20.12.2018

Migros

«Ich halte nichts von Klischees»

Martin Schläpfer ist wahrscheinlich der bekannteste Lobbyist der Schweiz. Ende Jahr wird er pensioniert. Was hat sich während seiner Zeit in Bern verändert? Ein Gespräch über zunehmende Fragmentierung, gute Lobbyisten und Trägheiten im Berufsverband.
Migros: «Ich halte nichts von Klischees»
«Die Politik hinkt der digitalen Revolution hoffnungslos hinterher»: Martin Schläpfer arbeitete jahrelang als Lobbyist der Migros. (Bild: zVg.)
von Matthias Ackeret

Herr Schläpfer, Ende Jahr verlassen Sie nun Bundesbern. Wie ist Ihre Gefühlslage?
Sehr gut. Meine relative Bekanntheit hängt auch mit der aktiven politischen Kommunikation der Migros zusammen, zum Beispiel im Kampf gegen die Fair-Food-Initiative. Das Berufsbild des Lobbyisten hat sehr unterschiedliche Ausprägungen. Die einen arbeiten diskret im Hintergrund, die andern treten öffentlich auf.

Mit Toni Brunner, Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann verlassen noch andere bekannte Exponenten das Bundeshaus. Gab es einen gemeinsamen Abschied?
Nein, das wäre dann doch vermessen. Mit Toni Brunner gab es im Sommer einen unvergesslichen Abend im Toggenburg – sozusagen einen vorgezogenen Abschied. Frau Leuthard lud mich als Referent an ihre letzte Departementstagung in Flüeli-Ranft ein. Ich ahnte, was Ende Jahr kommen sollte. Ich mag den Dialog mit ihr, ihre Präsenz, ihre entwaffnende Schlagfertigkeit.

Hängt Ihr Abgang auch mit dem Führungswechsel bei der Migros zusammen?
Nein, ausschlaggebend war eine Veränderung innerhalb der Stabstellen im Zusammenhang mit dem Effizienzprogramm des Migros-Genossenschafts-Bundes MGB. Ich gehe fünf Monate früher in Pension, bis Ende April bin ich noch in Diensten des MGB.

Ein bisschen pointiert formuliert: Lobbyisten haben einen ähnlich schlechten Ruf wie Journalisten. Haben Sie manchmal darunter gelitten?
Nie, ich halte von solchen Klischees eh nichts. Nicht jeder Banker ist raffgierig, und nicht jeder Politiker ein Spesenritter. Noch immer umweht die Aura des Geheimnisvollen das Lobbying. Doch wir sind keine Logenbrüder.

«Der Berufsverband hat zwar für mehr Transparenz gesorgt, aber leider etwas spät»

Sie waren vorher stellvertretender Chefredaktor der «Bilanz». Hatten Sie den Wechsel in den Lobbyismus nie bereut?
Nein, ich hatte Glück. Bei der «Bilanz» ging eine Epoche zu Ende. Was ich von angewandter Wirtschaft verstehe, verdanke ich auch meinen damaligen Kollegen mit Medard Meier an der Spitze.

Sind die Lobbyisten an Ihrer «Aussendarstellung» nicht auch ein bisschen selber schuld?
Da ist was dran. Der Berufsverband hat zwar für mehr Transparenz gesorgt, aber leider etwas spät. Nun braucht es mehr öffentliches Engagement von allen. Mitunter wäre etwas mehr Bescheidenheit angezeigt. Auch jene, die gelegentlich ein grosses Rad drehen, können nicht über Wasser gehen.

Was zeichnet einen guten Lobbyisten aus?
Politische Sensibilität, Leidenschaft und Erfahrung, Flair für Kommunikation und Augenmass. Er muss fähig sein, die spezifischen Stärken seiner Interessengruppe auszuspielen. Die einen sind in Kompaniestärke in den Räten präsent, die andern haben das Geld, um das Umfeld wohlwollend zu stimmen, wieder andere sind mitgliederstark und straff organisiert. Schliesslich gibt es jene, die die Sympathie der Medien geniessen.

Was war für die schwierigste Situation in den letzten Jahren?
Der Kampf gegen Bundesrat Blocher, Economiesuisse, Interpharma, FDP und SVP für die Parallelimporte patentgeschützter Güter. Das machte mir zu schaffen. Am Ende kam es gut. Doch was mir zu denken gibt: Nicht nur die Landwirtschaft, auch andere Branchen rufen vermehrt nach staatlichem Schutz oder beharren auf ihm wie der Stromsektor, Pharma, Apotheken, Drogerien, Markenartikler oder die Fuhrhalter. Einige glauben, sie gehörten quasi zum Service public. Das Volk ist da wirtschaftsliberaler. Es lehnte zum Beispiel die Buchpreisbindung ab.

«Kakophonie kann die Parlamentarier verwirren»

Wurden Sie auch einmal von den Politikern wegen Ihrer Tätigkeit attackiert?
Nein, wir sind ja nicht in Italien. Man duelliert sich verbal. Da werden aber schon mal Emotionen frei.

Wie hat sich der Lobbyismus in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren verändert?
Stark. Neben den mächtigen Verbänden besetzten früher vorab Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer das Feld. Heute boomt die Branche, weil der Staat immer mehr regulierend eingreift. Denken Sie an den Finanzsektor, den Datenschutz oder die Frage, wie man Facebook, Google oder Alibaba zähmen will. Die Politik hinkt der digitalen Revolution hoffnungslos hinterher. Wer seine Interessen nicht effizient vertritt, hat verloren. Zudem findet eine Atomisierung statt. Im Bankenbereich hat längst nicht mehr nur die Bankiervereinigung das Sagen. Je mehr Organisationen aktiv sind, desto schwieriger ist es, alle einigermassen auf Kurs zu halten. Kakophonie kann die Parlamentarier verwirren. Die Public-Affairs-Agenturen schaffen aber auch neue Bedürfnisse. Es werden Interessengemeinschaften gegründet, zum Beispiel für Mineralwasser oder für Erfrischungsgetränke, über deren Nutzen man geteilter Meinung sein kann. Und wer eine Volksinitiative lancieren will, kann das Konzept bei einer Agentur in Auftrag geben.

Sie werden nun pensioniert. Könnte es ein Schläpfer-Comeback im Bundeshaus geben?
Politische Kommunikation treibt mich um – das wird sich nicht ändern. Doch warten wir ab, bis es Frühling wird.

 

 



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Kommentare

  • René Lüchinger , 20.12.2018 23:59 Uhr
    Als ehemaliger Kollege bei BILANZ, lieber Martin, kann ich sagen, Du warst ein sauguter Politjourni, und es war ein Jammer, dass Du unserem Berufsstand verloren gegangen bist. Nach diesem Interview konstatiere ich: du musst auch ein sauguter Lobbyist für die Migros gewesen sein!
  • Dieter Widmer, 21.12.2018 10:03 Uhr
    Wer Martin Schläpfer näher kannte, lernte einen klugen Menschen mit breitem Horizont und dem bekannten Schaffhauser Witz kennen. Alles Gute, lieber Martin.
  • Marcus Knill, 21.12.2018 10:13 Uhr
    Lieber Martin Du bist nicht nur ein begnadeter Lobbyist. Du bist ein Multitalent: - Kompetenter Journalist - Vorbildlicher Medienrhetoriker und guter Kommunikator. Ich schätzte stets Dein Engagement und das verbale Feiten mit offenem Visier, welches leider vielen Politikern abgeht. für die Zukunft wünsch eich Dir weiterhin gutes Gelingen und viel Erfolg. Herzlich Marcus Knill

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