TV-Kritik

Überraschendes Eingeständnis bei «Schawinski»

Roger gegen Roger. Der Ombudsmann SRG-Deutschschweiz wagte sich am Montag in die Höhle des Löwen und stellt sich den Fragen von Roger Schawinski. Dabei kam aus: Wie der Star-Talker geht auch der Ombudsmann Ende März nicht freiwillig, wie es publiziert und bis anhin angenommen worden war. Er wurde vom Wahlgremium Publikumsrat nach vier Jahren abgesetzt!

Blum bei «Schawinski»: «Ich war bereit, noch zwei weitere Jahre zu machen, weil ich körperlich und geistig fit bin. Doch der Publikumsrat sagte: Jetzt ist Schluss!» Wenn SRG-Ombudsmänner gehen, ist niemand betrübt. In einem verpatzten Wahlprozedere wurden die Publizistin Esther Girsberger und Mediendozent Kurt Schöbi zu Blums Nachfolgern gewählt. Zeitgeistmässig ein Mann und eine Frau. Das Duo übernimmt am 1. April. Ob es toleranter und humorvoller agieren wird, muss sich erst noch weisen.

Blum ist Medienwissenschafter, Historiker und Journalist. Der 75-Jährige wehrt sich nicht gegen die Bezeichnung Selbstdarsteller. Ab und zu hatte er sich in seinem Amt auch im Ton vergriffen. Deswegen bekam er einen zünftigen Nasenstüber von Susanne Hasler, Präsidentin des Publikumsrates. Diese schrieb: «Grundsächlich ist eine Sachlichkeit in der Sprache nie verkehrt. Das gilt für den Ombudsmann in gleichem Masse wie für den Beanstander.» Blum bei «Schawinski»: «Ja, das war eine Rüge.»

Der einstige «Tages-Anzeiger»-Redaktor («Ich war ein Interpretationsjournalist») ist bis heute gerne mit erhobenem Zeigefinger an der Arbeit, und hat als Ombudsmann mehrfach über das Ziel hinausgeschossen. Er rügte Sendungen, die meist einzig von den Beanstandern bemängelt worden sind. Drei Beispiele: Blum kam in einem Bericht zum Schluss, Roger Schawinski habe in seiner TV-Talksendung die deutsche Prostituierte Salomé Balthus blossgestellt und deren Menschenwürde verletzt (persoenlich.com berichtete). Nicht nachvollziehbar.

Oder: Über die «Schawinski»-Sendung mit Magdalena Martullo-Blocher zur Selbstbestimmungsinitiative schrieb Blum in seiner Stellungnahme, der Talker habe sich «vorurteilsgbeladen, agressiv, erregt, wütend und oft hämisch« aufgeführt. Allerdings war es direkt nach der Sendung zur Krönung gekommen: Als Dank für die faire Sendung hatte Martullo TV-Gastgeber Schawinski eine Engadiner Panettone geschenkt...

Ebenso unbegreiflich war, dass Ombudsmann Blum einen Gag von Michael Elsener in der Satiresendung «Late Update» missbilligte (persoenlich.com berichtete). Der Komiker hatte als deutscher Journalist Froschmeier (eine Kunstfigur!) SP-Präsident Christian Levrat interviewt und dabei Ronja Jansen als «Miss Juso» und «heiss» bezeichnet. Jansen reichte Beschwerde ein – und bekam prompt recht. Und endlich Aufmerksamkeit.

Ja das sei sexistisch gewesen, hatte der SRG-Humorpolizist nämlich festgestellt. Der Journalist sei nicht «typengerecht» gewesen, erklärte Blum auch bei «Schawinski». Was immer das heissen mag. Blum weiter: «Diese Figur hatte in der Konstellation mit einem realen Politiker die Juso-Präsidentin diffamiert.» Selbst mir bekannte SP-Miglieder hatten sich über die Beschwerde lustig gemacht. Und vor allem über Blums Argumentation.

Roger Schawinski war in seiner aktuellen Sendung noch beherzter als gewohnt: «Ich habe das Gefühl, das Fernsehen da wird immer biederer, ängstlicher und zurückhaltener. Zum Teil wegen politischem Druck, zum Teil wegen der Führung in diesem Haus. Und dann kommt der Ombudsmann und macht alles noch schlimmer mit solchen Urteilen.»

Schawinski verabschiedete sich von Blum mit den Worten: «Eine solche Sendung wird es wahrscheinlich nicht mehr geben auf diesem Sender. Weil ich der letzte unabhängige Journalist war.» Stimmt leider. Ab April kann der Ombudsmann a.D. gelassener fernsehen. Wenn auch unfreiwillig.


René Hildbrand
René Hildbrand ist Journalist, langjähriger Fernsehkritiker und Buchautor. Während 27 Jahren war er für «Blick» tätig, danach Chefredaktor von «TV-Star».

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Kommentare

  • Agnès Laube, 19.02.2020 11:02 Uhr
    Roger Schawinski verkraftet seinen Abgang anscheinend nur schwer. Er soll der letzte 'unabhängige' Journalist gewesen sein??? Mit Verlaub, Herr Hildebrand. Der Text riecht nach Kumpelei. Und auch das Urteil im Fall Baltus war – anders als sie (aufgrund welcher Quelle?) angeben, sehr nachvollziehbar.
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