«Wir wollen die Leute länger bei uns halten»

Blue News - Blue News wird 30 und nutzt die Fussball-WM als Bühne für einen Website-Relaunch. CEO Claudia Lässer über das neue technische Fundament, Personalisierung ohne Filterblasen und die Frage, warum ein älteres Publikum kein Nachteil ist.

von Nick Lüthi

Claudia Lässer, der Relaunch von Blue News geht mitten in der Fussball-WM live. Das kann kein Zufall sein beim selbsternannten «Home of Football»…
Das war nicht von Anfang an klar, weil der Startschuss für das Projekt vor rund zwei Jahren fiel und wir damals noch nicht exakt wussten, wann die Umsetzung stattfinden würde. Als dann aber der Launch absehbar wurde, haben wir uns bewusst für die Fussball-WM als Bühne entschieden. Als «Home of Football» bietet sich das geradezu an. Zudem lockt ein Grossereignis wie eine WM erfahrungsgemäss immer viele Userinnen und User auf die Website.

Was ist alles neu?
Alles in allem gibt es optisch nur eine sanfte Anpassung. Im Backend ändern wir aber einiges und rüsten uns damit technologisch für die Zukunft. Es ist immer ein Abwägen: Wir wollen die User nicht zu stark irritieren mit einem komplett neuen Design und ihnen trotzdem einen Mehrwert und eine flüssige Experience bieten. Darum haben wir den Fokus auf eine bessere Bündelung der Themen auf der Site gelegt. Das Ziel ist es, die Leute länger bei uns zu halten. Das ist auch für die Werbekunden attraktiv.

Konkret hat Blue News ein neues Content Management System eingeführt. Es sei der Umstieg «von einem Traktor auf einen Ferrari», schreibt Chefredaktor Marius Egger. Wie profitieren die User davon?
Für die Nutzer wird Blue News vor allem schneller, übersichtlicher und dynamischer. Das neue CMS verspricht kürzere Ladezeiten, eine einfachere Navigation, bessere Live-Angebote und schafft insbesondere die technische Basis, um das Portal in Zukunft viel schneller mit neuen Funktionen weiter zu verbessern.

Mit dem Refresh der Website soll es auch eine stärkere Personalisierung geben. Kriegen Fussballinteressierte nur noch Fussball angezeigt?
Ich muss das relativieren: Den Grundservice an Nachrichten bieten wir immer allen. Wenn beispielsweise US-Vizepräsident JD Vance auf den Bürgenstock reist, dann bekommen das alle angezeigt. Wir schaffen keine Filterblasen, machen es aber den Usern einfacher, ihre Interessen zu finden. Schon heute kann man aktiv seine Präferenzen angeben, etwa beim FC Bayern ein Häkchen setzen, um den entsprechenden Content zu erhalten. Die Zukunft geht aber klar in die Richtung, dass wir über Algorithmen verstehen, welche Interessen die Nutzer haben, und ihnen weiterführende Inhalte entsprechend ausspielen, ohne dabei die für alle Menschen relevanten Nachrichtenlagen aus dem Blick zu verlieren.

Viele kennen Bluewin noch immer als E-Mail-Plattform. Wie wichtig ist dieser Service heute noch für den Besuch der Site?
Das E-Mail-Angebot ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte, auf die wir natürlich stolz sind. Aber genauso war Blue News von Anfang an auch eine Newsplattform – zuerst als «The Blue Window», später als Bluewin. Heute kommt die Mehrheit unserer User zu uns, weil Blue News ein qualitativ gutes Nachrichten- und Unterhaltungsangebot bietet. Die Kombination aus News, Entertainment und Sport zahlt sich aus: Wir registrieren inzwischen 37 Millionen Visits und über 72 Millionen Page Views pro Monat. Gerade mit Blue Sport und seinen exklusiven Inhalten bieten wir einen Mehrwert, den andere nicht haben.

Bei der Nutzerstruktur fällt auf, dass die Gruppe der über 60-Jährigen mit fast 40 Prozent sehr gross ist. Ist das ein Erbe der alten E-Mail-Kundschaft?
Wir liegen im Schnitt leicht über der Konkurrenz, das stimmt. Anders als viele andere Plattformen bedienen wir aber alle Alterssegmente. Die «Golden Ager» sind für uns in vielen Belangen attraktiv. Zudem sind wir auch bei den 36- bis 50-Jährigen sehr stark aufgestellt. Gleichzeitig erreichen wir die ganz junge Zielgruppe erfolgreich über Social Media, wo wir mit unseren Sport-Inhalten mittlerweile 2,6 Millionen Follower zählen.

Wie verteilen sich die Interessen auf dem Portal selbst?
Der News-Bereich bleibt mit rund 45 Prozent der stärkste Pfeiler. Sport macht etwa ein Drittel aus, der Rest ist Entertainment. Wenn etwas Weltbewegendes oder auch lokal Relevantes passiert, dann sind wir dabei. So berichten wir umfassend von der Fussball-WM mit einem Team vor Ort oder sind dabei, wenn nationale Ereignisse die Themenlage bestimmen. In solchen Momenten informieren sich auch jene User bei uns, die sonst primär wegen des Sports kommen. Wir haben in den letzten Jahren viel in eine schlagkräftige und effiziente Redaktion investiert. Es zahlt sich aus, gute Journalistinnen und Journalisten an Bord zu haben.

Ihr Mutterhaus Swisscom bietet mit «MyAI» einen eigenen Chatbot an. Setzt Blue News diesen auch ein?
Wir integrieren «MyAI» bei uns, etwa für automatische Zusammenfassungen unserer Artikel oder Übersetzungen. Zudem kann man auf der Seite auch direkt auf den «MyAI»-Service zugreifen. Aber das Thema KI ist grösser: Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass User ihre News-Interessen künftig vermehrt direkt über KI abfragen, statt auf Portale zu gehen. Da müssen wir Wege finden, um relevant zu bleiben.

Wie viel Swisscom steckt in Blue News?
Wir sind in der Entertainment Programm AG organisiert und als Medienhaus komplett unabhängig. Wir betreiben unabhängigen, faktenbasierten und fundierten Journalismus. Aber natürlich sind wir «in line» mit den Werten von Swisscom: Datensicherheit, guter Service und Vertrauenswürdigkeit sind für uns ebenso zentral.

Bietet ein grosser Telecom-Konzern im Rücken auch Sicherheit in schwierigen Zeiten?
Es hilft sicher, einen Konzern im Rücken zu haben, und wir nutzen Synergien. Aber wir haben eine eigene Erfolgsrechnung. Wir müssen als Plattform selbstständig Gewinn erwirtschaften und unsere KPIs erreichen. Die Konzernzugehörigkeit hat uns noch nie davon befreit, wirtschaftlich funktionieren zu müssen.

Für die Vermarktung setzt Blue News auf Ringier Advertising. Erst kürzlich wurde das Mandat nach einem Pitch verlängert. Was machen die besser als andere?
Ich schätze Thomas Passen sehr, der diese Unit verantwortet. Ringier Advertising begegnet uns auf Augenhöhe, sie sind kreativ und bieten 360-Grad-Lösungen über alle Plattformen an. Zudem verfügen sie über ein unglaublich starkes Netzwerk. Sie verstehen unsere DNA, und das ist in der Vermarktung entscheidend.

Gibt es mit Ringier und der Blick-Gruppe auch auf redaktioneller Ebene eine Zusammenarbeit?
Wir haben immer wieder Kooperationen, aktuell zum Beispiel beim Fussball, wo Blick die Highlight-Rechte der Super League hat. Wir sehen uns hier durchaus als Partner. Gemeinsam ist man oft stärker als allein.

Mit dem Relaunch bietet Blue News den Werbekunden neue Formate, etwa einen sogenannten «Branded Focus Container». So ist etwa Rolex als Partner in der Berichterstattung zum Segelwettbewerb SailGP prominent präsent. Wie stark treiben geschäftliche Überlegungen die Berichterstattung?
Es ist ein Zusammenspiel. Das Thema muss zuerst redaktionell funktionieren. Segeln ist ein spektakulärer Sport, der im TV toll funktioniert. Wir haben mit diesem weltweiten Wettbewerbsformat bereits drei Jahre Erfahrung gesammelt und merken, dass es bei uns sehr gut läuft. Weil wir alle Aktivitäten immer auch 360-Grad in unserem Plattformen-Ökosystem denken, bieten wir die Live-Streams und Berichterstattung auch online an. Dass der SailGP mit Genf nun auch in der Schweiz stattfindet und ein Schweizer Team am Start ist, hilft enorm, gerade weil wir den Anspruch haben, stets die Schweizer Perspektive einzunehmen. Wenn die Reichweite stimmt, können wir mit Kunden Storytelling betreiben. Wir hatten etwa auch einen Reporter, der mit auf den Renn-Katamaran ging und eine Video-Reportage lieferte. Das zeigt: Wir sind auch hier ganz nah dran.

Blue News wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Das ist kein klassisches Jubiläum. Warum feiern Sie trotzdem?
Drei Jahrzehnte finde ich einen grossartigen Wert, gerade in der schnelllebigen Internetgeschichte. Wir haben etwas zu erzählen und verbinden die Historie mit der Zukunft. Wir werden die User das ganze Jahr mit auf diese Reise nehmen und immer wieder Goodies auf der Seite anbieten. Höhepunkt aller Aktivitäten ist ein grosser Event am 15. September, dem Vorabend des Go-Live von «The Blue Window» im Jahr 1996.

Zum Schluss: Die Marke heisst Blue News, die Internet-Adresse lautet aber weiterhin bluewin.ch. Warum?
Das sorgt immer wieder für Diskussionen (lacht). Es hat schlicht historische Gründe und kommt auch von der Tatsache, dass wir die E-Mail-Adresse @bluewin.ch nicht anfassen werden. Wir haben die Domain in den letzten Jahren nie geändert – und das wird vorerst auch so bleiben.