16.09.2014

SRF 2 Kultur

"Wir sollten keine Oldie-Hits spielen"

Noch erreicht Radio SRF 2 Kultur weniger Hörer als das frühere DRS 2. Doch Programmleiterin Franziska Baetcke ist überzeugt, dass die Neupositionierung – weniger intellektueller Dünkel, dafür mehr News und auch Pop oder Funk – richtig war. Warum muss der vollständig öffentlich finanzierte Sender überhaupt auf Einschaltquoten schielen? Und tönt das "moderne Kulturradio" bald wie Radio SRF 3 oder wie ein Privatsender? Programmleiterin Franziska Baetcke über "Radio für Erwachsene", Hoch- vs. Populärkultur, Sparvorgaben und die zunehmende Konvergenz.
SRF 2 Kultur: "Wir sollten keine Oldie-Hits spielen"

Frau Baetcke, SRF 2 Kultur mache "Radio für Erwachsene", sagten Sie vor rund zwei Wochen an einer Medienorientierung. Tritt Ihr Sender nun Roger Schawinski ins Gärtchen?
Gärten sind ein wunderbares Thema für einen Kultursender (lacht). Nein, im Ernst: Radio SRF 2 Kultur ist der Sender für alle, die sich für Kultur in all ihren Facetten interessieren.

Doch es ist ein Fakt: Wenn Joe Cockers "You Can Leave Your Hat On" aus den Lautsprechern tönt, kann man bei Privaten, bei SRF 3 oder durchaus auf SRF 2 Kultur gelandet sein. Was war punkto Musikauswahl bisher der grösste Spagat, den Sie aushalten mussten?
Ich freue mich, dass nun neben Klassik und Jazz bei uns auch populäre Musik zu hören ist. Typisch SRF 2 Kultur ist, dass wir die Musik nicht nur spielen, sondern auch journalistisch begleiten. Das ist kein Spagat, weil der moderne, kulturinteressierte Mensch keinen Unterschied mehr macht zwischen Hochkultur und Populärkultur. An einem Abend geht man in die Oper, am nächsten ans Popkonzert. Diese Realität wollen wir abbilden.

Wo ist die Grenze erreicht?
Ich glaube, wir sollten keine Oldie-Hits spielen.

Ihr Programm wurde in den letzten 18 Monaten insbesondere am Morgen (mehr Kulturaktualität, mehr News) und am Vorabend (auch Pop, Worldmusic, Jazz, Blues und Funk) auf ein jüngeres Publikum ausgerichtet. Wenn Sie den Kulturbegriff so weit fassen: Was genau macht denn noch den Kern von SRF 2 Kultur aus?
SRF 2 Kultur richtet sich an ein breit kulturinteressiertes Publikum, das neugierig ist auf die ganze Welt der Kultur und sich im Entdeckermodus befindet. Wir bieten aktuelle Kulturberichterstattung und Hintergründe aus Gesellschaft, Religion, Wissenschaft, Musik, Kunst. 

Dass Ihre Strategie funktioniere, begründeten Sie kürzlich an einer Medienkonferenz anhand gesteigerter Hörerzahlen. Momentan seien es 320'000 Hörer. Hat also SRF 2 Kultur eine grössere Reichweite als das frühere DRS 2?
DRS 2 hat 370‘000 Hörer erreicht, allerdings mit deutlich sinkender Tendenz über die letzten zehn Jahre hinweg. Vom Relaunch wurden gewisse Hörer sicher überrascht - wie das bei Relaunchs häufig passiert. Mittlerweile können wir in den Tagesstrecken, die wir überarbeitet haben, also in der Primetime am Morgen (6-9 Uhr) und am Vorabend (16-18.30 Uhr) eine steigende Tendenz beobachten. Mit diesen Angeboten erreichen wir zunehmend auch jüngere Hörer. Aber eine Imagekorrektur braucht Zeit.

Ein vollständig öffentlich finanzierter Sender sollte doch ein Spartenprogramm anbieten. Warum richten Sie sich trotzdem den Einschaltquoten aus?
Ich habe keinen Druck, Quote zu machen. Aber wir wissen aus der Hörerforschung, dass ein Programm wie das von SRF 2 Kultur mehr Publikum erreichen kann, – weil es ein attraktives, relevantes Programm ist und weil Kultur alle etwas angeht. Die Forschung zeigt, dass das Publikumspotential für einen Kultursender deutlich grösser ist, als das bestehende Stammpublikum von DRS 2/SRF 2 Kultur.

Dieser Quotenfokus – oder "Publikumspotential" – wie Sie sagen, hat zur Folge, dass sich das Programm in der Primetime eher an Kurz-Einschalter, denn an Langstrecken-Hörer richtet. Wie kommen die Redaktionen mit dieser Umstellung zurecht?
Wir senden weiterhin auch halbstündige, stündige und sogar zweistündige Sendeformate. Sehr erfolgreich etwa, wenn ich an die "Diskothek" denke. Das ist ja quasi die Kultsendung von SRF 2 Kultur. Einmal im Monat setzen wir mit dem "Hörpunkt" sogar auf das überlange Format und ersetzen das Normalprogramm durch eine sechsstündige Spezialsendung zu einem ausgewählten Thema. Am 2. September z.B. sendeten wir live aus dem Stadtcafé in Sursee zum Thema "Mundart" – auf Mundart übrigens. Ein Riesenspass!

Sie lancierten kürzlich eine Werbekampagne Spots und einem Online-Quiz (persoenlich.com berichtete). Wie haben Ihre Mitarbeitenden intern reagiert?
Wir wären kein Medienhaus, wenn die Kampagne nicht kritisch beäugt würde (lacht). Aber ich erhielt sehr viele positive Reaktionen. Die Kollegen freuen sich, dass ihre Arbeit einem breiten Publikum bekannt gemacht wird.

Neu muss auch ein aufwändiger Onlineauftritt bewirtschaftet werden. Konnten dafür mehr Leute eingestellt werden?
Nein, die Kulturabteilung SRF hat heute insgesamt weder mehr Geld, noch mehr Personal zur Verfügung als vor dem Start der Kulturplattform. Die Kulturplattform haben wir durch eine Umlagerung von Geld und Personal gestemmt.

Hatten Sie für die Neupositionierung zusätzliches Budget zur Verfügung?
Zu Budgets für einzelne Projekte geben wir keine Auskunft.

Inwiefern müssen Sie Sparvorgaben einhalten?
Ich bin gehalten, wirtschaftlich mit den verfügbaren Mitteln umzugehen. Wie alle.

Sie kooperieren auch zunehmend mit mit TV-Redaktionen, wie aktuell beim Themen-Special zum Barock (persoenlich.com berichtete)
Ja, der Barock-Schwerpunkt, an dem die ganze Kulturabteilung mitarbeitet, ist ein schönes Beispiel für Konvergenz. Wir koordinieren unsere Themen besser, planen gemeinsame Schwerpunkte und erzeugen durch gezielte Hinweise auf die anderen Kanäle Mehrwert fürs Publikum. Zum anderen gibt es zunehmend Kollegen, die zwei oder sogar drei Vektoren können.

Sie selber haben 15 Jahre lang bei DRS 2 gearbeitet und nun verschwindet die charakteristische DRS-2-DNA, - dieser intellektuelle Dünkel mit ehrfürchtiger Bewunderung der Kunst – immer mehr. Gab es auch Augenblicke der Wehmut? 
Auch DRS 2 hatte mehr als Dünkelhaftigkeit und Ehrfurcht zu bieten (lacht). Nein, ich bin nicht wehmütig, ich schaue gerne nach vorne.

Interview: Edith Hollenstein, Bild: SRF, Oscar Alessio


Radio SRF 2 Kultur ist Teil der Kulturabteilung des Schweizer Radio und Fernsehens mit rund 360 Mitarbeitenden. Die Abteilung ist zum grossen Teil in Basel stationiert. Ende 2018 bezieht sie den neuen Standort direkt am Bahnhof von Basel.

Franziska Baetcke ist 1996 als Stagiaire in der Kulturredaktion von DRS 2 eingestiegen, seither ist sie in verschiedenen Funktionen bei DRS/SRF tätig – heute als Programmchefin von Radio SRF 2 Kultur. (eh)

 

 

 

 

 



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