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Emmen ist der Medienstar

Stefan Millius

Es gibt derzeit wohl keine Schweizer Gemeinde, die auf einem schweizweiten Informationsportal so präsent ist wie Emmen im Kanton Luzern. Das ist einigermassen erstaunlich. Zwar ist die Gemeinde mit rund 30'000 Einwohnern sicher kein Zwerg. Als pulsierendes Zentrum der Schweiz galt sie bisher dennoch nicht. Geschafft hat sie den medialen Aufschwung dank der noch jungen Newsplattform nau.ch – und vermutlich durch einen eifrigen Verwaltungsangestellten, der gerne schreibt.

Eines der besonderen Merkmale von «Nau», das ansonsten ziemlich austauschbar aussieht und funktioniert, ist der Einbezug der Leser. Der von Anfang an kommunizierte lokal-regionale Anspruch wird nicht durch Redaktionen vor Ort eingelöst, sondern dank Leserbeiträgen. Vereinfacht gesagt kann man sich einloggen, etwas schreiben, es abschicken und sich dann freuen, sobald die Meldung online ist. Ein richtiges Mitmach-Medium. Schön für jeden, der mitmacht. Wie es auf der Leserseite aussieht, ist eine andere Frage. Denn nach welchen Kriterien diese Meldungen ausgewählt beziehungsweise gefiltert werden, ist unbekannt. Aber klar ist am Beispiel von Emmen: Wer fleissig in die Tasten haut, der schafft es ins Portal. Und zwar mehrfach.

«Emmen stimmt über ‹Neuschwand› ab», «Emmen: Wie das Ämmali erschaffen wurde», «Emmen: Beschwerde verzögert Erweiterungsbau der Schulanlage Erlen», «Emmen: Feigel wird neuer Leiter des Bereichs Gesellschaft»: Mit solchen packenden Themen, die quer durch alle Landesteile elektrisieren, wird man derzeit auf nau.ch konfrontiert. Keine Frage: Wenn es nach «Nau» geht, muss die Schweiz umfassend über die gemeindeinternen Vorgänge von Emmen informiert werden.

«Gut gemeint, aber…» ist wohl das erste, das einem da einfällt. Ohne Frage gewinnt der Lokaljournalismus gerade in Zeiten der Zentralisierung bei den Printmedien laufend an Bedeutung. Jeden interessiert, was vor der eigenen Haustür passiert. Meine steht allerdings leider nicht in Emmen, sondern in Appenzell Innerrhoden. Nun könnte ich mich natürlich via Facebook-Konto bei nau.ch einloggen und die Welt darüber in Kenntnis setzen, dass die 10. Ebenalp-Trophy ins Wasser fällt und es in Gonten zu einem Wechsel in der Jugendkommission kommt. Die Frage ist nur, ob ich da das richtige Publikum habe. Wenn das Beispiel Schule macht und alle Emmen übertrumpfen wollen, dürfen wir uns bald durch Zonenplanänderungen in Pratteln und den Zebrastreifenkurs im Kindergarten Schwamendingen scrollen.

«Nau» scheint es egal zu sein, ob man da noch von Relevanz und Zielgruppengerechtigkeit sprechen kann. Mit gutem Gewissen können die Betreiber sagen, dass man aus den diversen Schweizer Regionen berichtet. Nicht systematisch, nicht redaktionell geprüft, aber man tut es. Nützen wird das keinem so richtig. Sollte Emmen nun einen Aufschwung als Standort für Private und Unternehmen erleben, nehme ich selbstverständlich alles zurück.


Stefan Millius ist geschäftsführender Partner der Kommunikationsagentur insomnia GmbH und der Ostschweizer Medien GmbH in St. Gallen.

Unsere Kolumnisten vertreten ihre eigene Meinung. Sie deckt sich nicht in jedem Fall mit derjenigen der Redaktion.

 

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