18.04.2022

Emil Frey Gruppe

«Elektroautos machen durchaus Sinn»

Die in Zürich-Altstetten domizilierte Emil Frey Gruppe ist der grösste Autohändler Europas. Ein Gespräch mit Gerhard Schürmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung, über die Folgen der Pandemie, die Ukrainekrise, den Hackerangriff sowie den Siegeszug des Elektroautos.
Emil Frey Gruppe: «Elektroautos machen durchaus Sinn»
«Wir wollten nie die Grössten, sondern die Besten sein, und zwar die Besten im Erbringen der Dienstleistung», so Gerhard Schürmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Emil Frey Gruppe. Im Bild der Standort in Safenwil. (Bilder: zVg)
von Matthias Ackeret

Herr Schürmann, welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf den Automarkt?
Zunächst einmal macht mich der Krieg in der Ukraine natürlich persönlich sehr betroffen. Wir sind in verschiedenen Ländern tätig, die an die Ukraine grenzen, und dort spüre ich eine grosse Verunsicherung der Mitarbeitenden. Das Auto ist ein Investitions- und kein Konsumprodukt. Familien und Firmen überlegen es sich daher eher lange, ob sie ein neues Auto kaufen möchten. Demzufolge gibt es einen Bestellvorlauf von Kundinnen und Kunden. Wenn diese im vergangenen Jahr ein neues Auto bestellt haben, warten sie nun darauf. Diese Autos werden trotz Krise gebaut und auch ausgeliefert. Im Tagesgeschäft werden wir in den nächsten Monaten nicht viel von der Krise spüren. Mehr Sorgen macht mir hingegen, ob jene Kundinnen und Kunden, die sich in diesem März oder April um ein neues Auto kümmern wollten, überhaupt noch eines kaufen oder ob sie allenfalls abwarten und schauen, was weiter passiert.

Die Welt wird momentan ziemlich durchgeschüttelt: zuerst zwei Jahre Covidkrise, jetzt der Krieg in der Ukraine. Welches sind die grössten Herausforderungen für Ihre Branche?
Während der Covidkrise musste ich als Chef vor allem eines: nämlich Zuversicht ausstrahlen. Als im Frühjahr 2020 die Pandemie ausbrach, gaben wir unseren Mitarbeitenden drei Instruktionen: Erstens müssen die lokalen Bestimmungen und Gesetze, die in jedem Land anders sind, eingehalten werden. Zweitens ist es wichtig, die Kunden und sich selbst zu schützen, und drittens muss der Betrieb, im Dienst der Kunden, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten aufrechterhalten werden. Das hat im Grossen und Ganzen gesehen sehr gut funktioniert.

Haben Sie Wert darauf gelegt, dass Ihre Mitarbeitenden geimpft sind?
Ich selbst bin geimpft, habe aber keine Empfehlung abgegeben, dass man sich impfen soll oder nicht. Wir wiesen unsere Mitarbeitenden jedoch an, die Regeln ihres Staates zu befolgen. In der Schweiz hatten unsere Mitarbeitenden beispielsweise die Möglichkeit, sich während der Arbeitszeit, also auf Kosten des Arbeitgebers, impfen zu lassen, in Deutschland liessen wir die Impfbusse in die einzelnen Niederlassungen kommen. Wir haben dies in jedem Land anders gehandhabt und auf die kulturellen Eigenheiten Rücksicht genommen.

«Der Hackerangriff war natürlich eine böse Überraschung»

Ihre Gruppe wurde Anfang des Jahres durch einen Hackerangriff lahmgelegt. Was bedeutete dies für Ihr Unternehmen?
Der Hackerangriff war natürlich eine böse Überraschung. Die Emil Frey Gruppe hat sehr gut abgesicherte IT-Systeme, die beim festgestellten Angriff zum Schutz sofort gesamthaft heruntergefahren wurden. Das hat dazu geführt, dass für einige Tage die Systeme nicht zur Verfügung standen und die Kunden nur behelfsmässig bedient werden konnten. Unsere Mitarbeiter haben sich sehr gut verhalten und, wo immer möglich, geholfen, unterstützt und für die Kunden eine Lösung gesucht.

Zurück zur Automobilbranche: Viele Autos können momentan nicht ausgeliefert werden, weil bestimmte Teile fehlen. Woher kommt dieses Phänomen?
Als vor zwei Jahren die Pandemie ausbrach, fuhr die gesamte Automobilindustrie ihre Produktion sofort herunter. Dies musste auch den Zulieferern gemeldet werden, da jede einzelne Lieferung getaktet ist, teilweise auf die Minute genau. Durch die pandemiebedingten Massnahmen sind diese Just-in-time-Logistikketten zusammengebrochen und konnten bis heute nicht wieder reinstalliert werden. Dafür erlebte die Elektronikbranche einen riesigen Boom, mit der Folge, dass die Chip-Hersteller der Automobilindustrie auf diese Branche umschwenkten. Als die Autoproduktion nach dem ersten Lockdown wieder anlief, teilten viele dieser Produzenten mit, dass sie sich neu orientiert hätten und ihre Kapazitäten anders ausgelastet seien. Dies betraf alle Marken, wenn auch nicht überall im gleichen Ausmass, und führte zu massiven Lieferengpässen. Dazu kommt, dass das Umschwenken der Automobilindustrie von den Benzin- und Dieselmotoren mit traditionellem Entertainment-System auf Elektroautos mit ganz neuen Möglichkeiten dazu führt, dass heute ein einziges Auto zwischen 1500 und 2500 Halbleiter enthält. Was bedeutet, dass die Automobilindustrie heute viel mehr Halbleiter benötigt als noch vor ein paar Jahren. Um noch mal auf die Pandemie zurückzukommen: Es hat sich zudem und ganz grundsätzlich gezeigt, dass insbesondere das Bedürfnis nach individueller Mobilität gestiegen ist. Das Auto hat sich einmal mehr als sehr zuverlässiger und in jeder Beziehung sicherer Mobilitätspartner herausgestellt.

Sie haben die Elektroautos erwähnt. Hat Sie deren Siegeszug überrascht?
In der Schweiz schon, da die finanzielle Unterstützung durch den Staat nicht sehr gross ist. Viele Schweizerinnen und Schweizer möchten zum einen die neue Technik ausprobieren, zum anderen etwas Gutes für die Umwelt tun. Im Ausland werden die Elektroautos stärker subventioniert, pro Auto bezahlt der Staat bis zu 12'000 Euro Subventionen. Gleichzeitig werden Autos, die über herkömmliche Technologie verfügen, mit enormen Beträgen belastet. Das gibt einen riesigen finanziellen Gap und weckt beim Kunden gleichzeitig das Gefühl, er müsse unbedingt ein Elektroauto kaufen. Dazu bekommt man für ein E-Auto auch steuerliche Vorteile. In Holland zahlt man beispielsweise bei einem Elektroauto keine oder viel weniger Steuern als bei einem Benziner oder Dieselauto. Dort, wo die finanziellen Anreize da sind, überrascht mich der Boom bei den Elektroautos deshalb nicht. Elektroautos, richtig eingesetzt, machen durchaus Sinn und können eine tolle Sache sein. Um sowohl wirtschaftlich wie auch umweltschutztechnisch ein Maximum zu erreichen, plädieren wir aber für einen offenen Wettkampf der Systeme. Nur wenn die verschiedenen Techniken wie Wasserstoff, E-Fuels, Batterie-Elektro oder reine Verbrenner (oder Kombinationen davon) um die Gunst der Kunden kämpfen müssen, sind Lösungen wirklich effizient. Die Schwarmintelligenz der Kundschaft wird immer zu besseren Ergebnissen führen als eine verordnete Gleichschaltung durch die Politik. Die Emil Frey Gruppe ist der Marktführer bei Autos mit alternativen Antrieben in der Schweiz, sowohl bei den Personenwagen als auch bei den leichten Nutzfahrzeugen. Bei den PW haben wir 24 Prozent, bei den Nutzfahrzeugen 57 Prozent Marktanteil aller Autos mit alternativen Antrieben, die verkauft werden.

«Derzeit werden weitaus mehr Elektroautos verkauft, als man Ladestationen installieren kann»

Kritisiert wird, dass es wenig Ladestationen gebe. Existiert dieses Problem immer noch?
Es wird sogar noch schlimmer. Derzeit werden weitaus mehr Elektroautos verkauft, als man Ladestationen installieren kann. Es gibt zwei Varianten von Ladestationen. Die eine ist die öffentliche, an der alle Elektroautos für ihre Fahrt von A nach B aufgeladen werden können. Von diesen gibt es aber viel zu wenige. Eigentlich sollten die Ladestationen von denen gebaut werden, die Strom verkaufen wollen, so wie dies bei den Benzin-Tankstellen der Fall ist. Allerdings lässt sich momentan mit Strom kein Geld verdienen. Das ist das Problem. Die andere Variante sind die privaten Ladestationen, die beispielsweise in der Garage eines Einfamilienhauses installiert werden können. Für jemanden, der aber in einem Mehrfamilienhaus wohnt, ist dies viel schwieriger. Da stellt sich schon die Frage, wie Menschen, die keine eigene Ladestation bauen können, zu Strom für ihr Elektroauto kommen. Ausserdem sind Ladestationen wegen der Kupferkabel mittlerweile auch ein beliebtes Diebesgut. Dies alles sind grosse Herausforderungen, die sich in den nächsten Jahren stellen. Zudem müssen immer mehr Kabel verlegt werden, da der Strom nicht über die Luft angeliefert wird. Es braucht viel Leitungskapazität. Ob diese Stationen dann auch genug Strom geliefert bekommen, ist eine andere Frage. Kommt es zu den Stromengpässen, von denen die Politik momentan spricht, wird es einen Verteilkampf geben, bei dem der private Konsument mit seinen Ladestationen mit grösster Sicherheit nicht an erster Stelle stehen wird.

Seit 2017 ist die Emil Frey Gruppe europaweit der grösste Autohändler. Was bedeutet dies für Sie?
Wir wollten nie die Grössten, sondern die Besten sein, und zwar die Besten im Erbringen der Dienstleistung. Schon unser Gründer Emil Frey, den ich leider nicht persönlich gekannt habe, hat immer wieder betont, dass nicht die Grösse das Ziel sei. Diese komme, wenn wir die Arbeit gut und richtig machen würden. Wir führen keine Statistik, wo wir im internationalen Vergleich mit anderen stehen, dies ist bei uns intern absolut kein Thema. Wir haben uns immer auf unsere eigene Arbeit konzentriert und gesagt, was wir machen müssen, damit wir uns so entwickeln, wie wir das gerne haben möchten. Das war und ist unser Credo. Qualität und Nachhaltigkeit sind uns wichtig. Nachhaltigkeit aber nicht nur im Sinn der Umwelt, sondern auch bezüglich der Stabilität. Können wir uns finanziell etwas nicht leisten, so kaufen wir es auch nicht. Wir hatten schon viele Gelegenheiten, andere Unternehmen zu kaufen. Doch wir wollten uns nie verschulden. Unser Credo ist es, so aufgestellt zu sein, dass wir von niemandem abhängig sind. Dies ist ein wichtiger Teil unserer Erfolgsgeschichte und nicht das Wachstum. Vieles hat sich in unserer Firmengeschichte einfach ergeben, meistens sind die Gelegenheiten auf uns zugekommen. Am liebsten gründen wir die Firmen selbst und bauen sie auf. Emil Frey sagte schon, dass jeder, der Geld hat, eine Firma kaufen kann. Aber eine aufbauen und erfolgreich führen, kann nicht jeder.



Das vollständige Interview ist in der März-Ausgabe von «persönlich» erschienen. Informationen zum Abo finden Sie hier.

Die Emil Frey Gruppe wurde am 1. Oktober 1924 von Emil Frey als Reparaturwerkstätte für Automobile in Zürich gegründet. Zur Unternehmensgruppe gehören heute verschiedene Betriebe im In- und Ausland, die Dienstleistungen rund um Automobile sowie in den Bereichen Finanzierung und Versicherung erbringen. In der Schweiz vertritt die Gruppe als Generalimporteur 14 Auto- und 2 Motorradmarken und verkauft und repariert 30 Marken in 60 Garagenbetrieben.



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