16.08.2007

"Wir stehen noch lange nicht da, wo ich sein möchte"

Nach der Einstellung von Facts ist Das Magazin eine der wenigen verbliebenen Wochenzeitschriften der Tamedia. Wird das schlanke Blatt, das drei Tageszeitungen beigelegt wird und über 650'000 Leser zählt, nun ausgebaut? "Wir diskutieren immer wieder, ob Das Magazin grösser und dicker werden soll", erklärt Finn Canonica, seit April Chefredaktor im Interview mit "persoenlich.com". Unmittelbaren Handlungsbedarf sieht er aber nicht.
"Wir stehen noch lange nicht da, wo ich sein möchte"

Herr Canonica, Sie sind nun seit April Chefredaktor des Magazins. Entspricht das Heft bereits Ihren Vorstellungen?

Besser werden kann man immer, auch wenn es nicht einfach ist, der Nachfolger von Res Strehle zu sein. Wir haben schon zuvor sehr eng zusammengearbeitet, er als Chefredaktor und ich als Blattmacher. Dennoch glaube ich, dass ich Das Magazin ein wenig in eine andere Richtung gedreht habe. Auch weil ich über ein anderes Temperament verfüge als mein Vorgänger. Aber wir stehen noch lange nicht da, wo ich sein möchte. Unsere Redaktion hat noch vieles vor.

Worin unterscheidet sich Ihre publizistische Ausrichtung von jener Ihres Vorgängers?

Ich mag eher Geschichten, in denen nach vorne geschaut wird. Der “New Yorker” hatte mal die Tagline “Stories from the near Future“. Das umschreibt es ziemlich gut. Weniger mag ich rückwärtsgewandte Geschichten. Ich will wissen, was die Menschen jetzt und heute beschäftigt und über was man in einem halben Jahr reden wird, welche Ideen die unmittelbare Zukunft gestalten werden.

Wo muss Das Magazin besser werden?

Das Heft lebt unter anderem von der Differenz zwischen den leichten, unterhaltenden und schön geschriebenen Lesestoffen, und den anspruchsvolleren, aufwändig recherchierten Geschichten. Vor allem bei den letzteren müssen wir noch zulegen.

Inhaltlich erweckt Das Magazin derzeit den Eindruck, als wolle man den Lesern auf keinen Fall den Brunch am Wochenende vermiesen. Wählen Sie bewusst leicht bekömmliche und lifestyle-lastige Geschichten?

Ich teile Ihren Eindruck nicht. Es ist lustig, in der Schweizer Publizistik scheint alles, was nicht rein parteipolitischer Journalismus ist, Lifestyle zu sein. Wir hatten in den vergangenen drei Monaten einige Geschichten im Heft, die sehr politisch waren. Politisch ist ein Text ja nicht nur, wenn das Wort SVP darin vorkommt. Ich denke da an Martin Beglingers Artikel über die Import-Ehen, Rico Czerwinskis Text über Jugendgewalt, Alice Schwarzers Anti-Porno-Essay, Daniel Binswangers Frankreich- und England-Reportagen, oder auch den jüngsten Text von Ayaan Ali Hirsi. Auch sind Texte über Erziehung, Familie und Gesundheitsthemen im Grunde politische Texte. Das Magazin muss auf beiden Säulen stehen. Konstant ein Gleichgewicht zwischen leichten und schweren Stoffen beizubehalten, das ist die grosse Herausforderung.

Wann ist Das Magazin ein gutes Magazin?

Das Magazin muss ein Heft sein, das man über die ganze Woche hinweg behält. Ich glaube, die meisten Leute entsorgen die Sonntagszeitungen am Sonntagabend. Dem Magazin sollte das nicht passieren, wir müssen in die Ferien mitgenommen werden.

Wie gross die Halbwertszeit des Magazins ist, wissen sie nicht. Woran messen Sie, ob eine Nummer gelungen ist?

Es ist richtig, wir können nicht direkt ausmachen, welche Ausgaben bei der Leserschaft ankommen. Wir erhalten jedoch alle drei Monate die Leserzahlen. Solange diese steigen -- und das tun sie derzeit -- bin ich zumindest nicht beunruhigt. Über die Jahre hinweg habe ich auch begonnen, eine Vielzahl von Personen zu fragen, was sie vom Heft halten. Das Magazin ist zum Glück überdies ein Blatt, das viele Leserbriefe erhält. Und oft deckt sich das interne Ergebnis der Blattkritik mit der Aussenwahrnehmung.

Trotzdem: Es muss für Sie ein Privileg sein, sich grösstenteils dem wöchentlichen Druck entziehen zu können.

Ich mag intern nicht die Stimmung einer Redaktion aufkommen lassen, die nichts muss. Es ist vielmehr meine Aufgabe, den Themendruck aufrecht zu halten, damit wir stets die besten Geschichten im Heft haben. Wichtig ist das Boutiquen-Prinzip des Magazins: Wir treffen für den Leser eine Auswahl, von der wir überzeugt sind. Unsere Chance und Qualität ist, dass wir drei, vier Geschichten sowie drei Kolumnen bringen, welche die Leute wirklich lesen wollen. Gefährlich wäre, wenn wir denken würden, wir müssten ein Nachrichtenmagazin wie die Weltwoche werden oder den Spiegel zum Beispiel kopieren.

Ihr Vorgänger Res Strehle sagte vor Roger Köppels Rückkehr zur Weltwoche, er wolle Das Magazin gegen die Weltwoche positionieren. Halten Sie daran fest?

Der Grundgeist des Magazins ist jener eines liberalen Blatts. Das entspricht auch meiner persönlichen politischen Haltung.

…das sagt auch Roger Köppel.

Der Unterschied zwischen ihm und mir ist, dass er meiner Meinung nach den liberalen Pfad verlassen hat. Ich kenne und mag Roger Köppel gut, früher hielt ich ihn auch für einen überzeugten Liberalen. Mittlerweile aber finde ich, hueresiech, lieber Roger, Du bist ja eher ein Nationalkonservativer. Das Ganze spielt sich aber in einem sportlichen, freundschaftlichen Wettkampf ab.

Wer sind die härtesten Konkurrenten des Magazins?

Ich nehme die Sonntagszeitungen als starke Konkurrenten wahr. Sie zwingen uns, ein anderes Programm zu liefern. Und natürlich schau ich mir die Weltwoche sehr genau an. Sie ist nach wie vor ein sehr gutes Blatt. Ich bin am Donnerstag stets ein wenig nervös. Sind in der Weltwoche Geschichten drin, die bei uns stehen müssten, ärgert mich das. Lustig ist, dass die Weltwoche unter Köppel im Mittelteil des Heftes immer mehr das erfolgreiche Konzept des Magazins zu kopieren versucht.

Eine hausinterne Konkurrenz sind Sie seit kurzem los. Tamedia hat im Juni das Nachrichtenmagazin Facts eingestellt. Inwiefern hat sich dadurch der Auftrag des Konzerns an Sie verändert?

Ich erhielt keine Anweisungen des Verlags, die publizistische Ausrichtung anzupassen. Es haben sich aber einige ehemalige Facts-Mitarbeiter bei uns gemeldet. Hanspeter Bundi recherchiert an einer Geschichte, weitere Leute von Facts sind bezüglich einzelner Themen im Gespräch.

Haben Sie sich nicht erhofft, dass Tamedia mit der Einstellung von Facts gleichzeitig Das Magazin stärkt?

Wir diskutieren immer wieder, ob Das Magazin grösser und dicker werden soll. Entschieden ist aber noch gar nichts. Im Wesentlichen liegt es an Geschäftsführer Res Strehle und mir, abzuklären, ob dies nötig ist. Gegenwärtig ist das nicht mein Eindruck. Die Leserzahlen stimmen und das Feedback vieler Leser und Werber lautet nicht: Ihr müsst um jeden Preis dicker werden.

Falls Sie sich für einen Ausbau entschliessen: Wie würde Das Magazin künftig aussehen?

Vielleicht vier bis acht redaktionelle Seiten mehr. Das würde einem erlauben, leichter die Balance zu finden zwischen Lifestyle und harten Geschichten. Auch eine zusätzliche Kolumne aus dem Wissensbereich könnte ich mir vorstellen.

Das Magazin verfügt erst seit Kurzem über einen Online-Auftritt, welcher der Marke gerecht wird. Möglich wäre doch auch, den Ausbau im Online-Medium voranzutreiben.

Ich würde sehr gerne mehr im Online-Bereich unternehmen. Dazu fehlen uns aber die Ressourcen. Ich kann keinen Redaktor delegieren, der sich ausschliesslich um unsere Website kümmert. Das Internet ist für uns ein gutes Marketinginstrument -- mit dem wir sogar ein wenig Geld verdienen. Und die Website ist als Feedback-Kanal für die Leser sehr geeignet. Wir können im Internet auch den einen oder anderen Versuchsballon starten. So naiv zu glauben, dass wir damit bald sehr viel Geld verdienen werden, bin ich aber nicht.

(Interview: David Vonplon)



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