08.12.2017

Regionalmedien-Allianz

Sechs Antworten zum Medien-Deal des Jahres

Im Kampf ums Überleben schaffen AZ und NZZ ein riesiges neues Unternehmen. Warum fehlt «Watson»? Wer profitiert? Und was heisst das für die Sonntagstitel? persoenlich.com beleuchtet Details zum «historischen Schritt», wie Peter Wanner die Allianz vor den Medien bezeichnete.
Regionalmedien-Allianz: Sechs Antworten zum Medien-Deal des Jahres
Sie führen die Allianz: CEO Axel Wüstmann und AZ-Verleger Peter Wanner sowie NZZ-Präsident Etienne Jornod und Pascal Hollenstein (Chefredaktor NZZ-Regionalmedien). (Bild: Keystone)
Von Edith Hollenstein und Michèle Widmer

Die Verträge zum grössten Schweizer Medien-Deal dieses Jahres sind erst am Mittwoch unterschrieben worden (persoenlich.com berichtete), vieles ist deshalb noch unklar – so auch das Startdatum des Joint Ventures und der Name. Ähnlich war die Situation im Sommer 2015 bei der Allianz von Swisscom, SRG und Ringier. Auch damals fehlte ein Name, intern wurde «Tell» als Projekttitel verwendet. Extern war die Rede von «Werbe-Joint-Venture» oder «Werbe-Allianz», bevor etwa ein halbes Jahr später der Name «Admeira» bekannt wurde.

Analog dazu wird die neue Firma der AZ Medien und NZZ vorerst «Zeitungs-Joint-Venture» oder «Regionalmedien-Allianz» genannt, bevor in einigen Wochen bekannt wird, wie das Konstrukt sich selber betiteln will. Als Name könnte sich persoenlich.com «ANZZ» vorstellen (geeignet auch für englische Aussprache: «änz») und «Trinidad», für den Fall, dass sogar noch ein Projektname gefunden werden muss.

Darüberhinaus wurden an der Medienkonferenz im Zürcher Landesmuseum folgende Punkte etwas klarer:



1. Was gehört eigentlich alles dazu? Hier die wichtigsten Eckdaten:

TitelAZNZZ

  • 2000 Mitarbeitende

  • 80 Marken

  • 2 Millionen tägliche Kontakte in der Deutschschweiz

  • 500 Millionen Franken Umsatz 

  • 20 Bezahlzeitungen in 13 Kantonen

Nicht dabei sind von der NZZ die Geschäftsbereiche NZZ Medien (NZZ, «NZZ am Sonntag», «NZZ Folio», NZZ-Magazine) und die Business-Medien sowie die konzessionierten Radio- und TV-Sender.



2. Warum gehört «Watson» nicht dazu?

Im neuen Zeitungs-Joint-Venture befinden sich alle Titel der AZ Medien ausser «Watson» und die konzessionierten Radio- und TV-Stationen. Letztere dürften bald schon ebenfalls mitaufgenommen werden, dann nämlich, wenn die «2 plus 2»-Regel fallen wird.

Peter Wanner bliebe dann also von seinem ursprünglichen Unternehmen AZ Medien einzig watson.ch. «Watson ist ein Start-up, es braucht Freiraum und unternehmerische Freiheiten», begründete Wanner auf eine entsprechende Frage an der Medienkonferenz. Es sei aber denkbar, dass das Portal «eines Tages» ebenfalls Teil der Allianz werde. Wanners Formulierungen können so gedeutet werden, als dass die NZZ es als zu grosses Risiko erachtet, das derzeit noch Verluste schreibende «Watson» mitaufnehmen zu wollen.

Auch wenn «Watson» fehlt, wird das Portal trotzdem profitieren können. Wie CEO Axel Wüstmann am Rande der Medienkonferenz sagte, wird watson.ch künftig nicht mehr «nur» Texte von AZ, etwa der «Aargauer Zeitung», sondern auch vom «St. Galler Tagblatt» oder der «Luzerner Zeitung» übernehmen dürfen.



3. Wer hatte an der Medienkonferenz vom Donnerstag die Hosen an?

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Alle trugen Hosen, wie das Foto oben vermuten lässt. Aber im Ernst: Für Peter Wanner war das sicher keine einfache Entscheidung. Mit der Unterschrift unter eine 50:50-Beteiligung gibt er einen beträchtlichen Teil der Kontrolle über sein Medienhaus ab. «Ein historischer Schritt», wie der 73-Jährige sagt. Für ihn sei der Zusammenschluss nicht einfach gewesen: «Ich gebe die ganzen AZ Medien in ein Joint Venture hinein.» Aber der Medienmarkt verändere sich gerade fundamental. Das neue Unternehmen sei auf die Herausforderungen vorbereitet.

Unter den vier an der Medienkonferenz in Zürich referierenden Herren überzeugte am ehesten Pascal Hollenstein mit rhetorischer Kompetenz, die mitunter in seiner Zeit als Medienchef von Axa und bei Viktor Vekselbergs Firma Renova begründet liegen könnte. Schon die Tatsache, dass er erst als letzter reden durfte, wusste er geschickt zu einer positiven Botschaft zurechtzuspinnen: «Das heisst nicht, dass wir zuletzt kommen, sondern ich habe den Eindruck, dass die Publizistik bei diesem Projekt ganz oben, ganz vorne steht». Dann legte Hollenstein sogar noch einen Gang zu und behauptete im fröhlichen Ernst: «Wir bringen etwas zusammen, was im Grunde eigentlich zusammen gehört».

Sowohl AZ als auch NZZ hätten einen klaren «Fokus auf die Publizistik», beide glaubten «an den Wert des Journalismus». Im Gegensatz zu anderen Verlagen, die das nicht tun würden. An dieser Stelle blickte Hollenstein in die Ränge, wo rund 50 Journalisten an den Tischen sassen, und sagte: «Vielleicht arbeiten Sie ja für solche?». Es ist ein geschickter Zug, die Zuhörer dazu zu bringen, sich für einen kurzen Moment der eigenen Situation zu vergegenwärtigen. Ebenso geschickt, wie er sich bedankte: beim Verwaltungsrat und bei den Mitarbeitenden.

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Und hier weitere Aussagen von Hollenstein, die in Best-Practice-PR-Handbücher aufgenommen werden könnten: 

  • «Als Ziel haben wir alle das Gleiche und es ist klar: Wir wollen noch besseren Journalismus machen.»
  • «Wir haben mit dem Zusammenschluss Tagblatt-LZ bewiesen, dass am Ende der Leser profitiert.»
  • «Ich freue mich auf intensive Diskussionen.»

  


4. Was verbindet Etienne Jornod und Peter Wanner?

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Publizistik, Unternehmergeist und Fussball. Aber der Reihe nach. Der miserable Zustand der Branche lässt Konstrukte entstehen, «die man vor ein paar Jahren ins Reich der Fantasie verwiesen hätte», schreibt Matthias Ackeret im persoenlich.com-Blog über das Zusammengehen in den Regionen der zwei Firmen. NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod und AZ-Verleger Peter Wanner versuchten vor den Medien dennoch ihre Parallelen hervorzuheben. «Die AZ Medien passen strategisch und kulturell zur NZZ», startete Jornod. Beide würden, im Gegensatz zu anderen, langfristig auf Publizistik setzen. Wanner doppelte nach: «Jornod sagte mir als erstes, dass Familienunternehmen die besten sind. Da wusste ich, dass wir als Unternehmer gleich denken». Mit eine Rolle bei den im Sommer gestarteten Verhandlungen habe der Sport gespielt. «Wir haben häufig über Fussball gesprochen», sagte Jornod fast schon strahlend.



5. Wer profitiert von wem in der Technik?  

Das Joint Venture arbeitet «partnerschaftlich mit der NZZ-Mediengruppe zusammen und bezieht unter anderem deren Technologie-Dienstleistungen», hiess es unter anderem an der Medienkonferenz. Der künftige CEO Axel Wüstmann nennt gegenüber persoenlich.com am Rande der Medienkonferenz Details. So werde das Joint Venture von der NZZ Technologie-Dienstleistungen einkaufen. «Wenn einer der Partner die Technologie für eine Paywall entwickelt hat, wird das Joint-Venture davon profitieren können», sagte Wüstmann.

Bezüglich der Bezahlschranke dürfte diese Technologie von Seite NZZ kommen, bei den Regionalmedien soll eine solche eingeführt werden. Zudem von der NZZ einfliessen dürfte das CMS für das Joint Venture. Bei den Regionalmedien arbeitet man an einem System, welches von den Onlineportalen in der Ost- und Zentralschweiz zugleich bedient werden kann. Fraglich ist, was mit den verschiedenen Layouts passiert. Jene von den Ostschweizer und den Innerschweizer Medien der NZZ haben sich diesbezüglich bereits angeglichen. Gut möglich also, dass die AZ-Titel bald folgen. Wüstmann betont allerdings: «Alle Titel sollen ihren eigenen Charakter behalten.»



6. Welche Folgen hat der Entscheid für «Schweiz am Wochenende» und «Südostschweiz»?

Patrik Müller bleibt weiterhin Chefredaktor von «Aargauer Zeitung» und «Schweiz am Wochenende». Die Wochenendausgabe werde in Zukunft vielleicht noch ausgebaut, erklärte Wanner vor den Medien in einem Nebensatz. Auf Nachfrage sagte er, dass langfristig ein Zusammenschluss von «Ostschweiz am Sonntag» und «Zentralschweiz am Sonntag» «denkbar» wäre. Allerdings sei in der Sache noch nichts beschlossen, ergänzte Pascal Hollenstein. Darum ist auch nicht klar, ob diese Zeitung dann am Samstag erscheinen soll oder am Sonntag.

Das Joint Venture tangiert ausserdem womöglich auch die Churer Somedia des Verlegers Hanspeter Lebrument. Nicht nur am Wochenende: Auch die Tageszeitung «Südostschweiz» arbeitet seit Jahren mit der «Aargauer Zeitung» im überregionalen Teil eng zusammen. 

 

 



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