Einsturz bringen. Vielmehr stellen ästhetisch oder humoristisch umgesetzte Werbeposts eine Ergänzung im Content-Mix einer Facebook-Fanpage dar. Aber es ist schon so: Die Social Media Manager reagierten eher verhalten. Die Sales waren sofort Feuer und Flamme.

Eine wichtige Rolle spielt das Vertrauen der Nutzer in die Quelle. Drohen Sie das nicht zu verspielen mit solchen Werbeposts?
Überhaupt nicht. Wir sind an möglichst plattformgerecht aufbereitetem Content von und für Werbekunden interessiert. Wir wollen Content, der aufgrund seiner Machart oder Botschaft organisch so viele Nutzer wie möglich erreicht. Konkret: Wenn ein Werbepost tausendfach geliked, kommentiert oder geteilt wird und so organisch hunderttausende Nutzer erreicht, dann ist das nicht nur ein Kompliment an diejenigen, die den Content erstellt haben, sondern auch ein grosser Vertrauensbeweis an und für die Medienmarke.

Wie werden solche Posts und Reposts auf Facebook und Instagram gekennzeichnet?
Facebook erkennt auf Basis der manuell vorzunehmenden Markierung mit dem entsprechenden Werbekunden, dass es sich um einen vom Kunden bezahlten Inhalt handelt. Der Post wird automatisch gleich neben der Distributionszeit als «bezahlt» gekennzeichnet. Dem Nutzer wird dies also transparent gemacht. Auf Instagram sind diese Kooperationen analog gekennzeichnet.

«Das Teilen eines Posts ist der Superlativ in der Community»

Haben Sie eine Obergrenze für tägliche oder wöchentliche Werbeposts auf den Kanälen definiert?
Wir begrenzen die Anzahl der Werbeposts auf maximal drei pro Woche und Medienmarke.

Wer hat die Obhut über die Kanäle – die Social-Media- Abteilungen oder tSocial?
Redaktion und tSocial arbeiten rein organisatorisch nahe zusammen und sind bezüglich Distributionsplanung vollumfänglich synchronisiert. Die Felder sind klar abgesteckt: Die Redaktion veröffentlicht redaktionelle Inhalte, tSocial von Werbekunden bezahlte Inhalte – dies völlig unabhängig voneinander.

Nach Native Advertising in Print und online kommt nun Social Native in den sozialen Kanälen. Was macht einen guten Native Post aus?
Wie der Name schon impliziert, muss der Inhalt möglichst nahe an der Tonalität und am grundlegenden Charakter der Medienmarke sein. Nicht die Marke oder das Produkt des Werbekunden an sich stehen hierbei im Vordergrund, sondern ein bestimmtes Thema und die damit verbundene Botschaft des Werbekunden mit dem Ziel, möglichst viele Nutzer zu involvieren und sie zum «Liken», Kommentieren oder Teilen zu animieren. Das Teilen eines Posts ist der Superlativ in der Community, eine höhere Form des Lobs gibt es nicht. Genau das streben wir mit tSocial an.

«Facebook profitiert vom Content-Mix»

Wie viele Mitarbeiter hat Ihr Team und welches Profil haben diese?
Zum Kernteam gehören vier Key Account Manager, die die tSocial-Pakete gezielt im Werbemarkt verkaufen, sowie drei Social Media Commercial Manager, die für die Konzeption, Produktion, Distribution und Analyse der Werbeposts sowie den Aufbau und Unterhalt unserer themenspezifischen Verticals verantwortlich sind.

Erst kürzlich hat Facebook verkündet, Inhalte von Medien weniger prioritär anzuzeigen. Macht Ihnen das nicht einen Strich durch die Rechnung?
Nein, sie werden ja nicht nicht mehr, sondern einfach nicht mehr prioritär angezeigt. Die Medienmarken von Tamedia erreichen wöchentlich auch nach der Umstellung des Algorithmus immer noch Millionen von Nutzern auf Facebook und Instagram. Unsere Social-Media-Verantwortlichen reagieren jeweils rasch auf Veränderungen und passen ihre Content-Strategie nach Bedarf entsprechend an.

Die Schweizer Medienhäuser beklagen immer wieder, dass Facebook Ihnen Werbegelder streitig macht. Und nun unterstützt Tamedia den US-Konzern mit einem eigenen Produkt. Ist das nicht ein Widerspruch?
Im Gegenteil. Vielmehr gelingt es uns mit tSocial endlich, die hohe und damit attraktive Social-Media-Reichweite der Medienmarken von Tamedia für Werbekunden zur Verfügung zu stellen und dadurch Mehrumsatz zu generieren. Eigentlich ist tSocial eine Win-win-win-Situation für alle Beteiligten: Werbekunden haben einen zusätzlichen attraktiven Kanal für ihre Werbebotschaft im Umfeld der Medienmarken, Tamedia erwirtschaftet zusätzlichen Umsatz und Facebook profitiert vom Content-Mix.

 


 

*Mike Herter verantwortet neben dem Social Media Advertising von Tamedia Advertising auch die Innovationsentwicklung von «20 Minuten» und leitet strategische Projekte für den Unternehmensbereich «Werbung und Pendlermedien» unter Marcel Kohler.

Das Interview wurde schriftlich geführt.


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KOMMENTARE

Michael M. Maurantonio
29.03.2018 17:04 Uhr
Hier wird munter über Reichweite gesprochen, ohne Beweise, sprich unabhängige Beglaubigung zu liefern (Fakeaccounts, Multipleaccounts; NHT, IVT etc.). Wer heutzutage auf dieses Gesülze reinfällt, dem ist wirklich nicht zu helfen. Und, habe ich das richtig verstanden? 3 Posts pro Woche max? Ergo: Umsatz für zB 20min von max 4.5KCHF pro Woche?
Agnès Laube
28.03.2018 13:09 Uhr
Ja, das ist eine schöne Win-Win-Situation für tamedia und die Werbekunden sowie für Facebook. Wie blind muss man als tSocial(!)-Marketing-Mensch eigentlich sein, um die vierte Ebene – social – mit keinem Wort zu erwähnen: Die Leserinnen und -leser, die zunehmend genervt sind, überall getrackt und mit Werbung bombardiert zu werden. Ich glaube, dieses Denken ist ein Auslaufmodell.
Christoph Aebi
28.03.2018 12:35 Uhr
Wem nach dem PR-Gesülze von Herrn Herter noch nicht schwindlig oder gar schlecht geworden ist und sich noch ein etwas konkreteres Bild über Herrn Herter machen möchte, dem sei ein Blick auf seine - immer mal wieder wechselnden - Twitter-Accounts empfohlen, aktuell z.B. "Alex E. Supertramp" (@RettiwtMikeJohn), mit denen er verbal scharf auf alle schiesst (insbesondere aber @insidetamedia), die sich erlauben, die Vorgänge im Hause Tamedia kritisch zu betrachten.
Dieter Widmer
28.03.2018 07:26 Uhr
Da könnte sich Mike Herter und die ganze TA-Crew noch heftig täuschen: Wenn ich TA-Meldungen lesen will, lese ich eine der TA-Zeitungen oder mache mich auf TA online schlau. Sicher mag ich nicht TA-Meldungen auf Facebook lesen. Ich weiss ja nicht, ob diese getürkt sind. Facebook hat nicht nur für mich die Glaubwürdigkeit verloren. Leider sind die Social Media-Leute unverändert fasziniert und fixiert auf Facebook & Co - und merken nicht, wie die Leute Reklame und Firmennachrichten nerven. Ich sperre alles, was mir da angeboten wird.
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