TV-Kritik

«No Billag» und «Yes Billag» in der «Arena»

Das Debattiergewitter findet seit Wochen ausserhalb des Fernsehstudios statt: Die «Arena» zur No-Billag-Initiative verlief harmlos – und ohne Gehässigkeiten. Die Abstimmung findet ja auch erst im März 2018 statt. Jonas Projer leitete die Sendung pragmatisch und unsentimental.

Ausgerechnet die beiden wichtigsten Teilnehmer waren die schwächsten Figuren in der Runde: Olivier Kessler, Co-Präsident von «No Billag», sowie Jean-Michel Cina, Präsident der SRG. Kessler, der sich in den letzten Monaten vor öffentlichen Auftritten drückte, hat erneut bewiesen, dass er nichts von Fernsehen und wenig von der Schweiz versteht. Er scheint überzeugt, dass die SRG auch ohne Gebühren problemlos weiter existieren kann und sprach gegen Schluss der Sendung bezüglich Finanzierung naiv von «freiwilliger Nächstenliebe». Ein Phantast.

Cina machte sich mit drei, vier kurzen und wenig überzeugenden Wortmeldungen bemerkbar. Der Walliser CVPler führte hilflos und ohne eine Prise Leidenschaft vor, dass er weder Visionen hat noch über einen Plan B verfügt. Mit so lahmen Auftritten gewinnt man keine Abstimmung.

323642515_2Moderator Jonas Projer (r.) mit Olivier Kessler, Co-Präsident «No Billag» (l.) und SVP-Nationalrat Gregor Rutz. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)


SVP-Nationalrat und No-Billag-Befürworter Gregor Rutz (liess Gspänli Rickli zuhause) gesteht der SRG bei aller Kritik immerhin zu, dass sie «vieles auch gut macht». Für FDP-Nationalrat Kurt Fluri ist die SRG eine «Staatsidee». Er warnt davor, das «Ross von hinten aufzuzäumen». SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher befürchtet bei einer Annahme der Initiative «Interessenmedien» und glaubt, dass die anderen Landesteile auf Fernsehen verzichten müssten. Und André Moesch, Präsident Telesuisse, betonte ausdrücklich, dass regionale TV-Sender nur dank den Gebühren «vernünftig Fernsehen machen können».

Für den Gewerbeverband ging Dieter Spiess anstelle des untelegenen Direktors Hans-Ulrich Bigler in die «Arena». Der SVPler und Schuhhändler kündigte an: «Der Heimatschutz für die SRG ist vorbei!» Und drohte: «Wir werden Sturm laufen!». Spiess und Co. wollen weder aufnehmen noch zugestehen, dass 75 Prozent der KMU gebührenbefreit sein werden, acht Prozent weniger bezahlen und «nur» Grossunternehmen hohe Gebühren entrichten müssen. Warum stehen Bigler, Spiess & Co. nicht einfach dazu, dass sie die SRG hassen?

Schade, dass im «Arena»-Studiopublikum offenbar nur No-Billag-Gegner sassen. Kein Thema war, dass die SRG tatsächlich zu gross und zu mächtig geworden ist. Dass die Gebühren mit 365 Franken ab 2019 nach wie vor (zu) hoch sein werden. Dass 7 TV- und 18 Radiosender übertrieben und masslos sind wie 1200 Mitarbeitende für die Programme der Tessiner und Rätoromanen. Oder dass ein Werbeverbot ab 20 Uhr (wie bei ARD und ZDF) im Sinn der Zuschauer und durchaus angebracht wäre.

Kaum Zweifel: Die No-Billag-Initiative wird im Frühjahr an der Urne grossen Zuspruch erhalten. Allerdings dürfte sie mindestens am Ständemehr scheitern. Die Diskussionen über die SRG und ihre Gebühren werden aber noch sehr lange weitergehen. Eine heftige Debatte über die Finanzierung und die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehens gibt es derzeit auch in Deutschland. Für 21 TV-Sender und 66 Radioprogramme bezahlen die Deutschen (schauen täglich 3,23 Stunden fern) weniger als 60 Cents pro Tag. Die Ministerpräsidenten aus dem linken und rechten Lager fordern Gebührenstabilität und sagen deutlich: «Beim Sparen geht noch mehr!» Falls die Sender den Riemen nicht sehr rasch enger schnallen, wollen die Politiker an die Programme ran.

Die Intendanten kämpfen und toben seit Wochen. Öffentlich. Jean-Michel Cina werden sie nicht als Berater beiziehen.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • Maja Reichenbach, 04.11.2017 11:52 Uhr
    Die SRG erfüllt, wie kein anderes Unternehmen, die Kriterien der SVP hervorragend: In der Schweiz produziert und konsumiert und ist demokratisch. Das ist freie Schweiz, so wie es die SVP propagiert. Es geht ihnen jedoch um Angriff auf unsere Demokratie, um Macht in den Medien und für uns nachher ein Erwachen wie z.B. in der Türkei? NEIN zu No-Billag, jede Stimme zählt!
  • Anna Böhringer, 04.11.2017 12:18 Uhr
    Kassensturz, die Philosophie - Sendung und 10 vor 10 sind die einzigen ,interessanten, Sendungen. Leider langweilig. Die
  • Nico Herger, 04.11.2017 13:12 Uhr
    @Maja Reichenbach: Es ist gerade umgekehrt. Die SRG verkörpert immer mehr Staat, immer höhere Steuern, Gebühren und Abgaben. Billag ist viel zu teuer für das Gebotene (vieles ist im Ausland eingekauft, nebenbei): Durchschnittslöhne (!) von weit über 100'000/Jahr. 320 Mitarbeitende flogen nach Sotschi für ein Ereignis, das weltweit höchstens 20 Länder interessiert. 7 TV- und 18 Radiosender für unser Ländchen. Die SRG steht für alles, was falsch läuft in den letzten Jahrzehnten. No Billag ist eine einzigartige Chance, dem Wuchern das Staats Einhalt zu gebieten. Wird die Initiative abgelehnt, kommen die Zwangsgebühren für die privaten Medien und damit die Frage: Wer bekommt wie viel? Und wer entscheidet? Diese Entwicklung muss unbedingt verhindert werden. Jede Stimme zählt!
  • Tom Briner, 04.11.2017 13:55 Uhr
    @Nico Herger. 7 TV Sender und 18 Radiosender für in Zukunft einen Franken pro Tag. Macht pro Sender 4 Rappen pro Tag. Das finde ich günstig. Sehr günstig sogar. Das kann ich mir locker leisten und ich verdiene deutlich weniger als 100‘000 Franken im Jahr.
  • Mike Kessler, 04.11.2017 16:01 Uhr
    Hoch lebe SRG ! bei aller berechtigter kritik, es geht um viel mehr, die Basis / Zusammenhalt der Schweiz !!! Nein Nein Nein. Von der SVP bin ich enttäuscht ...
  • Thomas Läubli, 04.11.2017 16:24 Uhr
    Wer eine Investition in Bildung, Kultur und Information als Zwangsgebühren bezeichnet, der ist kein Staatsbürger mehr, sondern ein Konsument, dem die passive Wahrnehmung wichtiger ist als die Meinungsbildung. Konsumenten sind naturgemäss empfänglich für Entertainment und die Politpropaganda der Privatmedien. Da mit der SRG der Gegenpol zu den Privatmedien, die schon heute ihre Interessenabhängigkeit von der Weltwoche über die einstige Qualitätszeitung NZZ bis zu diversen Lokalsendern (und was Blocher sonst noch kaufen will) sehr deutlich zeigen, verlorenginge, wäre keine von der Wirtschaft und Politik (Inserate!) unabhängige Berichterstattung mehr möglich. Die Befürworter von No Billag sollten sich nochmals sehr gut überlegen, ob sie wirklich das Kind mit dem Bade ausschütten wollen.
  • Toni Sandi, 04.11.2017 18:13 Uhr
    Liebe Schweizerinnen und Schweizer aufgepasst. Es ist hier in etwa das Gleiche, wie die damalige Regierung unter Craxi und später unter Berlusconi, die staatlichen Sender sollen linke Sender sein, die abgeschaltet gehören. Zum Glück merkten es die meisten Italiener und spielten dank sehr langem Kampf nicht mit, die RAI gibt es heute noch und man später klar feststellte, nach den mehreren Untersuchungen, dass es nichts wahres daran hatte. Die Sender waren immer genügend ausgewogen aber dafür die eigenen von Berlusconi nicht, obwohl auch private nicht parteiisch sein dürfen in Italien und Mediaset oft Bussen bezahlte und noch bezahlt. Jetzt sieht man das gleiche Spiel auch hier und so hoffe ich schwer, dass die Schweizer schlau sind und nicht reinfallen. Einzig was in Italien änderte, dass es die günstigste Gebühr Europas wurde mit 90 Euro im Jahr. Bitte findet auch diesen Kompromiss, denn ein Land nur aus privaten Sender, wird eure grossartige Schweizer Kultur bodigen. Die Minderheiten werden da kein Platz mehr haben.
  • Roman Widmer, 06.11.2017 01:09 Uhr
    Langsam geht mir die No-Billag-Diskussion auf die Nerven! Geht es doch noch bis zum Frühling, und doch schreien heute alle Medien inkl. die SRG-Mitarbeiter jeden Tag Pro und Kontra "No Billag". Eine differenzierte Diskussion ist kaum noch möglich. Ich stimme gegen die No-Billag-Initative, auch wenn ich finde, dass insbesondere das Deutschschweizer Radio und Fernsehen SRF enormen Reformbedarf hat. So finde ich zum Beispiel die Programme des Westschweizer RTS sehr gut! Die SRG-Programme in der Romandie sind höchst professionell, die Musiksender spielen super gute Musik (Couleur 3, Option Musique... zwei super Sender, will ich nicht missen). RTS hat Style, ist frech, urban, modern, frisch, jung. Und bietet ausgewogenen Journalismus. Gilles Marchand hat dort einen super Job gemacht! Ganz anders, wenn ich die SRF-Programme anschaue und anhöre: Kühe und Landfrauen, dämliche Quizshows, billiger Glanz&Gloria-Schrott mit Cervelat-Prominenz, Radio-Programme, die sich kaum von den Privatsendern unterscheiden und einfach Hits abspielen mit meistens Berner-Mundart-Schweizer-Musik....dabei ist die Schweiz doch viel mehr als nur Polo Hofer oder Gölä oder Francine Jordi???? Bei SRF herrscht wenig Kreativität. Auch SRF 3 war früher unkonventioneller, frecher. Heute spielt SRF3 genau wie SRF1 nur noch langweilige Hits. Eine SRF-Ausnahme gibt es: Die Informationssendungen der SRF4-Redaktion sind top!! Am liebsten würde ich nur für die Programme von RTS Gebühren zahlen. Aber das geht ja nicht. Die italienischsprachigen Programme kenne ich nicht, aber ich denke, auch die sind besser als SRF (es braucht nicht viel dazu).Kurz zusammengefasst: SRF wirkt bünzlig und langweilig, RTS ist urban und erfrischend. Man müsste SRF mal ausmisten, meiner Meinung nach. Frisches Blut würde dort gut tun.
  • Heinz Eschler, 16.12.2017 16:38 Uhr
    Man sollte weder Ja noch Nein stimmen wenn nicht die Bedingung erfüllt wird das die Filme nicht durch Reklame unterbrochen werden.Reklame vorher oder nachher,den wir zahlen nicht für die Reklamen.Was ich mir anschauen will kann ich immer noch selber bestimmen.Also Ja Billag wenn kein Unterbruch der Filme,alles andere bringt nichts!!!!
  • Karlheinz Manfred Ott, 05.01.2018 23:09 Uhr
    Hoffentlich wird die Initiative abgelehnt. Hoffentlich........
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