«Zum ersten Kaffee schaute ich, ob die Welt noch steht»

6iBrief - Ein halbes Jahr lang hat Peter Aeschlimann im Alleingang aus Asien den Newsletter mit den wichtigsten Nachrichten aus der Schweiz verfasst. Nun übergibt er an seine Nachfolgerin und blickt zurück auf die Themenwahl im Morgengrauen, das faire Zitieren der Konkurrenz und die Einsamkeit in Bangkok.

von Nick Lüthi

Über 18’000 Personen haben den 6iBrief abonniert: Sie erhalten an jedem Wochentag um sechs Uhr den Newsletter des unabhängigen Zürcher Stadtmagazins tsüri.ch. Darin stehen die wichtigsten Nachrichten der Schweiz «verständlich wie von einer guten Freundin oder einem Freund erklärt», so die Eigenwerbung.

Ein halbes Jahr trug Peter Aeschlimann die redaktionelle Verantwortung für den jungen Newsletter. Geschrieben hat er den 6iBrief in Asien, um von der Zeitverschiebung zu profitieren. Der befristete Auftrag war eine «Workation» nach über zwanzig Berufsjahren bei Tages-Anzeiger, SonntagsBlick und Beobachter.

Nun gibt Aeschlimann die Kuration des Newsletters an die Journalistin Vanja Kadic ab und kehrt als Redaktor zum Beobachter zurück. Zeit für einen Rückblick: Wie wählt man jeden Morgen die richtigen Themen aus? Wie zitiert man fair aus fremden Artikeln? Und wie einsam ist es, ganz allein für 18’000 Leute zu schreiben?

Peter Aeschlimann, der 6iBrief verspricht, jeden Morgen um sechs Uhr die wichtigsten News der Schweiz zu liefern. Was reizte Sie an diesem Auftrag?
Ich hatte einfach Glück: Tsüri.ch suchte jemanden für den Newsletter, ich war «between jobs» und wollte entweder reisen oder etwas Neues lernen. Beim 6iBrief durfte ich beides.

Sie arbeiteten von Thailand, Japan, Kambodscha und Malaysia aus. Kam dabei doch so etwas wie Ferienstimmung auf?
Ständig! Zwar geht es frühmorgens im Dschungel in Thailand ähnlich hektisch zu und her wie in einem Newsroom. Der Sound und das Klima sind jedoch wesentlich angenehmer. Ich nahm mir ein Highlight pro Tag vor: einen Tempel besuchen, in einem Buchladen stöbern, ein noch schärferes Pad Krapao finden. Wenn man so viel Zeit im Ausland verbringen darf, kann man sich den Luxus leisten, wenig zu tun.

Sie hatten in der Vergangenheit bereits mehrfach über Japan berichtet. Lag es deshalb auf der Hand, dass Sie für die Arbeit am 6iBrief dorthin zurückkehrten?
Ich schreibe am liebsten über Dinge, die mich faszinieren. Japanische Alltagskultur gehört definitiv dazu. Wenn Sie mehrere Artikel von mir zum Thema gefunden haben, liegt das an meinem fortgeschrittenen Alter – und weniger an meinen journalistischen Stationen in der Vergangenheit. In Tokio besuchte ich bereits zum dritten Mal einen guten Freund von mir. Trotzdem bin ich noch weit davon entfernt, Japan verstanden zu haben.

Während die Schweiz noch schlief, suchten Sie bereits fleissig nach spannendem Lesestoff. Wie sind Sie bei der Auswahl der Themen vorgegangen?
Zum ersten Kaffee klickte ich mich durch die grossen Newsportale. Um herauszufinden, ob die Welt überhaupt noch steht. Anschliessend blätterte ich auf dem iPad die Print-Ausgaben der wichtigsten Schweizer Zeitungen durch. Schliesslich noch etwas Social Media und dann hatte ich ein grobes Gerüst beisammen für den 6iBrief. Als ich im Januar anfing, war die Brandkatastrophe von Crans-Montana gesetzt. Und damit auch der Ton des Newsletters. Später versuchte ich – trotz ICE-Morden oder Iran-Krieg – stets auch erbaulichere Themen zu bringen. Die Leute wollen nicht ausschliesslich Bad News zum Frühstück serviert bekommen.

Solche Briefing-Newsletter haben immer etwas Parasitäres, weil sie von der Arbeit anderer profitieren. Welche Regeln haben Sie, respektive tsüri.ch, für das Zitieren und Paraphrasieren von Artikeln anderer Medien gesetzt?
Der 6iBrief funktioniert wie eine Presseschau. Wir schreiben, worüber andere berichten. Korrektes Zitieren gehört also zum Konzept. Wissen Sie, was dabei am heikelsten ist? Wenn man ein Medium zitiert, das bereits – ohne Quellenangabe – bei den Kollegen abgeschrieben hat. Für Journalisten ist das Zitiertwerden stets ein kleiner Ritterschlag.

Was wurde gut gelesen, was funktionierte gar nicht?
Am meisten geklickt wurde das Worträtsel. Gefolgt vermutlich von Wetter-Geschichten. Da unterscheidet sich der 6iBrief nicht von der New York Times.

Wie streng waren die Vorgaben von tsüri.ch und wie gross war Ihr kreativer Spielraum bei der Gestaltung des Newsletters?
Die Gefässe sind gegeben, beim Bespielen geniesst man aber sehr viele Freiheiten. Der 6iBrief ist ein relativ junger Newsletter. Ich habe es sehr geschätzt, ausprobieren zu dürfen. Übrigens: An die maximalen Textlängen habe ich mich meistens gehalten!

Sie streuten immer auch persönliche Beobachtungen und Episoden ein. Wie viel davon verträgt es?
Das müssen Sie die Leserinnen und Leser fragen. Ich bekam Feedback von beiden Seiten. Manche fanden, es tue nichts zur Sache, wie sehr ich Spaghetti Bolognese mag. Die meisten aber schätzen die auflockernden Elemente – gerade bei trüber Newslage.

Hatten Sie auch Zeit für eigene Recherchen?
Sie meinen, wo in Siem Reap man die beste Pasta bekommt? Durchaus! Für den 6iBrief habe ich nur einmal ein Quote eingeholt. Ich wollte von einem Tierethiker wissen, ob man herzige Tiervideos auf Facebook empfehlen darf. Ansonsten beschränkte sich meine Rechercheleistung aufs kritische Hinterfragen und Doppelchecken: Ich habe keine Geschichte zitiert, von der ich nicht überzeugt war, dass sie stimmt.

Den 6iBrief haben 18’000 Leute abonniert. Was erhielten Sie für Rückmeldungen?
Es haben sich ungefähr gleich viele Leute abgemeldet, denen der Newsletter angeblich zu links oder zu rechts war. Insofern habe ich wohl nicht alles falsch gemacht.

Mit der Ausgabe vom Montag, 29. Juni, hat die Journalistin Vanja Kadic die Verantwortung für den Newsletter übernommen. Wie verlief die Übergabe? Was haben Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg gegeben?
Die Übergabe verlief wie schon bei mir damals: Mit einem Videocall über die sieben Weltmeere. Vanja muss ich gar nichts auf den Weg geben, höchstens vielleicht, das Abenteuer zu geniessen. Sie ist eine Top-Journalistin mit ganz viel Erfahrung und wird dem 6iBrief ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken. Ich freue mich sehr darauf!

Nach diesem halben Jahr für sich allein: Wie einsam war diese Arbeit?
Es kann schon einsam sein. Gerade am Anfang, wenn es auch in Bangkok noch dunkel ist und man weiss: Du musst das jetzt hinbekommen, und es ist niemand wach, der dir helfen kann.

Sie kehren nun zum Beobachter zurück. Was nehmen Sie von Ihrer Arbeit für den 6iBrief in die Magazin-Redaktion mit?
Ich habe viel über Newsletter gelernt. Fast die gesamte Branche setzt ja derzeit auf diese Medienform. Newsletter bieten eine elegante Möglichkeit, personalisierte Inhalte ohne Umwege an motivierte Empfängerinnen und Empfänger zu bringen. Das ist spannend!