Herr Müller, ist "Sonntag" eine regionale oder eine nationale Sonntagszeitung?
Beides. "Sonntag" wird fünf nationale Bünde beinhalten und einen regionalen. Das ist unsere Stärke: Wir sind in den Regionen näher bei den Menschen als die Konkurrenz. Wir werden in der ganzen Zeitung Geschichten von nationalem Interesse haben, die vom Zürcher Mainstream-Journalismus ausser acht gelassen werden -- und solche spielen sich auch in unserem Stammgebiet ab.
Wie soll das gehen? Das Personal der "Sonntag"-Stammredaktion haben Sie fast ausschliesslich aus Zürcher Medienhäusern rekrutiert.
Es ist ein Unterschied, ob man sich nur im Zürcher Medienkuchen bewegt oder auch ausserhalb. Meine Kollegen, die bereits in Baden arbeiten, merkten rasch, dass es hier ein wenig anders vibriert. Einige Themen von nationaler Bedeutung werden in Zürich vernachlässigt.
Zum Beispiel?
Im Sport etwa heisst es nicht zu Unrecht, dass Tamedia, Ringier und das Schweizer Fernsehen sich auffällig stark für den FCZ und GC interessieren. Die sind für uns auch wichtig, aber es werden auch andere zum Zug kommen.
Der FC Aarau?
Auf der Sportauftaktseite wird Köbi Kuhn zu sehen sein, Roger Federer und Formel 1, das Spitzenspiel Basel gegen FCZ -- und der FC Aarau, wenn er auf Meisterkurs ist.
Zurück zum Thema nationale Sonntagszeitung: Ausserhalb des Mittellands kann man das Blatt nicht abonnieren?
Hier werden noch alle Optionen geprüft. Im Einzelverkauf sind wir auf alle Fälle vom ersten Tag an allen Kiosken in der Schweiz erhältlich.
Am MZ-Verbund sind fünf Partnerverlage beteiligt, es gibt eine Wochen- und eine Sonntagsredaktion. Wie wollen Sie da den Überblick behalten?
Es gibt eine klare Organisation: Alle überregionalen Themen wie Politik, Wirtschaft und Kultur laufen über das Medienhaus in Baden. Für die Regionalbünde sind die Partnerzeitungen verantwortlich, natürlich gibt es eine Koordination.
Was deckt "Sonntag" ab, was die etablierten drei nationalen Titel nicht bieten?
Wir wollen bei den grossen Themen vorne dabei sein und sie dank unserem tollen Team besser, origineller umsetzen -- ohne dabei marktschreierisch zu sein. Unsere Titelgeschichte fahren wir jeweils gross auf den Seiten 2 und 3. Aufgrund der hohen Anzahl Abonnenten -- rund 200'000 -- haben wir zudem mehr Spielraum, um zu experimentieren. Im Gegensatz zum SonntagsBlick etwa, der stark vom Einzelverkauf abhängig ist, können wir es durchaus einmal wagen, ein Thema auf die Front zu nehmen, das aus dem Rahmen fällt.
Wie würden Sie Ihre publizistische Linie umschreiben?
Wir schreiben unsere Geschichten nicht nach ideologischen Gesichtspunkten. Bei uns zählen allein journalistische Kriterien. Was aufregend, spannend und relevant ist, kommt ins Blatt. Ob links oder rechts ist mir egal.
Erklären Sie uns doch in kurzen Worten die Blattstruktur von "Sonntag".
Die Zeitung setzt sich aus sechs Bünden zusammen. Den Anfang macht ein Nachrichtenbund, der die Titelgeschichte, die Politik, eine Kolumne, wie auch eine locker-flockige Abschlussseite beinhaltet, die ein Event beleuchtet. Der zweite Bund heisst Menschen & Meinungen. Er beinhaltet ein grosses Wocheninterview, eine Meinungsseite, eine Gesellschaftsseite mit People-Geschichten sowie eine Serviceseite mit Wochenrück- und -Ausblick, die auch einen französischen Beitrag enthält. Bund 3 umfasst die Wirtschaftsberichterstattung sowie Reise- und Autoseiten. Dann folgen der Sportbund und der Magazinbund mit Wissen, Kultur, Lifestyle, Genuss und Denksport. Auch eine Seite für Kinder wird in diesem Teil zu finden sein. Den Abschluss macht der Regionalbund, der sich je nach Gebiet unterscheidet. Dieser beginnt in der Regel mit Artikeln aus dem Kanton, dann folgen Geschichten aus den Gemeinden.
Ihre Stammredaktion ist beträchtlich kleiner als jene der anderen drei nationalen Sonntagstitel. Ist es auch der Umfang?
"Sonntag" wird weniger Seiten umfassen als SonntagsZeitung und NZZaS. Mit etwa 50 redaktionellen Seiten ist der Umfang jedoch immer noch beträchtlich: Die Aargauer Zeitung zählt unter der Woche etwa dreissig Seiten, und wir sind auch umfangreicher als der Tages-Anzeiger. Ich bin glücklich, dass "Sonntag" nicht so dick ist wie die SonntagsZeitung und die NZZaS. Diese erschlagen den Leser fast mit ihrem Umfang
Welchem der bestehenden Titel gleicht das Erscheinungsbild von "Sonntag" am ehesten?
"Sonntag" versucht das Kunststück, gleichzeitig elegant und kraftvoll zu wirken. Unser Layout ist nach meiner Auffassung mutig -- es besitzt einige Elemente, die bestimmt zu reden geben. Leider kann ich noch nicht allzu viel verraten.
Sie haben im Schweizer Journalist eine Kooperation mit Le Matin Dimanche angekündigt. Der SonntagsBlick hat Ihnen diese abspenstig gemacht. Wie sehr ärgert Sie dies?
Der SonntagsBlick hatte diese Kooperation bereits bisher. Der Rückzieher des Matin hat keine publizistischen, sondern verlagstechnische Gründe. Mich ärgert das nicht sehr, denn von der Zusammenarbeit hätte vor allem Le Matin profitiert. Es wäre aber eine schöne Symbolik gewesen, Artikel über den Röstigraben hinweg auszutauschen.
Dass gerade Ihr früherer Arbeitgeber Ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, stört Sie nicht?
Unsere Konkurrenten nehmen den "Sonntag" offenbar sehr ernst: Ringier verbietet dem Matin die Zusammenarbeit mit uns, und mein anderer ehemaliger Arbeitgeber, die Tamedia, lanciert ein Dumpingangebot für die SonntagsZeitung in Solothurn. Die Nervosität scheint gross zu sein.
Sind andere Kooperationen mit Tageszeitungen denkbar?
Viele Tageszeitungen denken darüber nach, auch am Sonntag zu erscheinen. Die Basler Zeitung hat entschieden, sich am Samstag zu verstärken, lässt sich aber die Option Sonntag offen. Bei der Neuen Luzerner Zeitung ist eine siebte Ausgabe offenbar auch ein Thema. Die Frage ist letztlich, ob jede Zeitung für sich arbeiten will, oder ob sich Kooperationen ergeben. Wir sind dafür offen.
(Interview: David Vonplon)

